Kaiserslautern
Kabarett in der Kammgarn : Andreas Rebers begeistert mit neuem Programm „Ich helfe gern“
Ein Gobelin mit einem kapitalen, röhrenden Hirsch ziert die Bühne. Erwartet die 200 Besucher im Kammgarn-Kasino etwa Heimatduselei oder gar Nationalismus? Weit gefehlt! Der Ausnahme-Kabarettist Andreas Rebers hat am Donnerstag provokant und pointiert mit Vorurteilen – aber auch mit politischer Korrektheit gespielt.
In dieser Sternstunde des Kabaretts zeigte Rebers auf, dass der moralisch erhobene Zeigefinger freies Denken erstickt. Zum Beispiel mit dieser Durchsage: „Das folgende Programm könnte Spuren von Satire enthalten. Dabeibleiben auf eigene Gefahr!“
Satire? Das war wohl zu harmlos ausgedrückt. Der aus dem Weserbergland stammende und in München lebende Kabarettist – Deutscher Kabarettpreis 2008, Bayerischer Kabarettpreis 2013 – triefte nur so vor beißender Ironie und schwarzem Humor, wie es schwärzer nicht mehr geht. Schräg, schräger, Rebers – so könnte man sein aktuelles Programm („Ich helfe gern“) auch übertiteln.
„Betreutes Denken kann ich nicht“, konstatiert er. „Das bekommt ihr im Discounter: Ich bin hierher gekommen, um tiefes Misstrauen in euer Herz zu säen.“ Wenn jemand schwul oder lesbisch sei, das interessiere ihn nicht. „Wir leben in einem Land, in dem jeder mit seinem Schnurriegel machen kann, was er will.“ Damit schlägt er einen Bogen zu Donald Trump. Dessen Haartolle störe niemanden. Die Arbeitslosenzahlen in den USA seien auf dem Tiefpunkt. Das sei das Einzige, was zähle. „Da können die Medien noch so viel warmen Bruns über den Ozean schicken, wie sie wollen, der wird wiedergewählt.“ Drastisch ist seine Sprache, rasiermesserscharf sein Skalpell, mit dem er die aktuelle Tagespolitik seziert.
„Ich fliege jetzt schon viel bewusster“
„Wenn junge Leute irgendetwas über die Zukunft erzählen – bei der Staatsanwaltschaft nennt man das Enkeltrick“, lautet sein Kommentar zu „Friday for Future“. „Ich fliege jetzt viel bewusster“, würden die Leute sagen. Der 61-Jährige schont nichts und niemanden. So trifft sein kabarettistisches Florett auch Annegret Kramp-Karrenbauer. „Wenn AKK Kanzlerin wird, dann wird das K hinten vermutlich wegfallen und vorangestellt.“ Aber auch die katholische Kirche bekommt ihr Fett weg. „Wenn der Dicke sagt: ,Die katholische Kirche braucht ein Konzept gegen den Missbrauch’, dann heißt das doch, dass der Missbrauch System hat.“ Da gerinnt die Milch der frommen Denkungsart schon mal.
„Wir leben in einer Zeit, in der die Leute mit den dicksten Brettern vor dem Kopf die meisten Meinungen verbreiten“, meint er. Es gebe zu viele, die etwas retten wollen. Beispielsweise die Grünen. Robert Habek bezeichnet er als völlig überschätzten Kinderbuch-Autor. Und über die deutsche Gesellschaft sinniert er: „Die Stunde Null hat es nie gegeben. Der Nationalsozialismus wurde besiegt, aber das Personal vorher und nachher war identisch. Die Zahl der Arschlöcher ist in allen Gremien gleichmäßig verteilt.“
Drastisch klagt er den Aberwitz in einem Land an, in dem „die Regierung Angst und Schrecken verbreitet und dabei von der Opposition sinnvoll ergänzt wird“. Er halte sich gerne in der Natur auf. Im Gegensatz zur Politik und zu weiten Teilen unserer Wirtschaft werde man in der Natur für seine Dummheit zur Verantwortung gezogen.
Es ist ein Irrwitz in großen Scheinen, den da Andreas Rebers diabolisch grinsend seinem Publikum hinblättert. Bei dem Salon-Sozialisten hat vor allem Rot-Grün nichts zu lachen. Ob es um Liebe zur Exotik geht, gesunde Ernährung oder sanfte Medizin – hier wird auf Heller und Pfennig zurückgezahlt.
„Für mich war als Kind schon klar: ich wollte beruflich etwas mit Hass machen“, gesteht Rebers. Täglich müssten heute Lehrer von der Security vor tätlichen Übergriffen der Schüler geschützt werden, behauptet er. „Ja, kennen die denn deren Schulwege nicht?“ „Woher kommt der Hass?“, fragt er sich. Er selbst biete Aggressions-Workshops für Walldorf-Schüler an. Zu viele dicke Kinder gebe es heute. Früher habe das Kapital die Menschen knapp gehalten, „heute ist es umgekehrt“, konstatiert er. „Da sitzen die Kinder im Kino und fressen kiloweise diese amerikanische Pampe. Von diesen dicken Leuten geht keine Gefahr aus für das Kapital. Die fressen bloß und gucken Talk Shows. Das Denken haben sie alle längst abgegeben.“
Mit großer Lust an politischer Unkorrektheit
Sprachlich geschliffen, inhaltlich komplex und mit großer Lust an politischer Unkorrektheit verwebt Rebers seine teils surrealen Einfälle und verschrobenen Gedankensprünge zu einem irritierenden und dabei höchst unterhaltsamem Abend. Dabei läuft er zu brillanter Form auf. Genau so sprachlich und gedanklich geschliffen sind seine Chansons in der Tradition von Bert Brecht und Franz-Josef Degenhardt, die er auf E-Piano oder Akkordeon begleitet. Frenetischer Applaus im Stehen.