Ramstein-Miesenbach
Klavierabend mit Sachiko Furuhata im Congress Center
Zunächst bewegte sie sich stilistisch im Komponisten-Alphabet vorwärts. Nach höchst eindrucksvollen Klavierrezitals mit dem Œuvre von Bach und Beethoven bilden nun Chopin und zuletzt auch Debussy und Gershwin einen programmatischen Schwerpunkt dieser Künstlerin japanischer Herkunft.
Natürlich bedingt die romantische Klaviermusik Frédéric Chopins eine gänzlich andere Werkauffassung, ist sie doch eine Synthese aus volksliedhaften (vor allem Mazurken), virtuosen und salonhaft reißerischen Stilelementen. Dazu wirkt sie arios mit Anklängen an Tragédie lyrique und geschmeidig und geläufig in der Verarbeitung der höchsten pianistischen Schule. Das alles setzte Sachiko Furuhata exzellent um. Jede der Miniaturen offenbarte ihr jeweiliges Kolorit und Idiom.
Veränderte Haltung und Attitüde
Auffällig dabei aber, dass sich schon optisch ihre Körperhaltung in den vergangenen Jahren geändert hat: von einer immer sehr angespannten und hochkonzentrierten Haltung hin zu einer entspannt meditativen, ja kontemplativen und wie entrückt scheinenden Darstellung.
Mit diesem Rückzug in die Innerlichkeit und der Lösung von den sportiven Idealen mancher Konzertpianisten (immer schneller, bravouröser, furioser und spektakulärer) jetzt zu einer Art Zwiesprache mit Werk und Publikum: So entstehen bei den Nocturnes feinste Nuancen, keine orchestralen Klangwirkungen. Die Musik wirkt grazil, fast fragil. Manchmal scheint sie sich in subtilen klanglichen Schattierungen hinter einem Nebelschleier zu verlieren und aufzulösen, schimmert ganz verhalten durch.
Organisch lockeres Strömen
Dann leuchtet bei der „Fantasie impromptu“ wieder die urtümliche Musizierlust auf, die sich am Spiel mit arabesken Girlanden berauscht, die sich im genialen Widerstreit zwischen Quartolen und Sextolen ergeben und sonst die Pianisten vor größte rhythmische Probleme stellen. Nicht so Sachiko Furuhata. Sie lässt einfach die Musik organisch locker strömen. Die Schwerpunkte ergeben sich wie von selbst, alles fließt ineinander und findet sich doch wie von selbst.
Die Programmpunkte waren so überlegt zusammengestellt, dass sie nicht nur verschiedene spielerische Finessen, sondern auch unterschiedliche Gefühlshaltungen repräsentierten: verträumte Nocturnes, eine melancholische und dann dramatisch bewegte Etüde, gefolgt von einem schwungvoll tänzerischen Scherzo.
Abkehr vom volkstümlich Populären
Vom wohl prominentesten Künstler-Ehepaar der deutschen Romantik − Clara und Robert Schumann − erklangen Stücke aus ihren Etüdensammlungen. Sie erschlossen sich nicht in dieser populären Art. Das lag aber keinesfalls an der exzellenten Aufführung in gewohnter spieltechnischer Solidität und klanglicher Expressivität. Auch nicht an der Klangsprache, da vor allem Robert Schumann mit Sammlungen wie „Album für die Jugend“ oder dem Klavierzyklus „Kinderszenen“ sowie vielen Charakterstücken größte Popularität erreicht hat.
Im Variationszyklus von Clara zeigt sich dagegen eine nicht volkstümliche, sondern im Gegenteil artifizielle und elitäre Musikauffassung. Filigrane thematische Arbeit, Modulationen, Takt- und Tonwechsel erschweren nicht nur das Spiel, sondern auch das Einhören. Roberts sinfonische Etüden sind eigentlich auch mehr Charaktervariationen, die höchsten Studienzwecken dienen: Eine klingende Kompositionslehre, die sich nur wenigen Pianisten in dieser strukturellen, analytischen Klarheit und spielerischen Bravour erschließt.
Chapeau!