Kaiserslautern
Kaiserslautern: Beeindruckende musikalische Reise in die Welt des arabischen Judentums
Eine Reise durch die musikalische Welt des arabischen (sephardischen) Judentums begingen am Dienstagabend im bis auf den letzten Platz besetzten Gemeindezentrum der jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz die beiden Berliner Musiker Liran Levi und Simon Steffgen. Eingeladen hatte Bernhard Gerlach von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Pfalz.
Ohne Musik ist das Ausüben der jüdischen Religion undenkbar. Religion und Musik sind im Judentum so eng miteinander verwachsen, dass fast nur singend gelesen und gebetet wird, erzählte Levi. Die Intention der beiden war, einen Einblick in die Welt der sogenannten „Pijjutim“ des arabischen Judentums zu geben. „Pijjutim sind hebräische religiöse Texte und Melodien, die an den verschiedenen Feiertagen oder an den Werktagsgebeten Verwendung finden“, erklärte Levi, der in Israel aufgewachsen ist, in Jerusalem Philosophie und jüdisches Denken sowie klassische arabische Musik studiert hat und seit drei Jahren in Berlin lebt. Der 39-Jährige erzählte über seine persönliche Begegnung mit dieser Musikkultur, führte in Grundbegriffe ein und stellte verschiedene Traditionen vor.
Monophone, unbegleitete Lieder
Sephardim sind mit den Aschkenasim und Mizrajim eine der drei ethnischen Hauptzweige der Juden in der Diaspora, so Levi. Sie waren ursprünglich auf die Iberische Halbinsel konzentriert, sind aber seit der Vertreibung im Jahr 1492 aus Spanien über den gesamten Mittelmeerraum verbreitet. Ihre Gesangstradition verbreitete sich von Spanien nach Marokko und in die Teile des Osmanischen Reiches. Dabei hat sie sich in jeder Region angepasst und regionale Eigenheiten angenommen. Die Lieder sind meist monophon und normalerweise unbegleitet, da die Benutzung von Instrumenten seit der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 nach Christus in der Synagoge verboten war. Die bei uns üblichen Dur- und Moll-Harmonien kennen sie nicht.
Zu den Tagen der Umkehr sangen die beiden gemeinsam das Vergebungsgebet „Adom Ha-Slikhot“. In der Tradition der Sepharden werden solche Gebete im ganzen Monat Elul (September), zur Vorbereitung auf die hohen Feiertage „Rosh ha-Shana“ (Neujahrsfest) und „Yom Kippur“, dem Tag der Versöhnung zehn Tage darauf, gebetet.
Gesang reich an Ornamenten
Ein Vergebungsgebet müsse in der Lage sein, einen weiten Bereich menschlicher Gefühle wie Freude, Dankbarkeit und Lob, aber auch Flehen, Sündenbewusstsein und Zerknirschung auszudrücken. Im Unterschied zum Arabischen jedoch kennt die hebräische Sprache keinen Unterschied zwischen kurzen und langen Vokalen. Der Sänger muss deshalb zwischen den verschiedenen Wortakzenten eine gewisse Anzahl Silben einfügen, weshalb der Gesang reich an Ornamenten ist.
Bei den Sepharden bildete sich eine Tradition der mystischen Gottsuche aus, die mit der Vertreibung aus Spanien weiter verbreitet wurde. Ein Beispiel dafür war die „Ode el Hai“ (Den Lebendigen preise ich), die aus dem Aleppo des 18. Jahrhunderts stammt und praktisch ein Mosaik aus verschiedenen Bibelversen darstellt. Mit tief traurigem Klang setzte Steffgen mit dem Cello ein, während Levi sich mit melancholischer Stimme in die Verse versenkte. Beide blieben den Farben und dem sprachlichen Gestus dieser Musik nichts schuldig. Auch das Lied „El Mistater“ (Verborgener Gott) aus dem 16. Jahrhundert in Sefad (Israel) war ein typisches Beispiel für diese Mystik, mit dem die Beter bereits morgens um drei Uhr vor dem Shabbat beginnen.
Schlicht erscheinende Lieder als Herausforderung
„Jeder kann sich auf seine eigene Weise in den Text versenken“, betonte Levi, der dieses Lied schon oft in Jerusalem mit seinen Lehrern gesungen hat. „Es geht ausschließlich um die Atmosphäre dieser Lieder.“ Shabbat-Lieder sind gleichzeitig Lehrgedichte über das Wissen und die Ausübung des Shabbat. Ein Beispiel dafür war „Ashir la’el asher shavat“ (Ich singe dem Gott der ruhte) aus dem 19. Jahrhundert. Ein einfacher, sehr meditativer Gesang, der aus nur wenigen Noten besteht und zeigte, dass es auf die Texte und Gebete durchaus mehrere Melodien geben kann. Das Shabbatlied „Ki eshmera Shabbat“ (Weil ich Shabbat hakte) aus dem 12. Jahrhundert sang Levi mit der Gemeinde zusammen. Dabei wurde den Besuchern erst bewusst, wie schwer diese Lieder, die so einfach und schlicht erscheinen, zu singen sind. Das Gemurmel sei aber normal im Gottesdienst, so Levi. „Ein charakteristisches Merkmal ist eine Vielfalt an singenden und murmelnden Stimmen, die eine Art ,Klangwolke’ ergeben“, denn jeder Beter habe sein eigenes Tempo.
Die Besucher waren tief beeindruckt von diesem lehrreichen Abend und spendeten lange anhaltenden, herzlichen Beifall.