Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Keine Arbeit und große Sorgen in den Behinderten-Werkstätten

Die Tarifmitarbeiter stellen in den Zoar-Werkstätten die Aufträge fertig. Denn die Menschen mit Behinderung dürfen dort aktuell
Die Tarifmitarbeiter stellen in den Zoar-Werkstätten die Aufträge fertig. Denn die Menschen mit Behinderung dürfen dort aktuell nicht mehr arbeiten.

Die Westpfalz-Werkstätten in Siegelbach und die Dipro im Grübentälchen beschäftigen 350 Menschen mit Behinderung, 120 weitere arbeiten in den Zoar-Werkstätten. Doch seit Wochen sind die Werkstätten für behinderte Menschen geschlossen. Für die Betroffenen bricht damit ein großer Teil ihres gewohnten Alltags weg. Wie geht es weiter?

„Da ist ganz viel Unsicherheit und große Traurigkeit“, erzählt Nadja Bier, Regionalleiterin für die West- und Vorderpfalz beim Evangelischen Diakoniewerk Zoar. Die Entscheidung des Landes, die Werkstätten zu schließen sei richtig, „das Wichtigste ist, dass sich die Verbreitung des Coronavirus„ verlangsamt“. Aber gerade die Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen, „die ohnehin schon Probleme mit der Kontaktaufnahme und -pflege haben“, trifft diese Situation nun hart. „Für viele brechen soziale Kontakte komplett weg“, sagt auch Bettina Rivera, Leiterin der Westpfalz-Werkstätten. Als die Schließung endgültig war, hat sie Fragen gehört wie, „Muss ich jetzt wirklich nach Hause?“, „Wann darf ich wieder zur Arbeit kommen?“. Diejenigen, die eine geistige Behinderung haben, könnten nur schwer verstehen, was gerade mit ihnen und ihrem Arbeitsplatz passiere, erzählt Bier. Die Situation ist nur schwer zu vermitteln.

Lieferketten sollen eingehalten werden

Dazu mische sich die Sorge der Menschen und ihrer Angehörigen, „selbst krank zu werden, aber viele machen sich auch Sorgen um ihre Arbeit, weil es zu Hause ja doch langweiliger ist, sie ihre Kollegen nicht mehr sehen“, berichtet Rivera. Laufende Aufträge werden von den verbliebenen Mitarbeitern bearbeitet. „Wir versuchen mit unseren Tarifmitarbeitern die Lieferketten einzuhalten, es gibt ja nach wie vor einiges, das abgerufen wird“, erzählt Bier. Dadurch solle dafür gesorgt werden, dass die behinderten Menschen auch zukünftig einen Lohn bekommen, „der kommt ja aus den Produktionserlösen“, sagt Bier. Ähnliches berichtet auch Rivera, die verbliebenen Mitarbeiter sichern die Aufträge.

Ruhig geworden ist es aber dennoch: „Zu ihrem eigenen Schutz sind die Menschen jetzt erst mal im häuslichen Bereich oder in den Wohneinrichtungen“, so Rivera. Denn gerade für behinderte Menschen ist das Risiko bei einer Infektion groß. Viele der Werkstatt-Beschäftigten haben beispielsweise Schädigungen der Lunge, „da wäre jede Krankheit, die die Atemwege betrifft, schlecht“, andere sind Diabetiker. Auch bei Menschen, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, komme es häufiger vor, dass sie Probleme mit der Luft haben.

Notbetreuung in Siegelbach und bei der Dipro

In den Einrichtungen des Ökumenischen Gemeinschaftswerks Pfalz, Träger der Westpfalz-Werkstätten, sowie beim Evangelischen Diakoniewerk Zoar halten die Mitarbeiter weiter Kontakt zu den behinderten Beschäftigten, in Einzelfällen gehen sie sogar mit ihnen spazieren, berichtet Bier. In Siegelbach und bei der Dipro ist eine Notbetreuung eingerichtet, für all jene, die Zuhause nicht ausreichend versorgt werden können.

Am Volkspark in der Zoar-Wohnanlage ist die Stimmung trotz allem „eigentlich ganz ruhig und positiv“. Bei Pflegetätigkeiten, bei denen sich ein näherer Kontakt nicht vermeiden lasse, tragen die Mitarbeiter einen einfachen Mund- und Nasenschutz. „Wir haben in Kaiserslautern und in Rockenhausen auch angefangen, selbst Mundschutz zu nähen.“ Die Baumwoll-Masken sind bei 95 Grad waschbar und werden zunächst nur für den eigenen Gebrauch gefertigt.

Die finanziellen Folgen der Werkstättenschließungen sind für Rivera und Bier noch nicht oder nur schwer absehbar. „Das hängt entscheidend auch davon ab, wie die Industriefirmen, für die wir Aufträge bearbeiten, reagieren“, sagt Rivera. Die Vergütungssätze werden zunächst bis Ende des Monats weitergezahlt, „aber darüber hinaus wissen wir es noch nicht“, fügt Bier an.

Zur Sache: Nachrichten müssen alle erreichen

Jeden Tag erscheinen unzählige Nachrichten zur Corona-Krise. Doch diese erreichen gerade diejenigen, die dadurch besonders stark gefährdet sind, nicht, kritisiert Christine Tischer, Vorsitzende des Kaiserslauterer Inklusionsbeirats. „Sie müssten zum Beispiel auch in leichter Sprache oder größerer Schrift veröffentlicht werden. Jetzt in der Krise merkt man, was davor versäumt wurde.“ Tischer steht mit kl.digital in Kontakt, um diese Informationen auch für Menschen mit Behinderung zu bündeln und auf die städtische Webseite zu bringen. Dort seien bereits einige Links abrufbar, beispielsweise in leichter Sprache, „wenn man weiß, wo man suchen muss“. Gerade für diejenigen, die aufgrund ihrer Behinderung Zuhause gepflegt oder unterstützt werden müssen, wirke sich der Mangel im Bereich des verfügbaren Pflegepersonals oder der Versorgung mit Medikamenten und entsprechenden Therapien gravierend aus: „Es wird sich massiv auswirken, wenn beispielsweise Therapien unterbrochen werden müssen.“ Sie hofft, dass wenigstens die Stelle eines neuen Behindertenbeauftragten bald besetzt wird, damit der Beirat zukünftig auch richtig arbeiten könne: „Es gibt viele Fragen und wir sind nur eingeschränkt handlungsfähig im Moment.“ Der vormalige Behindertenbeauftragte Hans-Peter Wildt ist seit Ende 2019 im Ruhestand. Tischer selbst bietet für Menschen mit Behinderung oder Angehörige donnerstags von 14 bis 16 Uhr eine Telefonsprechstunde unter 0162/9572082 an oder ist per E-Mail an inklusionsbeirat@posteo.de erreichbar.
 In der Wäscherei stellen Diana Huber und Nicole Lukosius Masken her – für den eigenen Bedarf des Evangelischen Diakoniewerks Zo
In der Wäscherei stellen Diana Huber und Nicole Lukosius Masken her – für den eigenen Bedarf des Evangelischen Diakoniewerks Zoar.
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