Kaiserslautern / Neustadt
Landesgartenschau: Vom Schandfleck zum Besuchermagnet
„Der Geist, etwas tun zu wollen, war damals übermächtig.“ So bringt Joe Weingarten auf den Punkt, wie die Stimmung in Kaiserslautern um die Jahrtausendwende war. Die erste Landesgartenschau (LGS) Rheinland-Pfalz stand bevor, und alle spuckten in die Hände, damit sie ein Erfolg wird, vorneweg die Geschäftsführer Joe Weingarten und Matthias Schmitt – der eine kam aus der Staatskanzlei, der andere war bis dahin in Baden-Württemberg als Landschaftsarchitekt für Landesgartenschauen aktiv.
Eine Million Besucher standen in Kaiserslautern am Ende unterm Strich, doch viel wichtiger: Bis heute dient das Gelände für Naherholung und Veranstaltungen, es hat sich als Gartenschau gehalten. Das soll auch für Neustadt gelten, wenn dort im Oktober 2027 die fünfte Landesgartenschau zu Ende geht. Neustadt hat sich den „Sprung ins Grüne“ vorgenommen, um in seinem Osten nahe des Bahnhaltepunkts Böbig ein Naherholungs- und Sportareal zu schaffen. Insofern könnte man sagen, dass sich der Kreis nach einem Vierteljahrhundert Landesgartenschau schließt.
Paul Münch lässt grüßen
Die Ausgangslagen vor 25 Jahren und heute waren allerdings unterschiedlich. In Kaiserslautern galt es, binnen zwei Jahren und für rund 22,5 Millionen Mark eine hässliche innerstädtische Industriebrache in den Bereich Neumühlepark und eine Ackerfläche in den Bereich Kaiserberg umzubauen, insgesamt 22 Hektar. „Wir haben ein Stück vom Paradies in diese schöne Region zurückgeholt“, wird Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) bei der Eröffnung am 20. April 2000 in Anlehnung an Mundartdichter Paul Münch sagen.
In Neustadt werden 24 Hektar Brachfläche in eine Naturlandschaft aus Wasser, Wald, Wiese, Weinbau und Garten umgewandelt, inklusive Sportpark, einem rekultivierten Müllberg und zwei renaturierten Bächen. Vieles davon soll ebenfalls lange Bestand haben, wozu auch verbesserte Radwege und eine fortgesetzte fußläufige Anbindung der Innenstadt gehören. Den Zuschlag gab es 2022, damals wurden auf Grundlage des Konzepts rund 24 Millionen Euro an Investitionen veranschlagt. Nach der tatsächlichen Planung und den jüngsten Krisen sind es nun knapp zehn Millionen mehr – wie stark sich das Land an den Mehrkosten beteiligt, ist noch offen.
Drei dazwischen
Zwischen Kaiserslautern und Neustadt lagen die Landesgartenschauen Trier (2004), Bingen (2008) und Landau (2015). Trier und Landau waren klassische Konversionsprojekte: Hier wie dort wurden ehemals militärisch genutzte Liegenschaften umgebaut – zunächst für die Landesgartenschau und im Anschluss für neue Wohnquartiere. In Bingen wiederum wurde die 1,8 Kilometer lange Rheinuferpromenade von einem Umschlagplatz für Industrie und Waren zu einer Zone mit Handel, Dienstleistung, Freizeit und Tourismus entwickelt, wozu auch viel Grün westlich des Rhein-Nahe-Ecks gehört. 2023 sollte die Schau in Bad Neuenahr-Ahrweiler folgen, die Flutkatastrophe hat das zunichte gemacht.
Der Stolz der Kaiserslauterer auf ihre Landesgartenschau hat sich bis heute gehalten. Bis zur Saison 2007/2008 führte die Stadt den Park weiter, dann übernahm die Lebenshilfe Kaiserslautern, die 2013 in die Lebenshilfe Westpfalz überging. Zusammen mit der Stadt ist sie Gesellschafter der gemeinnützigen Integrationsgesellschaft Kaiserslautern mbH. Diese betreibt und entwickelt die Gartenschau, beschäftigt dort 120 Mitarbeiter, die Hälfte davon Menschen mit einer Behinderung.
Zunächst umstritten
Als die Gartenschau 2007 auf der Kippe stand, weil der städtischen Gesellschaft die Insolvenz drohte, habe er die Vision gehabt, daraus einen Inklusionsbetrieb zu machen, erinnert sich Lebenshilfe-Geschäftsführer David Lyle. Das sorgte dann für politische Turbulenzen und kontroverse öffentliche Debatten über die Frage: Können die das überhaupt? Am Ende haben laut Lyle Vernunft, Mut und Wille gesiegt, habe die Vision eine Chance bekommen. Insgesamt ist auch für ihn die Gartenschau ein Beispiel dafür, was mit Gemeinsinn statt mit Spaltung erreicht werden kann.
In Kaiserslautern war die erste Landesgartenschau Rheinland-Pfalz ein riesiger Schub für die Stadtentwicklung, bei der viele private Immobilienbesitzer nachzogen. Und ähnlich wie das Mitmach-Museum Dynamikum in Pirmasens strahlt die heutige Gartenschau zusammen mit dem zeitgleich eröffneten Japanischen Garten Kaiserslautern über die Stadtgrenzen hinaus.
„Druck im Kessel“
Dass die Landesgartenschau auch für Neustadt einen Riesenschub bringt, davon ist Oberbürgermeister Marc Weigel (FWG) überzeugt: „Wir sind mittendrin und freuen uns auch weiterhin.“ Den Zeitplan einzuhalten, sorge aktuell „für einen gewissen Druck im Kessel“. Zwar steht Neustadt im Vergleich zu vielen anderen kreisfreien Städten noch eher besser da, angespannt ist die Finanzlage aber trotzdem.
Andererseits ist die Landesgartenschau aus Sicht der Stadtpolitik und des OB die Chance, Landesmittel für Neustadt freizusetzen, „die wir ansonsten nicht bekämen“. Darin ist sich Neustadt folglich mit seinen LGS-Vorgängern einig: Das Konzept Landesgartenschau bleibt – trotz mehrerer Änderungen – unschlagbar, wenn man wie mit einem Laserstrahl gebündelt Energie in die Stadt bringen will, die lange wirkt.
Nur ein Bewerber
Als nächster will es Pirmasens wissen. Die Stadt ist die einzige Bewerberin für die sechste Landesgartenschau im Jahr 2032. Darüber will sie die Innenstadt durch ein grünes Band mit dem Pfälzerwald vernetzen.