Kaiserslautern Keine Rikscha in Prag

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Immer wenn es Sommer wird, beginnen wir mit dem Erzählen. Seit 21 Jahren ist das so. Schriftstellerinnen und Autoren schreiben Kurzgeschichten, Minidramen, Prosa, die auf eine Seite passt. Profis. Und Journalisten der RHEINPFALZ sind dabei. Das Motto dieses 2016, dem Dada-Jubiläumsjahr, ist dem Lautgedicht „Seepferdchen und Flugfische“ des Pirmasenser Dada-Erfinders und -Heroen Hugo Ball entlehnt. Ein Vers: „Zack Hitti Zopp.“ Konkreter geht es nicht. Den Anfang der Sommererzählreihe macht die Pfälzerin Gabriele Weingartner. Los geht’s.

Warum willst du mich verlassen? Weil ich zwar dein Sugar-Daddy bin, aber auch dein Vater sein könnte? Sag nicht, dass dir das nicht durch die Gedanken geistert. Was die Jahre anbelangt, weiß ich das selbst. Aber doch nicht, wie ich aussehe, wie meine Haut beschaffen ist, mein Bizeps, die noch immer nicht unbeträchtliche Fülle meiner Haare. Ganz abgesehen davon, was in meinem Charakterkopf passiert. Die Schnelligkeit meines Denkens, die kaum zu überbietende Fähigkeit, Dinge miteinander zu verknüpfen, meine Allgemeinbildung, die nicht nur die schönen Künste betrifft, sondern auch chemische Formeln, die ich lesen kann wie einen Roman ... Wirf mir doch einfach ein Stichwort zu! Ich kann dir fast alles erklären. (...) Was sagst du? Dada? Was heißt das? Dada? Unter Dada verstehe ich eine Unsinnsbewegung, die sich 1916 in einem Kabarett in der Zürcher Spiegelgasse gebildet hat. Die behauptete, Kunst zu machen, ohne dass sie die wirklich ausübte. Avantgarde aus Überdruss am Gewesenen, am überkommenen akademischen Betrieb. So was wie die Anbetung eines Urinals zur Ableitung ihrer Verzweiflung. Von der historischen Koinzidenz, dass in der Spiegelgasse auch Lenin wohnte, der die Welt veränderte, als er in Russland die Revolution ausrief, hat die alberne Versammlung, unter der sich auch ein später religiös werdender Pfälzer befand, nichts gewusst, aber auch nichts ahnen können. Immerhin hat ihm die Oberste Heeresleitung einen Eisenbahnwaggon spendiert, damit er unbehelligt durch Europa reisen konnte. Mitten im ersten Weltkrieg. Wladimir Uljanow, meine ich. Schon Bismarck hat die italienischen Revolutionäre unterstützt, das haben die zackigen deutschen Militärs, denen das Wasser bis zum Halse stand, dem schlauen alten Knochen abgeguckt. Der wollte damit nur Realpolitik treiben, wenn auch ohne Parlament ... Wusstest du, dass er achtzehn Eier zum Frühstück verspeiste und Gott weiß wie viele kalte Fasanenbrüste? Oder sogar mehr? Nein, das kannst du nicht wissen. Dazu bist du zu jung. Wobei ich zugeben muss, dass auch ich Bismarck nicht mehr hätte kennenlernen können. Du unwissendes Ding, du! Wo doch der Holocaust schon Steinzeit für dich ist. Davon abgesehen hat der dadaistische Pfälzer lustige Gedichte geschrieben. Zack, hitti, zopp, so ungefähr. Was intelligenter klingt als Lalelu. Wobei mir prompt das Schlaflied einfällt, das Heinz Rühmann seinem Filmsohn vorgesungen hat, abends, am Bettchen im Zirkuswagen. Soll ich es dir vorsingen heute Nacht. Nachdem wir ...? (...) Von Dada war nicht die Rede, sagst du? Wovon denn sonst, mein Liebes? Du hast Tütü gesagt? Tütü? Du läufst mal wieder im Tütü herum? In dem Tütü, das du aus der Altkleidersammlung gezogen hast? Das eigentlich zu lang ist, um ein richtiges Tütü zu sein? Lass dir sagen, dass du zu kräftig bist für ein so ätherisches Gewand, weit jenseits von magersüchtig. Weil du ins Fitnessstudio gehst und Gewichte stemmst, man sieht es deinen Schultern an, deinen wunderschönen, braun gebrannten Schultern, unter denen die Muskeln spielen. Aber auch Eisbecher nicht verschmähst, mit Curacao und bläulich gewordener Sahne. Allerdings wollte ich nie Spitze mit dir tanzen, weder die weiße noch die schwarze Prinzessin im Arm halten, weder Dornröschen liebkosen, noch das Frühlingsopfer in „Le Sacre de Printemps“. (...) Hör auf