Kaiserslautern
Kunst am Straßenrand: KWG-Parcours durchs „Rote Fünftel“ der Stadt
Ostwinde bedeuten in der Meteorologie meist stabile Hochs, also Schönwetterlagen. Und genauso – „Nomen est omen“ – kam es: ein blauweißer Himmel strahlte am Sonntagnachmittag über Lauterns Dächern. Entsprechend groß war das Publikumsinteresse. Zeitweise spazierten knapp 100 Menschen auf der Route der Künste mit. Gut drei Stunden lang vom Start Kleberkaserne über den Friedhof, ein Stück Ebertstraße, Beilsteinstraße und Stiftswaldstraße bis zum Ziel Musikmuschel Volkspark. Unterwegs stets vorneweg KWG-Mitglied Silvia Rudolf, die zügig mit rotem (!) Tuch den 16 künstlerischen Rote-Fünftel-Positionen zustrebte, kreiert von Mitgliedern der KWG und einigen Gastkünstlern.
Hampelmann-Historie
Michael Geib begann. Mit einer Schautafel und Hampelmannfiguren schlug er rund um den mittlerweile denkmalgeschützten, und architektonisch besonderen Militärkomplex Kleber den historischen Bogen von Anfang des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Danach waren berührende Texte von Mascha Kaléko und Hilde Domin sowie Musiken von Bach und Piazzolla zu erleben. Hannelore Bähr und Laura Weiß trugen sie auf dem Weg über den Haupt- und Jüdischen Friedhof vor.
In einer Birke am Ausgang des Friedhofs wehte Christoph Justingers fünfteiliger Druck feinster Netzstrukturen im Wind. Damit bebilderte er die akute Fragilität mit Blick gen Osten. Auch Marie Gouil hatte Drucke im Gepäck, führte in der Ebertstraße sogar die Technik der Frottage auf kantigem Trottoir oder eisernem Gully vor. Die beklatschten Resultate zeigten Linien und Schriften auf weißem Tuch.
Und Helmut Engelhardt ging gar in Marching-Schritten mit Bluesrhythmen die Straßen entlang.
Invasive Pflanzen
Wenige Schritte weiter thematisierte Klaus Hartmann die Bedrohungslage durch Atomkraftwerke. Dazu stellte er eine Art Reliquienschrein vor, den er jedoch konträr als „komprimierte Architektur gefährlicher Brennstäbe“ versteht. Eine „Invasive Struktur“ vor einem Haus in der Ebertstraße erörterte Silvia Rudolf mit Stämmen des Japanischen Knöterichs, jener eingewanderte, stark wuchernde Pflanze aus fernstem Osten. Und berichtete, wie er hier gedeiht.
Bildpaare städtischer Motive verteilte Werner Landenberger an den Tross. Es galt auf amüsante Art, das jeweilige Duo zu finden. Exakt am ehemaligen Schulweg Reiner Mährleins zur Stiftswaldschule wiederum erhob sich majestätisch drei Meter hoch die Stahl-/Papierarbeit „Situation imprevenue“ – unvorhergesehene Situation. Die Materialien prägten die jeweils abstrakten Bildelemente gegenseitig.
Am Straßenrand
Nachrichten zwischen Ferne und heimischem Europa hatten sich die Pfalztheater-Schauspieler Helena Gossmann und Lukas Jakob Huber ausgedacht, die kürzlich KWG-Stipendiaten waren. Dafür saßen sie gemeinsam am Straßenrand, aßen Kuchen und berichteten getrennt. Die Szene endete lapidar: „Menschen schauen zu. Dann gehen sie weiter.“
Der Stop an Hausnummer 1 der Stiftswaldstraße galt den Porträts der jungen Fotografin Anastasia Zotig aus der Ukraine. Unschärfen, diffuse Partien lassen Räume für Emotionen. Nebenan las Eva Paula Pick ukrainische Literatur – eine nachdenkliche Kombination bildender und schreibender Kunst.
Windbeutel inklusive
Im Volkspark waren papierne und brandteigige Windbeutel von Annette Coen und Gela Steinmacher angesagt. Auch ein Gaumenschmauß. Das Ende des Parcours bildete die Skulptur „Eiserner Vorhang“: Veronika Olma öffnete die stählerne Härte mit flatternd-transparentem Stoff, darauf hat sie einen Schriftzug eingestickt, „Ach, Mensch“ lautet dieser. Das Trio Present Art Collection ließ danach mit versöhnlichen Klezmerweisen aus der Muschel die Aktion ausklingen. So manch informativer Satz zu Baudirektor Hussongs Einflüssen, zur Franzosenzeit, in der die Kaiserslauterer Farbverteilung in Fünftel einst entstanden ist oder auch die heutige Präsenz der Amerikaner waren Stoff, von dem erzählt wurde.