Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Kaiserslautern: Vor 75 Jahren wurde der Kotten in Schutt und Asche gelegt

Ein Trümmerhaufen :Der Kottten kurze Zeit nach dem Angriff.
Ein Trümmerhaufen :Der Kottten kurze Zeit nach dem Angriff. repro: westenburger

Der alte Stadtteil Kotten ging in der Nacht zum 28. September 1944, vor 75 Jahren, im Hagel der Brand- und Sprengbomben unter. Ein „neuer Kotten“ wurde bald nach dem Krieg wieder aufgebaut. Er ist heute ein beliebtes innerstädtisches Wohngebiete mit ruhigen, manchmal etwas schmalen Straßen und Gässchen. Der Stadtrat hatte im Rahmen des Wiederaufbaus der Stadt beschlossen, dass der Kotten „wie früher, mit geringen Neuplanungen“ wieder aufgebaut werden soll.

Während des Zweiten Weltkriegs gab es in Kaiserslautern rund 1000 Luftalarme. Die meisten wurden wegen der Überflüge nach Ludwigshafen, Mannheim oder in die östlichen Reichsgebiete ausgelöst. In der Statistik ist der Kotten-Alarm als Nummer 557 registriert. Das war der dritte Großangriff auf Kaiserslautern nach dem 7. Januar und dem 14. August 1944. Bei dem Kottenbombardement gab es rund 200 Tote, 1219 total zerstörte Häuser und über 600 mit mehr oder weniger großen Schäden, die auch im Osten und in der Stadtmitte entstanden.

Der Kotten im Westen der Stadt war nicht das Ziel des Nachtangriffs. Dass dieses Wohnquartier zerstört wurde, konnte nur Zufall gewesen sein. In Teilen der Stadtliteratur wird vermutet, dass am 27. September ein „Transportzug“ mit Flakgeschützen im Hauptbahnhof „aus betriebstechnischen Gründen“ hätte halten müssen. Auf Bitten des örtlichen Luftschutzes hätten diese Batterien – wenn die Geschütze auf dem Transportzug überhaupt einsatzfähig gewesen wären–, beim Nachtangriff das Feuer eröffnet und die Bomber nach Westen abgedrängt. So sei der Kotten getroffen worden. Zeitzeugen bezweifelten hinterher diese Version. Es ist auszuschließen, dass die Flak „auf Bitten des Luftschutzes“ zum Einsatz gekommen wäre. Die Flak unterstand den Militärbefehlshabern. Es ist zu bezweifeln, dass in den wenigen Minuten zwischen Hauptalarm und der Gewissheit, dass Lautern angegriffen wurde, eine Kommunikation zwischen Luftschutz und den Flakbatterien zu Stande gekommen sein könnte.

Die „Christbäumchen“ driften nach Westen ab

Es gibt Erinnerungen von Zeitzeugen, dass am Nachmittag des 27. September auf einem Abstellgleis des Hauptbahnhofs ein einziges Flakgeschütz mit vier Rohren, eine „Vierlingsflak“ auf einem Güterwagen stand. Zeitzeuge war eine Gruppe HJ-Buben, denen man das Geschütz und seine Feuerkraft erklärte.

Dem Ostwind ist der Untergang des Kottens zuzuschreiben. In den 1970er Jahren, wahrscheinlich 1974, 30 Jahre nach dem Angriff, hat die Stadtverwaltung durch ein Wetteramt in Erfahrung gebracht, dass in der Nacht vom 27. auf den 28. September 1944 starker Ostwind herrschte. Leute, die auf die letzte Minute in die Bunker rannten, erinnerten sich hinterher, dass die „Christbäumchen“, die gebündelten Leuchtkugeln, die das Angriffsgebiet markieren sollten, ungewöhnlich rasch ihre Position nach Westen veränderten. Angriffsziele waren möglicherweise der Bahnring im Osten der Stadt und die dort gelegenen Fabriken und der Hauptbahnhof. So wurden bei der ersten Angriffswelle unter anderem die Maria-Schutz- Kirche, die Bayerische Brauerei getroffen, die Firma Schuster&Sohn und dann bei der zweiten Angriffswelle, nach der Abdrift der „Christbäumchen“ weiter nach Westen, das Institut der Franziskanerinnen, die Mühlstraße und schließlich der Kotten mit der Apostelkirche, die Baugenossenschaft Bahnheim, die Siedlung in der Saarbrücker Straße und die Lothringer Dell.

Der Angriff dauert über eine Stunde

Hauptalarm gab es um 1.30 Uhr nachts, also am 28. September. Kaum zehn Minuten später standen die ersten „Christbäumchen“ über der Stadt und in der Bismarckstraße – also im Osten der Stadt – schlugen die ersten Bomben der englischen Maschinen, die nur nachts angriffen, ein. Der Angriff dauerte über eine Stunde. Die Chronologie der Bombeneinschläge scheint die Abdrift der „Christbäumchen“ nach Westen zu bestätigen. Wer tags darauf verbotenerweise an seinem alten Siemens-Radio das Pausenzeichen des BBC, das „ta,ta,ta,ta“ empfangen konnte, erfuhr im deutschsprachigen Programm, dass die Stadt Kaiserslautern „in der vergangenen Nacht völlig zerstört“ worden sei.

Die HJ-Buben, denen man die Feuerkraft der Flak erklärt hatte, schlichen sich am Morgen nach dem Angriff in die Stadt. Das Tor zur Hölle stand ab der Mühlstraße ganz weit offen.

Viele Bewohner des Kottens hielten während des Kriegs noch Vieh, Kühe, Schweine und Hühner. Eine ältere Dame, Alice Hamann, erzählte einmal, als beim Nachtangriff in ihren Stall eine Brandbombe eingeschlagen sei, hätte ihr Bruder, der auf Fronturlaub gewesen sei, die Stalltür aufgerissen und die Tiere laufen lassen. „Eine lebendige Wutz“ hätten sie am nächsten Morgen noch gefunden.

Wenige Tage nach dem Angriff legten die „fliegergeschädigten“ Bürger vom Kotten Hand an, Trümmerfrauen schleppten in den Fliegeralarmpausen Steine und Balken. Und dann wurde vor dem Trümmergrundstück jeden Samstag die Straße säuberlich gekehrt. Unvergessene Bilder.

Als der Terror vorbei war, legte die Stadt im Sommer 1945 Feldbahngleise bis in den damaligen Ausstellungspark, den heutigen Volkspark. Der Hügel beim Schwanenweiher ist Kottenschutt.

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