Kaiserslautern
Kaiserslautern: Laien ohne Notenkenntnis singen mit Pfalztheater-Profis
50 Laien, die zum Teil nicht einmal Noten lesen können, stehen beim Pfalztheater-Projekt „Begegnungen“ mit 30 Ensemblemitgliedern in der Jugendoper „Border“ auf der Bühne. Darin geht es um Fluchterlebnisse. RHEINPFALZ-Mitarbeiterin Konstanze Führlbeck hat sich mit dem Produktionsteam unterhalten.
Herr Glatzle, warum machen Sie dieses Begegnungsprojekt und warum haben Sie dafür „Border“ ausgewählt?
Elias Glatzle (Produktionsdramaturg): Das Begegnungsprojekt geht jetzt in die siebte Runde, es wurde mit der Intendanz von Urs Häberli etabliert. Und diese Jugendoper hat Andreas Bronkalla, unser Chefdramaturg, ins Rennen geworfen. Sie wurde 2012 in Köln uraufgeführt und ihre Thematik ist auch nach 2012 noch brandaktuell. Das Begegnungsprojekt führen wir durch, weil wir in Kontakt mit Stadt und Region treten und das Theater für die Menschen öffnen wollen. Wir wollen ihnen die Gelegenheit bieten, gemeinsam mit den Profis eine Produktion zu gestalten. Eine Rollstuhlfahrerin ist jetzt zum fünften Mal dabei – jeder im Haus kennt Kerstin. Und auch Menschen mit Migrationshintergrund sind dabei.
Wie erarbeitet man als musikalischer Leiter eine Jugendoper mit Laien?
Olivier Pols (Dirigent): Oper ist eine Herausforderung auf verschiedenen Ebenen, sie ist nicht stationär wie ein Konzert. Wir brauchen einen längeren Vorlauf, wenn wir mit Leuten arbeiten, die zwar singen, aber nicht gewohnt sind zu singen und zu spielen. Schon im Februar haben wir wöchentlich sonntags geprobt, musikalisch und szenisch. Die Teilnehmer kommen erst mit der Musik in Berührung. Wenn es dann szenisch wird, kennen sie die Musik schon. Wir haben viele dabei, die keine Noten lesen können.
Wie gehen Sie damit um?
Da heißt es dann vorsingen, nachsingen, auswendig lernen. Und wenn es dann mal drin ist, hat es eine umwerfende Sicherheit. Das hat mich vom Hocker gerissen, wie professionell sie sich auf der Bühne geschlagen haben. Man braucht Geduld, aber die zahlt sich aus. Die Begeisterung ist etwas, das alle hier im Haus aufnehmen.
Frau Ramser, wie führen Sie als Regisseurin Laien und Profis im Musiktheater zusammen? Viele Selbstverständlichkeiten sind da zu Beginn doch nicht gegeben?
Katharina Ramser (Inszenierung): Ich nehme die Menschen ernst und ich nehme ihre Individualität auf. Ich muss die Laiendarsteller ermutigen, das zu tun, was sie als Impuls spüren, zum Beispiel sich zu trauen, auch einmal „zu groß“ zu spielen.
Wie hat sich die Arbeit mit Laien auf ihre konzeptionelle Planung ausgewirkt?
Ramser: Meine Ausstatterin und ich haben uns überlegt, was wir hervorheben wollen: das Fluchtthema.
Stefanie Liniger (Ausstattung): Wir haben nie gedacht, da sind Laien dabei, das geht nicht. Aber man muss die Masse an Menschen berücksichtigen, die dann möglicherweise auf der Bühne ist.
Glatzle: Und wir wussten lange nicht, wie viele es denn sein würden. Tatsächlich sind jetzt etwa 80 Leute auf der Bühne, darunter zirka 50 Laien. Es war immer ein Austausch bei der Arbeit. Das Thema ernst nehmen, die Leute ernst nehmen – und loslegen.
Ramser: Und es gibt Interesse an diesem Thema. Theater ist spannend, wenn es eine gesellschaftliche Relevanz hat. Was hat das mit mir zu tun? Es muss etwas in mir anklingen. Ich bin auch sehr froh, dass wir Teilnehmer mit Migrationshintergrund dabei haben. Und dass wir zum Beispiel durch Schwimmwesten Assoziationen zu den Leuten ziehen können, die solche Schwimmwesten bei der Überquerung des Mittelmeers getragen haben. Ich finde es wichtig, dass wir unseren Diskursraum nutzen, um einen neuen Blickwinkel zu bieten. Theater ist ein demokratischer Raum, den wir offen halten müssen.
Haben Sie keine Angst gehabt, dass bei den Teilnehmern durch die Theaterarbeit traumatische Erinnerungen ausbrechen?
Glatzle: Natürlich hatten wir Angst, dass etwas von den Erfahrungen der Menschen hier wieder ausbrechen könnte. Aber die Menschen fühlen sich wohl, in der Gruppe aufgefangen.
Pols: Wir sind tatsächlich gut durchgekommen.
Liniger: Ja, es gibt zum Beispiel ein Videospiel, das Manol, der Sohn von Ioalos, spielt. In diesem Kriegsspiel sieht man, wie Leute flüchten. Das thematisiert die Oper.
Wie erarbeiten Sie ein solches Thema?
Ramser: Ich arbeite immer über Empathie und darüber, dass ich Menschen ernst nehme. Ich nehme Vorschläge an, ich will die Leute individuell mitnehmen. Und alle wissen, was sie auf der Bühne tun.
Apropos Bühne: Wie bereiten Sie sich auf die Ausstattung bei einem solchen Projekt vor?
Liniger: Ich sauge zu der Thematik viel auf, es ist wie ein Film, ein Human Flow. Ich wühle in meinen Büchern, im Computer, ich hatte Kontakt mit der Regisseurin. Die Bilder von den Flüchtlingen am Strand mit Decken haben mich sehr berührt. Ich arbeite sehr assoziativ.
Können Sie uns etwas zum musikalischen Stil von Ludger Vollmer sagen und zu seinem Bezug zu dieser Thematik?
Pols: Vollmer ist für eine Tonsprache bekannt, die leicht fasslich ist. Man versteht, welche Bilder er schaffen und wie er Texte transportieren möchte. Bei Fluchtszenen gibt es viele Trommeln, darunter auch Instrumente wie die Davul und orientalische Kastagnetten. Gerade die Musik zu den Fluchtszenen ist sehr rhythmusbetont. Anders die Liebesgeschichte, da wird es romantisch im 5/4-Takt, als ob der Herzschlag doch ein bisschen ins Stocken kommen würde. Es gibt viele Chorszenen. Stimmen aus dem Off untermalen bedrohliche Situationen. Und für jeden Charakter und jede Gemütsregung hat Vollmer ein bestimmtes Tonfeld, eine Art Code, ein Psychogramm.
Glatzle: (lacht) Jetzt fehlt nur noch das Publikum.
Vielen Dank für das Gespräch.
Termine
Die Premiere ist am Samstag, 19.30 Uhr, im Großen Haus. Weitere Termine: Mittwoch, 12. Juni, Samstag, 22. Juni, Dienstag, 25. Juni, Dienstag, 2. Juli, alle jeweils um 19.30 Uhr.