Kaiserslautern Keine Grautöne

Gute Krimis bieten auch kluge Gesellschaftsbeobachtungen. Auf den Bestseller „Kind 44“ von Tom Rob Smith trifft das ohne Zweifel zu. Der Anfang der 1950er Jahre spielende Thriller um die Jagd auf einen Kindermörder entwirft ein facettenreiches Bild der Sowjetunion unter Stalin. Die geschickte Verzahnung von Sozialreport und Thrill heizt den Nervenkitzel an. Die Verfilmung, die nun ins Kino kommt, kann mit dem Buch jedoch nicht mithalten.
Die Filmhandlung hält sich grob an das Handlungsgerüst der – auf Tatsachen beruhenden – Vorlage: Geheimdienstoffizier Leo Demidow (Tom Hardy) ist ein willfähriger Diener der Macht. Er führt Befehle aus. Fragen stellt er nicht. Nicht einmal dann und nicht einmal im Stillen, wenn er weiß, dass die Partei lügt, etwa wenn sie stur behauptet, im Sozialismus könne es keine solchen Verbrechen geben wie im Kapitalismus. Als aber eine Serie von Morden an Kindern vertuscht werden soll, kommen Demidow Zweifel am System. Er beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Damit gilt er als Nestbeschmutzer und wird mit seiner Familie aus Moskau in die Provinz verbannt. Doch Demidow gibt nicht auf, selbst nicht, als klar ist, dass er und seine Frau (Noomi Rapace) in höchster Gefahr schweben. Der chilenisch-schwedische Regisseur Daniel Espinosa, der vor drei Jahren mit „Safe House“ sein erfolgreiches Hollywood-Debüt inszeniert hat, serviert eine erstaunlich uninspirierte Kinoversion des Romans. Dabei scheitert er nicht an den Milieu- und Zeitstudien, sondern am Spannungsaufbau. Man hat den Eindruck, er halte den häufigen Einsatz einer wackeligen Handkamera für ausreichend, um die Nerven des Publikums in Alarmbereitschaft zu versetzen. Ein Irrtum. Schwerer noch wiegt, dass die Veränderungen vom Buch zum Film erheblich sind. Drehbuchautor Richard Price, Kinofans bekannt geworden durch Edel-Reißer wie „Sea Of Love“, hat die Figurenkonstellationen verändert und die Charaktere stark vereinfacht. Da wird die Geschichte zur 08/15-Schmonzette. Die im Buch in ihrer Komplexität fesselnde psychologische Erzählebene geht völlig verloren und weicht simpler anti-russischer Propaganda. Weitestgehend fehlt dadurch auch die im Roman wirklich erschütternde Einbindung sowjetrussischen Grauens weit vor der Handlungszeit. Die Handlung wird auf Äußerlichkeiten reduziert und damit uninteressant. Das Plus des Films ist das Spiel von Tom Hardy („Mad Max: Fury Road“). Der Brite schafft es, Demidow glaubwürdig Gestalt zu geben und besitzt so viel Charme, dass man ihm als Zuschauer gern die Daumen drückt und mit ihm trotz der Längen der Erzählung um den Ausgang des Geschehens bangt. Überraschung: In diesem Fall ist die deutsche Synchronfassung dem Original vorzuziehen. Dort nämlich sprechen die Akteure ein absolut lächerliches Englisch mit pseudorussischem Einschlag. Ursprünglich wollte übrigens Ridley Scott „Kind 44“ auf die Leinwand bringen. Er hat es gelassen. Vielleicht hat er rechtzeitig gemerkt, wie weit das Drehbuch von der Qualität des Romans entfernt ist. Oder ihm kam Alfred Hitchcock Devise in den Sinn, dass gute Kriminalromane kaum verfilmbar sind.