Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel K.o.-Tropfen: In der Westpfalz selten, aber gefährlich

Feiernde sollten ihre Getränke nicht unbeaufsichtigt stehen lassen.
Feiernde sollten ihre Getränke nicht unbeaufsichtigt stehen lassen.

Sie sind schwer zu schmecken, nicht zu riechen, können für Opfer aber schlimme Folgen haben: K.o.-Tropfen. Oft bleibt für Betroffene hinterher vor allem Unsicherheit.

„K.o-Tropfen sind ein sehr komplexes Problem“, sagt Berthold Germann. Auch weil deren Wirkung sehr ähnlich zu der eines „Filmrisses“, ausgelöst durch zu viel Alkohol, ist. Der Leitende Arzt der Notaufnahme am Westpfalz-Klinikum kennt Fälle, in denen sich Menschen mit dem Verdacht melden, dass ihnen eine solche Substanz beim Feiern ins Getränk gemischt wurde, aus dem Arbeitsalltag. „Es sind meistens junge Leute, die nach einer Feier keine Erinnerung an bestimmte Abläufe mehr haben“, berichtet Germann. Dem Verdacht gehen die Ärzte nach: „Wir fragen, was passiert ist, auch ob sie bestohlen wurden oder ein Übergriff stattgefunden hat. Meist lautet die Antwort darauf aber nein“, schildert er.

Doch die Patienten „wissen beispielsweise nicht mehr, wie sie nach Hause gekommen sind. Das traumatisiert diese Leute extrem, löst Angstzustände bei ihnen aus“. Wenn sie in der Notaufnahme Hilfe suchten, sei häufig schon viel Zeit vergangen. K.o.-Tropfen lassen sich aber nur wenige Stunden nach Einnahme überhaupt nachweisen. Im Klinikum werde dann in der Regel der Blutalkoholwert bestimmt, „damit lässt sich zurückrechnen, wie der Alkoholwert vor einigen Stunden war“. Denn die Gedächtnislücken, berichtet Germann, ließen sich häufiger auch darauf zurückführen. Über einen Urintest könnten die gängigsten Drogen gecheckt werden. „Wir können die Substanzen, die für K.o.-Tropfen verwendet werden in unserem Labor nicht nachweisen. Wir müssen das Blut dafür in ein externes Labor schicken“, erzählt der Arzt. Ein großer Aufwand, bei dem die Chancen, Klarheit zu erlangen, allein aufgrund der zeitlichen Abläufe aber relativ gering seien.

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„Wer vor so etwas Angst hat, sollte vorsichtig sein und nicht so viel trinken, dass er die Kontrolle verliert und sein Getränk im Blick behalten. Denn hinterher ist es sehr aufwendig und schwierig, das nachzuweisen“, sagt Germann. In der Notaufnahme „sehen wir solche Fälle sehr selten. Es gibt tatsächliche Fälle von K.o.-Tropfen, aber das Problem wird in der Öffentlichkeit überschätzt“, meint er.

„Bis diejenigen realisieren, was passiert ist, ist es zu spät“

Jochen Benecke leitet das Kommissariat Sexualdelikte/Gewalt gegen Frauen und Kinder. Er schätzt, dass in seiner Zuständigkeit – der Stadt sowie den Landkreisen Kaiserslautern und Kusel sowie Teilen des Donnersbergkreises und der südliche Teil der Verbandsgemeinde Nahe-Glan – jährlich „etwa fünf bis maximal zehn Fälle“ von K.o.-Tropfen angezeigt werden. Die Personen, die im Kommissariat vorstellig werden, melden sich auch deshalb, weil sie unter dem Einfluss dieser Drogen vergewaltigt wurden. Wie groß das Dunkelfeld ist, lasse sich nicht überblicken, sagt Benecke: „Es gibt bei Sexualstraftaten per se ein großes Dunkelfeld.“ Bei K.o.-Tropfen komme hinzu, „dass die Leute zum Teil auch unwissend sind, das gar nicht alles direkt zusammenbringen“, erklärt er. Eine weitere Schwierigkeit in der Ermittlungsarbeit ist die nur kurze Nachweisbarkeit vieler der unter dem Sammelbegriff K.o.-Tropfen firmierenden Stoffe. „Bei uns wurden sie noch nie nachgewiesen“, berichtet Benecke.

