Kaiserslautern
„Kaiserslauterns erster Späti“ leidet unter Corona
Die Geschäftsidee hat sich das junge Ehepaar in Berlin und Köln abgeschaut. „Eine Kombination aus Stadtteil-Café, kleiner Bar und einem Spätkauf, der etwas mehr Waren anbietet als gewohnt.“ So schwebte es Newroz und Kivanc Sarialtun vor, als der Vater ihnen vor gut zwei Jahren die Nachfolge für seinen Kiosk in der Mozartstraße in der Lauterer Innenstadt anbot. Und damit das Projekt einen zugkräftigen Namen bekommt, nannten sie es nicht nur „Mozart 20“, sondern auch „Kaiserslauterns erster Späti.“ Ganz nach dem Vorbild der berühmten Berliner „Spätkauf-Geschäfte“, die einen Städter praktisch rund um die Uhr mit allem versorgen, was er so zum täglichen Leben braucht.
Zu jeder Tageszeit am Verkaufsfenster
Für Sohn Kivanc ist das Kiosk-Geschäft natürlich kein Neuland. Er ist praktisch in dem kleinen Ladenlokal im Parterre des Reihenhauses aufgewachsen: „Meine Eltern kamen in den 90er-Jahren als kurdische Asylbewerber nach Kaiserslautern“, berichtet der inzwischen 30-Jährige. Und schon nach ein paar Jahren übernahmen sie den damaligen Kiosk im sogenannten Musikerviertel der Innenstadt. Samt Sortiment und Öffnungszeiten, die sich nach dem Tagesablauf der meist kunterbunten Kundschaft richteten: „Immer wenn es geklingelt hat, ging einer von uns an das Verkaufsfenster“, erinnert sich Kivanc. Und wenn es nur für eine Schachtel Zigaretten in der Nacht oder den berühmten „Flachmann“ als Einschlaf-Hilfe war.
Runde drei Jahrzehnte später kann Familie Sarialtun durchaus stolz auf die Früchte ihrer Arbeit schauen. Inzwischen ist das Haus in der Mozartstraße nicht nur in ihrem Besitz, sondern auch von der Fassade bis zum Inneren vollständig renoviert. „Das meiste natürlich in Eigenarbeit“, erzählt Vater Bilal Sarialtun, „und immer so viel, wie wir uns gerade leisten konnten.“ Inzwischen bietet das Gebäude bereits drei Generationen eine Heimat: Den Eltern Bilal und Ayse, dem Sohn Kivanc und seiner Gattin Newroz – und dem Enkelsohn Agit, der vor neun Monaten das Licht der Welt erblickte. „Wir fühlen uns inzwischen als eine echte Lauterer Familie“, beteuern sie einmütig, „und die Nachbarn hier haben uns längst akzeptiert.“
Treffpunkt für Jung und Alt
Blieb nur der Kiosk, der inzwischen ein bisschen in die Jahre gekommen war. Da traf es sich gut, dass der Vater mit seinen 58 Jahren allmählich ein bisschen kürzer treten wollte. Und weil Sohn Kivanc eine andere Gaststätte in der Lauterer Innenstadt besitzt, sollte Schwiegertochter Newroz das heimische Geschäft in die nächste Generation führen. Auch sie ist – als gebürtige Kölnerin – natürlich mit dem obligatorischen Wasserhäuschen aufgewachsen: „Die gibt es dort an jeder Ecke“, erzählt die 27-Jährige lächelnd, „und sie sind in der Innenstadt ein wichtiger Treffpunkt für Jung und Alt.“ Wieder ging die Familie gemeinsam an die Arbeit, um auch im etwas kleineren Lautern einen solchen Treffpunkt im Altbau-Quartier zu schaffen. Wieder mit viel Eigenleistung und dem mühsam ersparten Eigenkapital.
Im Juni 2018 eröffnete schließlich das neu gestaltete „Mozart 20“: Außen mit einer schlichten, aber einprägsamen Werbetafel, innen in einem stilsicheren grau-schwarzen Design. Vier Tische im Caféhaus-Stil möblieren das kleine Café, hinter einer langen Bar verteilen sich Tabakwaren, alkoholische Getränke, Süßigkeiten und kleine Snacks. Und nach vorn, wo sich früher nur eine kleine Glasklappe zur Straße befand, öffnen sich jetzt weite Fenster und Türen. „Alles ist jetzt viel heller und einladender geworden“, sagt der Vater. Ihm macht es sichtlich Freude, seiner Schwiegertochter mit seiner Erfahrung im Verkauf zur Seite zu stehen. „Schon zur Eröffnung kamen viele neue Kunden“, erinnert er sich, „die Sache lief wirklich gut an.“
„Das ganze Viertel ist wie tot“
Heute ist von diesem Optimismus in der Mozartstraße 20 nicht mehr so viel zu spüren. „Fast ein Jahr lang haben wir jetzt praktisch den Innenbereich geschlossen, von der kurzen Zeit zwischen Mai und Oktober 2020 abgesehen“, rechnen Newroz und Kivanc vor. Kein Kunde kann sich für ein Viertelstündchen bei einem Kaffee oder Bier hinsetzen, keine Mutter mal ihren Kinderwagen in die Ecke stellen. Auch das Geschäft außer Haus, früher mal die Umsatz-Säule des Ladens, sei in Corona-Zeiten drastisch zurückgegangen: „Das ganze Viertel ist wie tot“, berichtet Newroz, „niemand geht mehr raus, wenn er nicht unbedingt muss.“ Um mehr als 80 Prozent sind die Umsätze insgesamt geschrumpft, „aber unsere Kosten laufen weiter, in voller Höhe und Tag für Tag.“
Natürlich sind sie dankbar dafür, dass die finanziellen Beihilfen der Bundesregierung inzwischen fast vollständig bei ihnen angekommen sind. Und auch das Kurzarbeitergeld helfe, wenigstens einen Teil der Lohnkosten zu decken. „Aber insgesamt leben wir von der Substanz“, hat Kivanc Sarialtun ausgerechnet, dessen eigene Gaststätte ebenfalls stillsteht. „Sehr lange können wir das trotz aller persönlichen Einschränkungen nicht mehr durchstehen.“ Manchmal kommt es ihm fast wie eine Bestrafung vor, dass die gesamte Großfamilie praktisch von einer Branche lebt: „Alle stehen gleichzeitig ohne Arbeit da.“ Da hilft ihm auch die Ankündigung der Landesregierung, wenigstens die Außengastronomie zu erlauben, nicht wirklich weiter: „Der Bürgersteig vor dem Mozart 20 ist gerade mal einen Meter breit, da bekommen wir nie eine Nutzungserlaubnis für Tische und Stühle.“