zu lachen, das war kein Witz. Zur Zeit sieht es jedenfalls so aus, als ob ich unsere Verabredung einhalten könnte, unser Treffen unter der astrologischen Uhr. Die alten Medizinmänner haben früher aufgehört, ihre eigenen Verluste mit ihren gemütvollen Vorträgen über den Potenzverlust in der zweiten Lebenshälfte zu kompensieren. Du hättest sehen sollen, wie schnell sie ihre Laptops zuklappten, wer weiß, wohin sie noch wollen. (...) Dada. Ja, ich weiß. Tütü und Dada haben keinerlei Ähnlichkeit. „Da“ heißt Ja auf Russisch, ja, ich weiß, meine schöne Natalja. Wobei DADA ... nun ja, nicht unbedingt darauf schließen lässt. Wenn du dada sagst, klingt eine gewisse Ungeduld durch, dada, beziehungsweise jaja habe ich gesagt, wenn ich meine krankhaft ängstlichen Eltern beruhigen wollte, früher, vor einem halben Jahrhundert, als ich mit Plakaten auf die Straße ging. Was sagst du? Dass ich bullshit rede? Ich kann mich noch erinnern, als die Russen in Prag einmarschierten, vor fast fünfzig Jahren. Die Sowjets vielmehr. An die Ohnmacht der Studenten im fernen Westberlin. Und dass meine sudetendeutsche Mutter mir erzählt hat, dass die deutschen Soldaten auf die Aposteluhr schossen, unter der wir uns gleich treffen werden. 1943 war das. Oder später? Rechts neben dem schön restaurierten Zifferblatt lauert der Tod, hast du ihn schon entdeckt? Eher auf mich als auf dich, meine Süße, dada, jaja, ich weiß. Er trägt ein Stundenglas in der rechten Hand. Und er sieht aus wie Pep Guardiola. (...) Was meinst du? Ich versteh dich so schlecht. In diesen engen Gassen zu telefonieren, ist wie ein Aneurysma. Auch wenn du ein so ein schönes rotes Handy an dein kleines Ohr drückst. Das Feuerwehrhandy, das ich dir geschenkt habe. Wahrscheinlich werde ich dich bald einholen. Selbst wenn mein Herz rast beim Rennen, ich einen zu engen Anzug und eine schwere Aktentasche trage und keine Zeit hatte, meine Krawatte abzulegen. Du musst sie mir nachher lockern. Und nicht nur sie. Unbedingt. Ich hätte eine Rikscha nehmen sollen, weißt du. Gibt es Rikschas in Prag? Gerade bist du um die Ecke gebogen. Wie schön dein Nacken ist, jetzt kann ich dich schon besser sehen. Dein Tütü leuchtet, es hat die Farbe von hellgrünem Wasser in einem Swimmingpool an der Côte d`Azur ... bei mäßig bedecktem Himmel. Deine Beine schimmern durch den Tüll. Dreh dich um. Dreh dich doch bitte um. Lass mich weiterhin dein Sugar-Daddy sein, gib mir eine Verlängerung. Wir könnten einen neuen Vertrag schließen. Ich bezahl dir dein Medizinstudium, du begleitest mich zu meinen Kongressen. Und zum Physikum kriegst du frei. Dafür aber musst du aufhören, Russisch mit mir zu reden. Wieso fängst du plötzlich damit an? Ja? Da? Dada? Das macht mich wahnsinnig. Dreh dich um, Natalja, dreh dich um! (...) „Halt, stopp“, sagte der Regisseur zum Kameramann. Und zu seinem Hauptdarsteller: „Das war mäßig, sehr mäßig. Sogar nach dem fünften Take merkt man dir an, wie schwer es dir fällt, einen alten Mann zu spielen. Du musst ausdruckvoller hinken, dir vehementer an die Brust greifen. Deutlicher machen, dass die Zukunft dir unwiderruflich den Rücken zugekehrt hat. In deine Rolle wachsen. Von der Ähnlichkeit mit Jeremy Irons kannst du dir nichts kaufen, solange du sie nicht mit Leben füllst. Nicht ordentlich stirbst, meine ich. Nicht ordentlich stirbst. Nicht ordentlich ...“ Zur Autorin Gabriele Weingartner, 1948 in Edenkoben geboren, lebt seit 2008 in Berlin als Autorin und Kulturjournalistin auch für die RHEINPFALZ. Zuvor war sie ein Aktivposten der rheinland-pfälzischen Kulturszene mit Wohnsitz in St. Martin. Sie hat zahlreiche Sachbücher, Erzählungen und Romane geschrieben, Preise gewonnen und ist Mitglied des PEN-Zentrums. Deutschland. Ihr Romandebüt „Der Schneewittchensarg“ erschien im Jahr 2000. Zuletzt kam ihr Roman „Die Hunde im Souterrain“, wie alle jüngsten Veröffentlichungen im Innsbrucker Limbus Verlag.

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