Kaiserslautern
Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt große Bandbreite an seelischen Erkrankungen
Ängste, Zwänge, Depressionen, Aufmerksamkeitsdefizite – die Bandbreite an psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen ist fast genauso groß wie bei Erwachsenen, sagt Cornelia Overs, die Leitende Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in der Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) Kaiserslautern und ergänzt die Liste um Störungen des Sozialverhaltens, Ess- und Anpassungsstörungen und sogar PTBS. Eine solche Posttraumatische Belastungsstörung kann in Folge eines traumatischen Erlebnisses auftreten.
Wenn sich die Eltern für eine Behandlung im Pfalzklinikum entscheiden, wird zunächst abgeklärt, ob diese in der Tagesklinik stattfindet, ambulant oder in der sogenannten Zuhause-Behandlung, bei der ein Team der KJP die Patienten und ihre Familien daheim besucht und dort therapeutisch arbeitet. Wie Saskia Beitelstein, Pädagogisch-Pflegerische Bereichsleiterin der KJP-Tagesklinik, sagt, spannt sich der Bogen beim Alter von fünf bis knapp 18 Jahren.
Behandlungsdauer: acht bis zehn Wochen
Acht bis zehn Wochen dauert die Behandlung in der Tagesklinik in der Albert-Schweitzer-Straße: In den ersten etwa vier Wochen wird diagnostisch gearbeitet, anschließend vier bis sechs Wochen therapeutisch. Beitelstein erklärt, dass die Kinder und Jugendlichen dafür im Spiel oder in Schulsituationen beobachtet werden, zusätzlich gibt es standardisierte Fragebögen für die Kinder, deren Eltern und Lehrer sowie die pädagogisch-pflegerischen Mitarbeiter des Klinikums. Nach der Auswertung folgt ein Gespräch mit den Eltern, wie es mit der Behandlung weiter geht.
Auch damit die jungen Patienten nicht zu viel Schulstoff verpassen, besuchen sie vormittags den Klinikunterricht. Nach dem Start um 8 Uhr mit Frühstück und kurzer therapeutischer Besprechung geht’s in die Klasse. Deshalb arbeiten am Pfalzklinikum auch zwei Lehrerinnen, die sich mit den jeweiligen Heimatschulen über Lerninhalte austauschen, erläutern Overs und Beitelstein. Zusätzlich versuchen die Pädagoginnen, Defizite der Schüler aufzuarbeiten.
Stets unter Beobachtung
All das stets unter Beobachtung. Beitelstein: „Unser Team aus verschiedenen Fachdisziplinen hat unterschiedliche Blickwinkel auf die Kinder. Die Erkenntnisse werden in Besprechungen geteilt.“ Das Beobachten laufe für die Kinder unbewusst ab, „wir stehen da nicht mit dem Klemmbrett“. Overs ergänzt: „Aber natürlich wissen die Kinder, wieso sie bei uns sind. Darauf achten wir schon in der Vorbereitung. Die wissen: Da ist was, warum es mir nicht gut geht.“ Gerade bei jüngeren Kindern sei die sogenannte Elternarbeit sehr wichtig, weshalb das Pfalzklinikums-Team alle Schritte transparent mache und erkläre.
Überhaupt sei die Mitarbeit der Eltern ganz wichtig, betont Overs: „Zaubern können wir nicht, aber unterstützen und anleiten.“ Oft müsse sich im Umfeld eines Patienten etwas ändern, sagt Beitelstein, „deshalb sind wir immer froh, wenn die Eltern oder auch Großeltern und Geschwister mit an sich arbeiten.“ Sie spricht von einem „Riesen-Netz an Menschen“, das mitmachen muss. Beitelstein: „Das funktioniert tatsächlich sehr häufig gut.“
Keine stationäre Behandlung von Kindern in Lautern
Stationär behandelt werden Kinder und Jugendliche in Kaiserslautern nicht, dafür gibt es in Klingenmünster eine Abteilung des Pfalzklinikums: „Die Grenze, dass wir jemanden stationär aufnehmen lassen müssen, ist beispielsweise eine akute Eigen- oder Fremdgefährdung“, erklärt Overs. Wer gegen Regeln verstößt – beispielsweise unter Drogen- oder Alkoholeinfluss in die Therapie kommt, wird entlassen. Overs: „Da sind wir konsequent, was Eltern immer seltener sind.“ Beitelstein stimmt zu: „Eltern sollten ihre Elternrolle einnehmen, nicht versuchen, die besten Freunde der Kinder zu sein.“ Da gelte es eben auch, Grenzen zu setzen.
Neben Tagesklinik und Ambulanz erinnert Paul Bomke, der Geschäftsführer des Pfalzklinikums, an das noch vergleichsweise junge Angebot der „Zuhause-Behandlung“. Dabei kommt ein Team der KJP zu den Patienten nach Hause, arbeitet dort mit ihnen und der Familie. Bomke: „Wenn sich um Kranke nicht gekümmert wird, fallen die in ein Loch. Das macht unser neues Modell besser. Da können wir uns richtig kümmern.“ Er nennt noch einen Vorteil: „Durch das Modellvorhaben können wir viel beim Patienten vor Ort machen, müssen ihn nicht immer für Tage oder Wochen rausholen.“ Für welche Krankheit und Patienten welche Behandlungsform passt, lasse sich im Vorgespräch herausfinden.
Das Umfeld muss mithelfen
Wie stehen die Heilungschancen bei Kindern und Jugendlichen mit seelischen Erkrankungen? Natürlich sei das von Fall zu Fall unterschiedlich, aber eines ist Fakt: „Die Erfolgswahrscheinlichkeit ist hoch, wenn das Umfeld die Therapie mitträgt“, sagt Beitelstein. Overs ergänzt: „Und wenn es das nicht tut, versuchen wir zumindest, zu schauen, warum. Vielleicht brauchen die Eltern Unterstützung?“ Wichtig sei auch, keinen Druck aufzubauen. Beitelstein: „Jeder will, dass schnell alles perfekt wird. Aber so ist das Leben nicht. Und auch damit muss man umgehen können.“