Die verschiedenen Substanzen, die als K.o.-Tropfen verabreicht werden, schmecken nach nichts und sind geruchlos.
Die verschiedenen Substanzen, die als K.o.-Tropfen verabreicht werden, schmecken nach nichts und sind geruchlos.

Er appelliert an Betroffene, sich möglichst schnell bei der Polizei zu melden, wenn sie den Verdacht haben, Opfer von K.o.-Tropfen geworden zu sein. Weil diejenigen durch die Wirkung der Substanzen „total weggetreten“ sind, „ist das aber schwierig, sich rechtzeitig zu melden. Bis diejenigen realisieren, was passiert ist, ist es zu spät“, erklärt er.

Viele Stoffe, ähnliche Wirkung

„Es gibt viele potenzielle Wirkstoffe, die sowohl verschreibungspflichtig als auch frei verkäuflich erhältlich sind, und die in K.o.-Tropfen missbraucht werden können“, klärt Sarah Gebhardt, die Leiterin der Zentralapotheke des Klinikums, auf. Darunter können Schlafmittel, Psychopharmaka oder auch Antipsychotika sein. „Es sind in vielen Fällen Substanzen, die für andere Zwecke hergestellt werden und daher legal erhältlich und auch nicht so einfach zu verbieten sind“, weiß auch Polizist Benecke.

Gemein ist ihnen eine „sedierende und dämpfende Wirkung“, die laut Gebhardt „bei den meisten Substanzen im Vordergrund“ steht. Außerdem sind sie farb- und geruchlos, lassen sich nur schwer herausschmecken. Je nach Dosis und Alkoholgehalt des Getränkes sei die Wirkung stärker oder schwächer ausgeprägt. „Sie kann zwischen Sekunden bis wenigen Minuten einsetzen und plötzliche Symptome auslösen“, erklärt die Chefapothekerin. Schwindel, Wahrnehmungsstörungen, Übelkeit und Benommenheit sind typische (Neben-)Wirkungen. Durch die Mischung verschiedener Substanzen und die Kombination mit Alkohol sei kaum vorhersehbar wie die Tropfen wirken. Durch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, die Betroffene einnehmen, oder eine Überdosierung kann es laut Gebhardt lebensgefährlich werden. „Überdosierungen können je nach Substanz im schlimmsten Fall zu Bewusstlosigkeit, Kreislaufkollaps oder einer Atemdepression bis hin zu einem Atemstillstand führen“, erläutert sie.

Bei Verdacht sofort Hilfe holen

„Wenn es jemand plötzlich schwummrig wird, man ein seltsames Gefühl kriegt, sollte man die Freunde aufsuchen, mit denen man unterwegs ist und die man schon länger kennt“, rät Benecke. Sei niemand Bekanntes in der Nähe könne es auch helfen, sich an den Barkeeper oder das Sicherheitspersonal eines Clubs zu wenden. „Sollte man schon k.o. gegangen sein, sollte man hinterher auf jeden Fall Hilfe holen, den Notruf wählen“, ergänzt der Kommissariatsleiter.

Seit einiger Zeit gibt es außerdem Teststreifen und -armbänder, die präventiv eingesetzt werden. Auf diese können einige Tropfen eines Getränks aufgetragen werden, um zu prüfen, ob es mit K.o.-Tropfen versetzt wurde. Eine Garantie sei das aber nicht, macht Benecke deutlich: „Generell ist das eine gute Entwicklung, aber es gibt viele verschiedene Substanzen und die können nicht alle darüber geprüft werden.“ Deshalb gilt: „Wenn man unterwegs ist, sollte man das Getränk immer im Auge behalten, wenn Freunde dabei sind, auch auf die Getränke der anderen achten“, sagt er.

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