Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Jugendverkehrsschule kämpft gegen hohe Unfallzahlen

Machen sich für eine frühzeitige Verkehrserziehung stark: Elke Berberich, Alexander Zapp und Tina Sornberger.
Machen sich für eine frühzeitige Verkehrserziehung stark: Elke Berberich, Alexander Zapp und Tina Sornberger.

32.000 Kita-Kinder und 28.000 Grundschüler haben in den vergangenen 30 Jahren gelernt, wie man als Fußgänger und Radfahrer so am Verkehr teilnimmt, dass möglichst kein Unfall passiert. Seitdem macht die Jugendverkehrsschule ihre Trainings am Kniebrech. Die Unfallstatistik gibt allen Beteiligten recht – und die eigenen Erfahrungen wirken lange nach.

Auf Kinderfahrrädern flitzen Grundschüler über die Anlage am Kniebrech. An einer Ampel wird artig angehalten, vorm Absteigen vom Rad erst mit Schulterblick geschaut, ob auch niemand von hinten drängelt und per Handzeichen signalisiert, dass die Fahrt hier am Bordsteinrand enden soll. So erinnere ich mich an die Stunden bei der Jugendverkehrsschule vor mittlerweile etwa 25 Jahren.

Die Jugendverkehrsschule (JVS) hat in diesem Jahr 30. Geburtstag gefeiert – ist eigentlich noch älter. Seit 1973 gibt es sie in Kaiserslautern; auf einem eigenen Gelände mit Übungsparcours seit 1993. Am Kniebrech lernen Kinder auf Straßen mit richtigen Markierungen, an einer Ampel und einem Zebrastreifen das richtige Verhalten im Straßenverkehr. Eine Baustelle ist aufgebaut, eine Bushaltestelle. „Davor sind die Polizeibeamten schon unterwegs gewesen, das war aber teils sehr mühevoll“, erklärt JVS-Leiter Alexander Zapp. Fahrräder und Verkehrsschilder mussten in einen Lkw ein- und auf den Schulhöfen wieder ausgeladen werden. Dort wurde dann geübt – auf aufgemalten Straßen.

In der Kita fängt die Fußgängerausbildung an

Die Kultusministerkonferenz der Länder hatte 1972 aufgrund hoher Unfallzahlen mit Kindern beschlossen, Jugendverkehrsschulen einzurichten, um präventiv etwas zu tun. Auch 1993 verunglückte noch alle zehn Minuten in Deutschland ein Kind im Straßenverkehr, das sind etwa 52.560 Kinder jährlich – 445 starben. Das hat sich geändert. Die Verkehrsunfallstatistik des Polizeipräsidiums Westpfalz weist für 2022 125 verunglückte Kinder aus, davon wurden 114 leicht verletzt, keines kam ums Leben. 47 Prozent der verunglückten Kinder waren als Mitfahrende passiv am Unfall beteiligt.

Alexander Zapp, Tina Sornberger und Elke Berberich schulen bereits Kita-Kinder im Vorschulalter. Bei der Fußgängerausbildung lernen sie erste wichtige Regeln für das richtige Verhalten im Straßenverkehr. „Wir gehen an die Kitas, erklären erst theoretisch die Regeln, gehen dann mit den Kindern raus und laufen den Weg rund um die Kita ab“, erklärt Berberich. In der ersten Klasse wird dieses Wissen noch einmal wiederholt.

Hoffen auf den Schutzengel

Als die Polizei damals – Mitte der 90er Jahre – zu uns Kindern kam, hatte ich ziemlich Respekt vor dem Beamten. Dass die Polizei jemanden, der etwas angestellt hat, verhaften kann, weiß schließlich jedes Kind: „Die Jugendverkehrsschule ist der erste Kontakt mit der Polizei. Die Kinder erfahren dabei, dass Polizei nicht nur Verhaften ist, sondern noch viel mehr“, erklärt Zapp. Am Zebrastreifen vor der Grundschule hieß es damals energisch: „Stopp“, aufmerksam die Straße rauf und runter gucken, ob auch kein Auto kommt. Den Arm nach vorne ausgestreckt, standen wir da. Wir klein, der Polizist mit seinen Erklärungen in seiner grünen Uniform ziemlich groß, warteten, ob die Autofahrer auch wirklich anhalten würden.

