Kaiserslautern Leider von der Öffentlichkeit unbemerkt
In diesem Jahr feiert die Waldorfschule ihren 100. Geburtstag. Weltweit 1149, in Europa 779 Schulen und in Deutschland 245 basieren auf der von Rudolf Steiner entwickelten anthroposophischen Waldorfpädagogik. Das am Montag in der Unionskirche in Kaiserslautern gastierende Salzburger Schülerorchester Bella Fortuna repräsentierte eindrucksvoll diesen pädagogischen, fundamentalen Ansatz.
Das leider von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkte Konzert war für den Waldorf-Ansatz der gleichberechtigten kognitiven, künstlerischen und handwerklich-praktischen Förderung richtungsweisend. Denn um das sehr breit gefächerte Repertoire, die wechselnden Formationen und Stilrichtungen vom Mittelalter bis in die Gegenwart zu würdigen, muss man sich von einer rein kunstästhetischen, werkimmanenten und leistungsorientierten Besprechung und Sichtweise verabschieden. Und auch von dem gängigen Anspruch, zyklische Werke komplett aufführen zu wollen. Gegeben wurden am Montag nur Einzelsätze. Bei den immerhin 16 verschiedenen Aufführungen im Konzert war das Ziel nicht primär das Erreichen und Vorstellen einer konventionellen Konzertreife. Vielmehr hegt Leiter Michael Walter, Lehrer an der Salzburger Waldorfschule und auch Dozent an der Mozarteum-Hochschule, den Ansatz, seine Schüler an möglichst viele Facetten der Vokal- und Instrumentalmusik heranzuführen. So trat das in reduzierter sinfonischer Besetzung musizierende Schulorchester nach dem Orchesterpart auch als vierstimmiger Chor auf, hierzulande ein Novität. Der Chor faszinierte dabei sowohl im unbegleiteten A-cappella-Stil der spätmittelalterlichen Gregorianik wie bei einer Wiener Weise im Volkston und bei einem Klassiker der Comedian Harmonists (dieser mit Klavier- und Gitarrenbegleitung) durch stimmliche Reinkultur. Was Wunder: Reine Intonation wird eher begünstigt durch fundierte Notenkenntnisse, die Orchestermusiker ja haben. Die Überlegung der Gleichberechtigung der verschiedenen Fähigkeiten spiegelte sich auch in der Gleichstellung von Chor, Orchester und daraus gebildeter Bigband. Es gab keine Trennlinien zwischen sogenannter U- und E-Musik und auch nicht zwischen vokal und instrumental: Alles floss und wurde zu einer spürbaren Herzensangelegenheit, alle zogen an einem Strang. Stilpuristen und Perfektionisten fänden bei den Interpretationen sicherlich interpretatorische Einschränkungen, weil herausragende Meisterwerke wie Schuberts „Unvollendete“, Dvoraks Sinfonie aus der Neuen Welt und Orchestersätze zu wechselnden Solokonzerten in diesem Stadium von Musikschülern noch gar nicht werkgerecht perfekt umgesetzt werden können. Doch darum geht es nicht. Vielmehr schimmerten nach kleineren Einschränkungen der Ausführenden immer wieder die Geniestreiche großer Komponisten, die Erhabenheit bedeutender Musik durch. Es gelangen so immer wieder nach kurzen Eintrübungen mangels klanglicher Homogenität Momente musikalischer Faszination und Inspiration. Dieses gut funktionierende Kollektiv birgt sogar erstaunliche Solisten, die dann wirklich den künstlerischen Ertrag auf Hochschulreife steigerten: Etwa die Zwillinge Samuel Sigl an der Trompete bei Haydns Trompetenkonzert und seine Schwester Teresa auf dem Cello bei Bruchs Charakterstück. Und bei den Vokalisten konnte Ann-Sophie Hauer bei Werken von Händel und Fauré mit ihrer beseelten Stimme jedes empfängliche Gemüt bewegen.