Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Kaiserslautern: Volkshochschule bietet Kurse für Analphabeten an

Wildes Durcheinander: Wer nicht richtig lesen und schreiben kann, gerät selbst bei einfachen Worten schnell ins Stocken. Die Vol
Wildes Durcheinander: Wer nicht richtig lesen und schreiben kann, gerät selbst bei einfachen Worten schnell ins Stocken. Die Volkshochschule bietet jedes Jahr Grundbildungskurse an. Symbolfoto: Dpa

In Kaiserslautern können etwa 11.000 Menschen nicht richtig lesen und schreiben. Studien gehen davon aus, dass deutschlandweit mehr als 7,5 Millionen Personen funktionale Analphabeten sind. Die Volkshochschulen gehören zu den größten Anbietern von Grundbildungskursen. Seit über 40 Jahren gibt es dort in Kaiserslautern Kurse, um lesen und schreiben zu lernen. Die Geschichten der Betroffenen sind vielfältig.

In Kursraum 102 der Volkshochschule sitzen an diesem Vormittag drei Frauen mit ihrem Lehrer. Jürgen Metelerkamp ist Diplom-Pädagoge, war Bereichsleiter „Grundbildung“ der VHS, ehe er sich mit einer Weiterbildung als Kursleiter qualifizierte und begann, Menschen das Lesen und Schreiben beizubringen. Seit Anfang Februar lernen insgesamt acht Frauen in einem wöchentlichen Kurs die richtige Rechtschreibung, Aussprache und das Verstehen kurzer Texte.

Da ist zum einen eine Kaiserslautererin, die „ein schweres Leben“ hatte, aufgewachsen in einer Großfamilie und mit einem „bösen Vater“. „Es war dann keiner dahinter, dass ich in die Schule gehe“, sagt sie. Unter dem Schuleschwänzen litt ihre Lese- und Schreibfähigkeit, mühsam und in einzelnen Silben liest sie heute die Wörter auf den Übungsblättern. Mit ihrem Bleistift fährt sie dabei einzelne Buchstaben nach. Erst als sie sich von ihrem Mann getrennt hatte, habe sie den Mut gefunden, sich um einen Kurs zu bemühen: „Er hat mich nicht unterstützt, hat nur gesagt, dass ich dumm bin und nichts kann“, erzählt sie. Im Internet fand sie den VHS-Kurs.

Neben ihr sitzt eine Frau, aufgewachsen in einer Schaustellerfamilie: „Ich bin hier, weil ich einfach viele Schwierigkeiten habe“, sagt sie. Beispielsweise im Straßenverkehr, aber auch bei Arztbesuchen machten sich die fehlenden Kenntnisse bemerkbar. Die vielen Umzüge der Familie hätten nicht nur für wenig Freunde gesorgt: „In der Schule ist man nicht wahrgenommen worden, weil man ja schnell wieder weg war“, erzählt sie. „Kleine Wörter kann ich lesen“ – aber das reicht der Frau nicht mehr.

Dazu kommen Teilnehmer mit ausländischen Wurzeln, für die die deutsche Sprache völlig neu und fremd ist, berichtet Metelerkamp. „Es ist anders als im Anfänger-Italienischkurs. Wir haben hier kein Buch, das man aufschlagen kann und mit Lektion eins beginnt“, sagt er. Die Vorkenntnisse sind so unterschiedlich, wie die Personen, die die Kurse besuchen.

Die Zahlen vor einigen Jahren rüttelten auf. Studienergebnisse zeigten, dass über 7,5 Millionen Deutsche (14 Prozent) im erwerbsfähigen Alter zwischen 18 und 64 Jahren nicht richtig lesen und schreiben können. 57 Prozent der Betroffenen übten aber dennoch einen Beruf aus, häufig waren sie als Hilfskräfte beschäftigt.

Metelerkamp bestätigt diesen Eindruck. Vor einigen Jahren seien in seinen Kursen häufig Muttersprachler gewesen, die in solchen Positionen arbeiteten, mittlerweile habe sich das etwas verändert, viele Ausländer kämen. Im aktuellen Kurs haben sechs von acht Teilnehmerinnen Migrationshintergrund oder eine andere Staatsbürgerschaft, sagt er.

Gemeinsam bearbeiten die drei Frauen an diesem Vormittag einen kurzen Text, in zwei verteilten Rollen lesen sie ein Gespräch zwischen einer Verkäuferin und einer Kundin. Immer wieder geraten sie dabei ins Stocken, lesen noch einmal langsam und korrigieren sich gegenseitig. Danach geht es um das Erkennen von „Hauptwörtern, Tu- und Wiewörtern“. „Kos-tet“ liest eine der Frauen vor, etwas zögerlich und leise, während die anderen mehr zu sich selbst mitsprechen.

„Nach Forschungsergebnissen der Uni Hamburg können wir weiterhin davon ausgehen, dass mindestens 11.000 Menschen in Kaiserslautern betroffen sind. Die funktionalen Analphabeten lassen sich verschiedenen Niveaustufen zuordnen“, erklärt Michael Staudt, Direktor der Volkshochschule. Zwischen 350 bis 450 Personen würden die Wortebene unterschreiten, das heißt einzelne Buchstaben werden erkannt, ganze Wörter jedoch nicht. Dazu kommen 2100 bis 3000 Personen in Kaiserslautern, die die Satzebene unterschreiten, weitere 3500 bis 7500 Personen können zwar einzelne Sätze schreiben oder lesen, aber keine vollständigen Texte. „Hinzukommen circa 16.500 Personen auf dem Alpha-Level 4, die die Textebene erreichen, jedoch mit vielen Fehlern, etwa auf dem Niveau eines Viertklässlers lesen und schreiben können“, erklärt Staudt.

Die VHS hat vor einiger Zeit zusätzlich zu ihrem Kursangebot auch eine Werbekampagne auf Bussen gestartet, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Zudem wurde ein Bündnis für Alphabetisierung und Grundbildung ins Leben gerufen.

Die Volkshochschule Kaiserslautern gehört seit über 40 Jahren zu den Anbietern von Grundbildungskursen. Im vergangenen Jahr bot sie 24 Alphabetisierungskurse an, an denen insgesamt 154 Personen teilnahmen. 2012 nahmen noch 442 Menschen in 63 Kursen teil, seitdem sind die Teilnehmerzahlen rückläufig.

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