Kaiserslautern
Junger Amazon-Standort muss sich in seinem ersten Weihnachtsgeschäft beweisen
Bewährungsprobe für die 1860 Mitarbeiter im noch jungen Amazon Logistikzentrum Kaiserslautern: Vergangene Woche lief bei dem Versandhändler die sogenannte Cyber Week – so heißt die Amazon-Aktion rund um den amerikanischen Shopping-Tag, den Black Friday. „Das ist zusammen mit den Wochen vor Weihnachten die bestellintensivste Zeit“, sagt Standortleiter Rogier Thijs. In drei Schichten wird rund um die Uhr gearbeitet, nur zwischen Samstag- und Sonntagabend rührt sich in der riesigen Lagerhalle nichts. An den anderen Tagen verlassen derzeit gut 2000 Paletten voller Päckchen, Pakete und Briefe – je nachdem, wo die bestellte Ware hineinpasst – täglich das Gelände im Westen Kaiserslauterns. Thijs: „Aktuell erreichen uns am Tag zwischen 15 und 20 Lastwagen mit neuer Ware, um die 70 gehen raus.“
Der Löwenanteil werde an eigene Versandzentren oder andere Logistikstandorte gebracht, meist in der Region, aber laut Thijs auch schonmal nach Südafrika oder gar Japan. Der kleinere Teil der Lieferungen geht zum Paketdienst und direkt an die Kunden. Thijs: „Das ist am Paketaufkleber unten in der linken Ecke zu erkennen. Da finden sich alle Stationen des Pakets mit den internen Abkürzungen.“ Findet sich nur die Kennung SCN2 darauf, kommt das Paket direkt aus dem Lauterer Logistikzentrum. Der Name orientiert sich stets an den nächstgelegenen Flughäfen und deren Kennung – SCN steht für den Saarbrücker Flughafen.
Thijs und seine Assistentin Ann-Kathrin Weingarth sind beim RHEINPFALZ-Besuch in Warnwesten mit Teamleiter-Aufschrift unterwegs. „Frag mich!“ steht darauf. Thijs: „Da sprechen einen Mitarbeiter oft direkt an, das wollen wir explizit so.“ Die Rückmeldungen würden gesammelt und umgesetzt – „wenn sie sinnvoll und machbar sind“. Das sei einer der Gründe, wieso sich Thijs statt einer zunächst eingeschlagenen Laufbahn als Lehrer für seinen jetzigen Job entschieden hat: „Als neuer Lehrer kannst Du in einem Kollegium kaum etwas ändern, hier schon.“
Mitarbeiter aus 84 Nationen
Die Belegschaft des Logistikzentrums soll noch auf 2000 Mitarbeiter anwachsen, nur ein kleiner Teil davon seien Saisonkräfte, „Studenten, die sich etwas nebenher verdienen wollen“. Allerdings sei es schwieriger als gedacht, Leute zu finden, räumt Thijs ein. Deshalb betreibe Amazon einigen Aufwand, bietet Bus-Shuttles ab Pirmasens und Zweibrücken an. Die Linie Saarbrücken - Kaiserslautern sei eingestellt worden, „die hat nur ein Mitarbeiter genutzt“.
Die Mitarbeiter stammen aus 84 Nationen, eine lange Anlernzeit sei für die Jobs direkt im Versand und im Lager nicht notwendig. Beim „Picken“, dem Rausnehmen der Ware aus den Regalen, hilft ein übersichtliches Display mit Fachangabe, Foto des Produkts und farblicher Markierung des Fachs. Ofief Mahmoudi ist an diesem Vormittag einer der „Picker“, holt aus den von Robotern herbeigefahrenen Regalen die bestellten Waren. 2015 ist er aus dem Iran nach Deutschland geflohen, seit November bei Amazon beschäftigt. „Die Arbeit macht Spaß“, sagt er. Damit das so bleibt, halten Gamification-Elemente Einzug in die Arbeit der „Picker“: Während sie sortieren, können sie in einem von sieben simplen Videospielen punkten, das über einen eigenen Monitor flimmert. Das sorgt für ein wenig Abwechslung an den Stationen.
Farbeimer sorgen für Laune
Apropos Videospiele: Der „Heilige Gral“, wie Weingarth schmunzelnd erzählt, ist die begehrte und wegen Lieferproblemen nur selten erhältliche Playstation 5. Die Geräte kämen an, durchliefen die üblichen Prozesse und würden wieder weiterversendet – dafür braucht’s nur wenige Stunden. Zusammen mit Apple-Produkten sei die Spielkonsole sicher auch einer der höchstpreisigen Artikel, der fast 20 Millionen im Logistikzentrum lagernden Waren. Gibt’s ein Produkt, dass Thijs’ Haare ergrauen lässt? Er lacht. Tatsächlich hätten ihn – und vor allem die Haustechnik – an seinem vorherigen Standort Koblenz Farbeimer beschäftigt: „Wenn sich da am Deckel die Sicherung löst und die Farbe auf einem Förderband umfällt, da haben die Kollegen so richtig Spaß.“
Kommende Woche sollen zum ersten Mal Lebensmittel an die Tafel gespendet werden, kündigen Thijs und Weingarth an, denn unter den Millionen Produkten befinden sich auch Lebensmittel von Süßigkeiten über Säfte bis zu Instant-Nudeln – allerdings keine frischen oder kühlpflichtigen Waren. Die Lebensmittel, deren Haltbarkeitsdatum nahe rückt, sollen künftig regelmäßig gespendet werden.