Kaiserslautern Klezmer-Musik und langstielige weiße Rosen

Weit über hundert Personen folgten gestern Nachmittag einer Einladung der Initiative Stolpersteine Kaiserslautern: Vor Häusern in der Rudolf-Breitscheid-Straße, der Moltkestraße, der Humboldtstraße und der Glockenstraße, vor denen der Künstler Gunter Demnig am 20. Juni 19 Stolpersteine zur Erinnerung an Opfer des Naziregimes verlegt hatte, gedachten sie der ehemaligen Bürger von Kaiserslautern.
„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, erinnerte Elisabeth Merkert, die Sprecherin der Initiative, auf dem Marienplatz an die Projektidee des Künstlers. „Deshalb sind wir heute hier, um vor den Häusern zu erinnern, dass hier Menschen gelebt haben, die wegen Rassismus und menschenverachtender Ideologie verfolgt wurden oder zu Tode kamen. Sie sollen nicht vergessen sein.“ Schwester Martina, die eigens zum Gedenken aus Bamberg kam, dankte sie für Merkerts hartnäckigen Einsatz, die Initiative ins Leben gerufen und im vergangenen Jahr die erste Verlegung von 19 Steinen organisiert zu haben. Sie freute sich über das Engagement von Steinpaten und Mitgliedern der Recherchegruppe und über die große musikalische Beteiligung von Schülern des St.-Franziskusgymnasiums und -Realschule, des Albert-Schweitzer-Gymnasiums, des Hohenstaufen-Gymnasiums und des Burggymnasiums. Weiter hob Merkert das Engagement des Südwestrundfunks hervor, mit der Sendereihe „Hörstolpersteine“ das Thema aufgegriffen und im Sendegebiet verbreitet zu haben. Klezmer-Musik, vorgetragen von Andrea Wiese (Gitarre), Schwester Sabine Vogt (Gitarre) und Brigitte Gemmecker-Gropp (Geige) verbreitete einen Hauch jüdischen Kulturguts. Im Hinterhof des Anwesens Nummer 71 in der Rudolf-Breitscheid-Straße wurde der siebenköpfigen Familie Herze gedacht. Lehrer und Schüler der Berufsbildenden Schule I Technik gaben einen Einblick in das Familienleben. „Hier gedenken wir drei Generationen der Familie Herze“, sagte Religionslehrerin Doris Lax. Sie seien dem nationalsozialistischen Rassenwahn zum Opfer gefallen. Mit weißen langstieligen Rosen in den Händen gedachten Schüler den Großeltern Hugo und Johanna Herze, den Eltern Jakob und Lydia Herze sowie ihren drei Töchtern Hedwig, Hannelore und Ruth. „Wir wollen ihnen ein Stückchen ihrer gestohlenen und zerstörten Identität wieder zurückgeben und ihnen mit unserem Erinnern einen Platz in unseren Herzen geben“, so Doris Lax. Parallel zu den Biografien der Opfer zeigten Schüler Fotos der Personen. Margot Wicki-Schwarzschild, selbst von den Nazis nach Gurs deportiert und Patin von drei Steinen, rief das Schicksal von Hannelore, der zweitältesten Tochter von Jakob und Lydia Herze, ins Gedächtnis. „Wie mussten die Eltern, die 1940 nach Gurs deportiert wurden, gefühlt haben, als ihr sechsjähriges Hannele nur drei Wochen nach der Einlieferung in Gurs an Diphtherie starb. Der Vater eigenhändig für seine Tochter in den Schlammmassen ein Grab schaufeln musste.“ Vor dem Anwesen Moltkestraße 22 galt das Gedenken Anna Reis. An das Schicksal der Frau, die im elterlichen Milchgeschäft in der Moltkestraße aushalf, bei der Kundschaft als tüchtig galt und beliebt war, erinnerte Randi Abshagen. Anna Reis war 1936 31 Jahre alt, als sie eine depressive Episode erlitt und im Psychiatrischen Krankenhaus Homburg/Saar stationär behandelt und im gleichen Jahr entsprechend der damaligen Vorschriften für psychisch Kranke zwangssterilisiert wurde. In der Humboldtstraße 6 erinnerte Michael Wiesheu an das Ehepaar Moritz und Thekla Sklarek und dessen Kinder Ludwig, Helene, Hermann und Jakob sowie an Enkel Heinrich. Wolfgang Halter informierte in der Glockenstraße 43 über das Schicksal von Alexander und Betty Preis und deren Töchtern Katharina und Ruth. (jsw)