32.000 Kita-Kinder haben laut Zapp in den vergangenen 30 Jahren das Fußgängertraining in Kaiserslautern mitgemacht. Die Verkehrssicherheitsberater der Polizei machen ganz unterschiedliche Erfahrungen: „Manche Kinder sind sehr stark vorbereitet, aber es sind auch Kinder dabei, die noch kaum etwas wissen“, sagt Sornberger. Das sei stark vom jeweiligen Elternhaus abhängig. „Wenn man sieht, wie sich einige Kinder im Verkehr verhalten, kann man nur hoffen, dass der Schutzengel sehr schnell mitfliegt“, ergänzt Zapp. Da machen auch die Kinder, die in der dritten und vierten Klasse den Radführerschein ablegen, keine Ausnahme.

Bitte der Polizei: Keine Stützräder

Ich kann mich noch recht genau an mein erstes Fahrrad erinnern. Ein kleines blau-rot-gelb lackiertes Rädchen mit Stützrädern. Die damals in der Jugendverkehrsschule natürlich niemand mehr brauchte. Wie ich jetzt von Erik Hippchen von der Kinderunfallkommission lerne, ist es sowieso keine so gute Idee, diese zu benutzen.

„Fangt bitte nicht mit Stützrädern an! Die Kinder, die mit einem Roller oder Laufrad begonnen haben, können später viel besser das Gleichgewicht auf dem Fahrrad halten“, appelliert er an die Eltern. Und ein gutes Balancegefühl ist durchaus sicherheitsrelevant. Wer darin geübt ist, lässt sich auch in einer unübersichtlichen Situation im Verkehr nicht ins Wackeln und Kippeln bringen, fällt nicht so leicht um.

28.000 Kinder legen Fahrradführerschein ab

Die JVS wird von der Verkehrswacht, einem Verein für Verkehrserziehung, -sicherheit und Unfallprävention, der Kinderunfallkommission (KUK) und der Stadt als Schulträgerin unterstützt. Die Polizei stellt die Verkehrssicherheitsberater. Neben den Trainings bildet die JVS Schülerlotsen aus.

„Die überwiegende Mehrheit kann Fahrradfahren“, erzählt Zapp. Das Fahren alleine reiche aber nicht, „wichtiger sind die Regeln“. Und da gibt es so einige Fallstricke: Rechts vor links, Schulterblick vor dem Losfahren, Linksabbiegen in der Linksabbiegespur, wie sitzt ein Helm richtig. Dass die Kinder auf all solche Dinge nicht achten, liege zum Teil auch am schlechten Vorbild der Eltern, kritisiert Eva Niebergall-Walter, Vorsitzende der Verkehrswacht.

Ich ging ab 1996 in die Grundschule. Der Besuch am Kniebrech gehörte für uns also schon dazu. Hoffentlich fahre ich kein Hütchen um, komme rechtzeitig an der roten Ampel zum Stehen und mache beim Losfahren alles richtig: Pedale richtig stellen, Blick über die linke Schulter, Handzeichen geben, losfahren ... . In der JVS wurde geübt, geübt, geübt. Ein bisschen kribbelt es noch immer, wenn ich an den Tag der Fahrradprüfung denke, wie aufgeregt ich war. Ich war eines von nach Zapps Berechnung 28.000 Kindern, das in den vergangenen 30 Jahren den Fahrradführerschein in Kaiserslautern erhielt. Eine eindrückliche Erinnerung ist geblieben.

Vom Nutzen der Einrichtung sind Niebergall-Walter, das Team der JVS und Erik Hippchen überzeugt: „Wenn man allein die Unfallzahlen von früher und heute sieht, weiß man, wie wichtig die Jugendverkehrsschule ist“, sagt Hippchen.

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