Kaiserslautern Kriegsschiff wird Kunstschiff

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Siebeneinhalb Meter. Soviel beträgt der Tidenhub der Themse hier, im Zentrum Londons. Wenn die Flut kommt, wird der Fluss zur Bühne. Oberhalb der Blackfriars Bridge zeigt die Themse jetzt ihre neueste Attraktion: ein altes englisches Kriegsschiff, das zum Kunstschiff geworden ist. Es stammt ausgerechnet von einem Deutschen. Tobias Rehberger, ein Künstler aus Frankfurt, der schon den Goldenen Löwen bei der Biennale in Venedig gewonnen hat.

Die Passanten halten ein und wundern sich. Was quillt da aus dem Rumpf des Schiffs? Röhren, Schläuche, Pipelines gar? Es ist, als ob die Innereien des Maschinenraums nach außen drängen. Stählernes Gedärm quillt, Leitungen in Schwarz-Weiß-Grau, dazwischen ein orangener Farbklecks. Es ist alles sehr verwirrend. Die „HMS President“ sieht ganz und gar nicht so aus, wie man sich ein ehemaliges Kriegsschiff vorstellt. Das ist Sinn der Sache. Es ist jetzt, so der Titel, ein „Dazzle Ship“. Schon als die President 1918 im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs in den Dienst ging, hatte sie eine „Dazzle“-Bemalung, also einen Tarnanstrich, der gerade durch seine Auffälligkeit blenden und verwirren sollte. Das jetzige Dazzle-Design stammt vom Frankfurter Bildhauer Tobias Rehberger. Er hat die Neuinterpretation zum Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren geschaffen. Rund 2000 Schiffe der Royal Navy wurden mit Dazzle-Bemalung in den Ersten Weltkrieg geschickt. Kreuzer, Frachter, Zerstörer. Eine paradoxe Tarnung, die es schwierig für feindliche Späher machen sollte, die Größe, den Umriss, die Fahrtrichtung und -geschwindigkeit des Schiffes zu bestimmen. Verwirren statt verstecken: Dazzle sollte helfen, den Angriffen feindlicher U-Boote zu entkommen. Tobias Rehberger lässt sich schon seit 20 Jahren von dem Dazzle-Konzept inspirieren. Für die Biennale in Venedig entwarf er 2009 das Design einer Cafeteria im Dazzle-Stil und gewann damit den Hauptpreis, den „Goldenen Löwen“. Ihn reizt das Absurde an dieser Camouflage-Technik: wie man Tarnung erreichen will durch eine sehr auffällige und starke Visualität. Für ihn geht es auch um die Sichtbarkeit von Kunst. Darum, „wie das funktioniert mit dem Hingucken, nicht nur im physiologischen, sondern auch im geistigen Sinn“. Kein Wunder also, dass Rehberger für die Kuratoren von „14-18 NOW“ der ideale Kandidat war. „14-18 NOW“ ist das offizielle britische Kulturprogramm, das, so erklärt Direktorin Jenny Waldman, „zeitgenössische Kunstprojekte in Auftrag gibt, um eine neue Sichtweise auf den Ersten Weltkrieg zu gewinnen“. Mit dem Goethe-Institut hat man das Projekt binnen einer Rekordzeit verwirklicht: Im März kommissioniert, im Juli wurden die letzten Vinyl-Folien verklebt. Dabei hatte sich Rehberger zuerst noch Bedenkzeit ausgebeten, um herauszufinden, „ob ich das kann und ob ich das will“. Immerhin sei es für einen Deutschen etwas befremdlich, einen Krieg zu feiern, immerhin hätten die Briten eine „ganz andere Einstellung“ dazu. Mit seinem Entwurf zielt er auf keine Nachbildung: „Früher war es dazu gemacht, um im Krieg zu funktionieren. Heute ist es dazu gemacht, um darüber zu reflektieren. Vielleicht kann man daran sehen, dass sich in den letzten hundert Jahren ein bisschen was geändert hat.“ Er betont weiter: „Mein Muster geht ins Surreale, fast Lustige. Das, dachte ich, wäre eine Möglichkeit, mit diesem Thema auf eine zeitgenössische Weise umzugehen.“ Und gefällt es? Die Crew auf dem Schiff ist jedenfalls begeistert. Kapitän Chris Cooper hätte nichts dagegen, wenn das Dazzle-Design auch noch länger das Schiff verzieren sollte als die avisierten sechs Monate: „Es ist einfach wunderschön und wunderbar ausgeführt.“

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