Kaiserslautern
Klassik für Banausen: Comedy-Duo „Microband“ im Congress Center Ramstein
Auf den ersten Blick sehen die beiden Italiener Luca Domenicali und Danilo Maggio selbst aus wie Komponisten aus alten Zeiten. Doch nichts ist so, wie man es erwartet. Sie setzen sich zwar mit der weltweit einzigen Sprache auseinander, die jeder versteht. Dies allerdings so raffiniert, dass man hinterher nicht mehr weiß, was besser sei: die klassische Urform des jeweiligen Stücks oder die vor staunendem Publikum entstandene, völlig neue, irrsinnige Auslegung.
Unerhört und ungehört
Mit Verve und Energie werfen die Musiker alle Konventionen über den Haufen und wagen sich frech und unverfroren an die heilige Welt der Klassik. Nahezu alle Kompositionen werden auseinandergerissen, ja zerfleddert und unerhört bis ungehört wieder zusammengesetzt. Dabei machen sie weder vor Ravel, Brahms oder Schubert noch vor Beethoven halt. Mit überraschenden musikalischen Neuinterpretationen geht es im flotten Tempo durch adagio, allegro, andante, espressivo, forte und piano. Und das mit zerlegbaren Geigen, Gitarren und Flöten.
Dabei gehen sie den gesamten Abend hinweg hochvirtuos mit der Musik, dem Rhythmus und ihren Instrumenten um und verblüffen jeden, wenn sie mit Schnürsenkeln und halben Violinen Melodien hervorzaubern oder aus Luftballons einen „Dudelsack“ basteln, der dann auch noch den Bolero aus Bizets „Carmen“ erklingen lässt.
Domenicali beginnt mit großer Einfühlungsgabe und flinken Fingern „Recuerdos de la Alhambra“ von Tarrega auf seiner Gitarre. Schon nach drei Takten kommt ihm sein Partner in die Quere. Maggio (Glatze, wallendes weißes Haar an den Schläfen) ist wie der unrasierte Bruder von Puck aus dem „Sommernachtstraum“. Wie dieser fühlt er sich vergnügt, wenn alles über Kreuz läuft und die schöne Ordnung dahin ist. Wie Puck will er „grunzen, wiehern, bellen, brummen und flammen“. Die Geige klammert er zwischen seine Knie, hält sie senkrecht in die Höhe und sägt und schrammelt wie wild drauf los. Dann fängt er an zu tanzen, balanciert eine Scheibe auf der Spitze seines Geigenbogens und geigt gleichzeitig mit irrsinnigem Tempo eine Melodie.
Schnürsenkel und halbe Violinen
Quer durch den ganzen Melodiengarten geht es so. Urplötzlich reißt Domenicali seinem Gesinnungsgenossen das Instrument aus der Hand und hat überraschenderweise lediglich eine halbe Geige in den Fingern. Prompt spielen sie, jeder auf seiner halben Geige, drauf los, dass die Funken fliegen.
Mal klemmt „Puck“ zwei Violinen gleichzeitig unters Kinn, während Domenicali darauf mit zwei Bögen Melodien hervorzaubert. Mal geigt „Puck“ auf der Trompete den Bolero. Mal tauschen sie die Instrumente und spielen darauf in höllischem Tempo. Mal spielen sie gemeinsam auf einer Gitarre, wobei der eine die Akkorde greift, während der andere die Saiten zupft.
Ständig aber kommen sie sich in die Quere, foppen und veralbern sich, schneiden Grimassen. Ihre Pantomimen sind zum Schreien komisch. Klamauk und Nonsens auf höchster virtuoser Stufe. Die Flöte blasen sie durch die Nasenlöcher, Bach spielen sie mit vier Flöten, wobei sie sich gegenseitig mit den Tönen abwechseln. Höhepunkt: Zwei Jungen halten eine Violinsaite in die Höhe, Maggio fährt mit seiner „Stradivari“ darüber und spielt gleichzeitig eine wunderbare Melodie.
75 Minuten (ohne Pause) beste Unterhaltung. Vier Zugaben. Orkan „Sabine“ war gegen den stürmischen Beifall des Publikums gar nichts.