Kaiserslautern
Kaiserslautern: Jugendliche imponieren mit selbstgeschriebenem Rockmärchen
Ein sozialpädagogisches, nachahmenswertes Projekt macht Schule – und zwar im doppelten Sinn: Das Rockmärchen brachte in zwei Aufführungen am Mittwoch in der Fruchthalle Schüler auf die Bühne und sprach in werbewirksamen Aktionen Schulklassen zum Besuch in der Fruchthalle an. Schon zuvor gelang dies in ebenfalls guter Resonanz in verschiedenen regionalen Schulen wie Otterbach-Otterberg und Ramstein.
Unter der Ägide der Jugend-Sozialarbeiterin Julia Pfeiffer, zuständig für die Schüler der Verbandsgemeinde Otterbach-Otterberg, entwickelte sich aus einem beispielhaften Theater-Workshop etwas Neues mit richtungsweisendem, modellhaftem Charakter. In dem von Pfeiffer geleiteten Jugend-Treff-Zentrum in Otterbach – für Jugendliche ab zwölf Jahren – kam die Idee einer gemeinsamen, collagenhaften Theateraufführung auf: Aus bekannten Märchenstoffen sollte etwas Eigenes und Neues entstehen, mehr auf die derzeitige gesellschaftliche Situation abgestimmt und näher an Sprache und Lebensgewohnheiten der heutigen Zielgruppen ausgerichtet.
Das Angebot der Jugendgruppe – finanziert über die Verbandsgemeinde – bot ideale Rahmenbedingungen, vom regen Gedankenaustausch bis hin zur gemeinsam erstellten Text- und Bühnenfassung und den Feinheiten der Inszenierung. Bislang bildeten Workshops, Kreativprojekte und Ferien-Freizeiten sowie gemeinsame Feste – etwa zu Halloween – den Höhepunkt der Aktivitäten.
Übertroffen wird dies vom jetzigen Synergieeffekt zwischen Musik mit professionellen Musikern, Aussteuerung am Pult durch ein bewährtes Team sowie ein sozialpädagogischer Anspruch, der vor allem ein hohes Maß an Kreativität einforderte. Etwa bei der eigenen handwerklichen Ausfertigung der Bühnendekoration und schließlich bei der interessanten Vernetzung verschiedener Märchen, die trotzdem einen Handlungsbogen ergeben. Den nötigen Rückhalt erhielt das mutige Vorhaben durch den rührigen Förderverein.
Verallgemeinernd könnte man die Leitidee der vom Landes-Präventionspreis ausgezeichneten dramaturgischen Konzeption als eine Art Standortbestimmung begreifen: Wo stehen Jugendliche in Familie und Gesellschaft heute, wie artikulieren sie in diesem Spannungsfeld ihre Emotionen, wie stellen sie sich dar und welchen Gefahren sind sie ausgesetzt?
Die sehr schlüssig durchdachte Bühnenfassung ging von dem Kindermärchen-Klassiker „Hänsel und Gretel“ aus, um dann aber die Handlung zu aktualisieren und nach einer gewohnten Einführung einer Erzählerin (Sarah Müller in einfühlsamer Diktion) dann kreativ und eigenständig weiterzuspinnen. Hänsel (gespielt von Emily Steidel) und Gretel (eine Paraderolle für Jule Derag) drehen den Spieß einfach um, haben die Faxen dicke, keinen Bock mehr auf spießbürgerliche Familie und Bevormundung. Sie hauen ab, steigern sich zuvor in ihrer für die zeit typischen Sprache in Rage und verbreiten musikalisch im Lied „Vor uns liegt die Freiheit“ zunächst Zuversicht.
Es kommt nach dieser Aufbruchstimmung und Illusion die Ernüchterung: Wie überlebt man in dieser Welt, ohne Absicherung und Integration in eine soziale Gruppe? Wo findet sich eine neue soziale Heimat? Immerhin erkennen sie noch rechtzeitig, dass die an der „Flasche hängenden“ und sie lockenden Penner keine Alternative sind und begeben sich auf ihrem Irrweg durch den dunklen Wald als Symbol für Düsternis, Beklemmung und alptraumhafte Angstzustände in weitere Gefahren. Sie treffen auf weitere kauzige Kreaturen, wie sie in anderen Volks- und Kindermärchen der Gebrüder Grimm vorkommen: Rapunzel hat eigene Probleme – eine klammernde Mutter – und die werden in dieser Inszenierung direkter, konkreter und unverblümter, weil provokativer und bisweilen vulgärer in der Umgangssprache auf den Punkt gebracht. Sprache wird hier nicht romantisierend als Stilmittel eingesetzt, sondern als Ausbruch der Seele. Lieber schockierend als beschönigend und idyllisierend.
Es gelingt die Darstellung des Scheidewegs zwischen Familie und dem Rand der Gesellschaft, bisweilen verlockend, aber auch bedrohlich. Das Gemeinschaftsprojekt zwischen der Sozialpädagogin und der die Musik arrangierenden Pop- und Bluessängerin Chrissi Steidel weckte aber auch musikalisch schlummernde Talente, kitzelte aus ihnen neben schauspielerischen auch ungeahnte stimmliche Reserven heraus, sowohl solistisch in ansprechenden Episoden wie auch im Vokalensemble.
Dazu spielten verschiedene Gitarristen live. Die besuchte Aufführung am Vormittag bewirkte durch Sven Rupperts vielseitiges Spiel auf der akustischen, aber verstärkten Gitarre einen restlos überzeugenden Gesamteindruck mit grundsoliden Abläufen. Der Gitarrist sorgte für den nötigen rhythmischen Impuls, gab aber auch die Stilistik der zusammengesetzten Musikstücke vor, die im Tonfall zwischen Rock, Pop und Broadway-Musical-Einflüssen wechselten. Fazit: Das war klasse und ist wiederholenswert!