Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Kamerawagen macht in dieser und nächster Woche Bilder der Stadt

Voraussichtlich bis Ende nächster Woche ist der Wagen von Cyclomedia in Kaiserslautern unterwegs, um Bilder für die Stadtverwalt
Voraussichtlich bis Ende nächster Woche ist der Wagen von Cyclomedia in Kaiserslautern unterwegs, um Bilder für die Stadtverwaltung zu machen. Sie sollen letztlich den Bürgern dienen.

Schnellere Bearbeitung von Bürgeranfragen, die Planung von Radwegen oder die Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur: Dies und mehr soll das Bildmaterial ermöglichen, das ein Kamerawagen der Firma Cyclomedia derzeit im Auftrag der Stadt von Kaiserslautern macht.

Morgens bei der Arbeit mit dem Stinkefinger begrüßt werden? Für Klaus Bitzer Alltag. „Da wird auch schon mal der Wagen mit Mülltonnen umzingelt“, berichtet der Stuttgarter gelassen. Oder man selbst attackiert. Bitzer ist für das niederländische Unternehmen Cyclomedia mit deutschem Hauptsitz in Wetzlar im Einsatz, um Panoramabilder von der Umgebung zu machen. Obwohl seine Aufnahmen mit dem sichtbarem Kameraufsatz auf dem Wagendach ausschließlich internen Zwecken von Stadtverwaltungen dienen und Gesichter sowie Autokennzeichen automatisch unkenntlich gemacht werden, bekommt er den Groll zu spüren, den Google Street View vor gut zehn Jahren auf sich zog.

Als das US-Unternehmen mit dem Abfotografieren von Straßenzügen begann, um diese Bilder auf den Karten von Google jedem zugänglich zu machen, löste es vor allem in Deutschland eine heftige Debatte um Datenschutz und Privatsphäre aus, so dass es nach etlichen Klagen seine Aktivität in Deutschland 2011 einstellte. „Die Leute unterscheiden nicht“, stellt Bitzer achselzuckend fest. Schon deshalb sei Information wichtig, betont Jan Frühauf von der Stabsstelle grafische Datenverarbeitung in der Lauterer Stadtverwaltung, der zusammen mit seinem Kollegen Christian Thomas von der Abteilung Digitalisierung für das Projekt zuständig ist.

Bis Tempo 120 Aufnahmen möglich

Seit Montag fährt Bitzer das rund 450 Kilometer lange Straßennetz Kaiserslauterns ab, um mit den insgesamt fünf Kameras und einem Laserscanner 360-Grad-Aufnahmen zu machen. „Aufgrund des Sturmes letzte Woche mussten wir umdisponieren“, erklärt Tanja Jorzig von Cyclomedia. Da bei Regen die Bildqualität zu schlecht werde, ist nun ein Wagen zwei Wochen in Kaiserslautern unterwegs statt zwei Wagen eine Woche lang.

„Alle fünf Meter wird ein Bild gemacht, das geht bis zu einem Tempo von 120 Kilometern pro Stunde“, erläutert Jorzig. Im Einsatz sei inzwischen die zehnte Generation von Kameras, „das ist nicht wie Ende der 1980er, als das Auto alle zehn Meter für ein Bild stehen bleiben musste“. Das so gewonnene Datenmaterial gebe nicht nur Aufschluss über die genaue Breite von Straßen und Gehwegen, sondern auch die Höhe von Gebäuden und den Straßenzustand. „Abfotografiert wird alles, wo die Stadt die Baulast hat“, ergänzt Thomas, also auch Fußgängerzonen und sogar Schulhöfe, aber nicht Landes- und Bundesstraßen, „mit Ausnahme des Opelkreisels“. Friedhöfe und Parks habe die Stadt jedoch nicht in Auftrag gegeben.

So kann jeder Stadtmitarbeiter vom Computer aus fast jede Ecke der Stadt einsehen. „Das spart Wege und Zeit“, erläutert Frühauf. Ist ein Schulweg unsicher? Wo ist Platz für Altglas- oder Altkleidercontainer? Ist die Straße marode? Neben der Beantwortung solcher Fragen sollen die Daten auch dazu dienen, zum Beispiel die Radinfrastruktur besser zu planen. „Verkehrszeichen und Straßenmarkierungen werden miterfasst“, erläutert Jorzig. Mit Hilfe künstlicher Intelligenz könnten auf dieser Grundlage sogar Ampeln vernetzt und intelligent gesteuert werden, verrät Thomas.

Denn finanziert wird das insgesamt 200.000 Euro teure Vorhaben mit KfW-Geldern aus dem Wettbewerb „Smart City“, verrät Thomas; 90 Prozent Fördermittel fließen in die Modellprojekte. „Initiiert von der Stabsstelle grafische Datenverarbeitung“, wie der Digitalisierungsfachmann aus dem Rathaus betont, sei auch die KL.digital GmbH im Boot. „Zugute kommen die Daten allen Abteilungen“, bekräftigt Frühauf und Jorzig bejaht, dass es eine unbegrenzte Lizenz für alle Beschäftigten gebe.

Simulation für den Fall von Starkregen

Über vier Jahre läuft das Projekt mit Cyclomedia, „2023 fahren wir das gesamte Gebiet noch einmal ab“, ergänzt sie. Cyclomedia sei aus der europaweiten Ausschreibung, auf die sich laut Thomas „zwei bis drei geeignete Firmen beworben haben“, hervorgegangen. In vier bis sechs Wochen stünden die Daten der Stadt per Cloud-Lösung bereits zur Verfügung, „die Inventarisierungsergebnisse, nachdem die Algorithmen drübergelaufen sind, bis Ende des Jahres“, verspricht Jorzig.

Dann könnten die aufbereiteten Daten auch für ein der Stadt nicht ganz unbekanntes Problem dienen: „Die Neigungen und Absätze im Boden werden erfasst, so dass zum Beispiel Simulationen für Starkregen möglich sind“, spricht die Cyclomedia-Verantwortliche einen weiteren Nutzen an.

Das gesamte Stadtgebiet samt der Ortsteile klappert Bitzer in den beiden Wochen ab; eine gemeinsame Lösung mit dem Landkreis oder Teilen war nicht geplant. Erst vor zwei Wochen hat die Firma Eagle Eye Landstuhl zum selben Zweck abfotografiert. „Wir brauchen eine Mindestgröße des Gebietes“, schiebt Jorzig erklärend hinterher. Auf dem Bildschirm im Wagen sieht Bitzer das abzufahrende Straßennetz; auf welchem Wege er sich dies vornimmt, ist ihm selbst überlassen.

Am Montag wird er vorsichtshalber die US-Militär-Gelände meiden. „In Mannheim hatte ich letztens beim Wenden einen Gewehrlauf vor dem Gesicht“, erinnert er sich. Und ein Kollege wurde schon vom Militär festgenommen, weiß Jorzig. „Das sollte man vorher abstimmen“, rät sie Thomas und Frühauf.

Mehr zum Thema
x