Pfalztheater-Premiere RHEINPFALZ Plus Artikel Jelinek-Schauspiel im neuen Kaiserslauterer Theaterzelt

Die Modewelt tanzt: Jelena Kunz, Jan Henning Kraus, Stefan Kiefer, Oliver Burkia, Hannelore Bähr in „Das Licht im Kasten“.
Die Modewelt tanzt: Jelena Kunz, Jan Henning Kraus, Stefan Kiefer, Oliver Burkia, Hannelore Bähr in »Das Licht im Kasten«.

Doppelte Premiere fürs Pfalztheater: Einmal eröffneten die Kaiserslauterer ihre neue Ausweichspielstätte, nachdem ihr angestammtes Domizil einem Wasserschaden zum Opfer gefallen war. Zweitens weihten sie das angemietete Zirkuszelt ausgerechnet mit einem Stück der bekanntermaßen schwierigen Autorin Elfriede Jelinek ein. Also auch eine doppelte Herausforderung, der sich die Theatermannschaft mit Mut, Elan und Kreativität stellte.

Zunächst einmal ist ein Zirkuszelt nicht wirklich gemacht für Theateraufführungen. Minimal sind die technischen Möglichkeiten, verglichen mit denen eines modernen Baus wie dem Pfalztheater. Dazu kommen akustische Hindernisse: Eine deutlich vernehmbare Gebläseheizung etwa oder die Geräuschkulisse von außerhalb, etwa wenn die US-Transportflieger über der Barbarossastadt Richtung Air Base Ramstein einschweben. Nicht zuletzt lässt sich auch die Infrastruktur des Zeltbaus nicht vergleichen mit der des Hauses am Willy-Brandt-Platz.

Alle Hände voll zu tun hatten also die Gewerke rund um Technik, Bühnenbau bis hin zu Catering und Kasse. Das Premierenpublikum konnte sich an Gründonnerstag von ihren Bemühungen überzeugen. Bis ins Detail, etwa zu den fliegenden Getränke- und Popcorn-Verkäufern mit ihren Bauchläden, reicht dabei die Kreativität der Theatermacher. Die schwierigen akustischen Klippen wurden mittels Mikrofontechnik umschifft, die Textverständlichkeit war selbst über dem fast durchgängig unterlegten Klangteppich kein Problem.

Tragischer Glücksfall

Der Umzug ins Zirkuszelt darf also als rundweg gelungen bezeichnet werden – Festival-Atmosphäre inklusive. Der temporäre Wegfall des Großen Hauses erweist sich an diesem Punkt trotz seiner Tragik als Glücksfall. Auch im Hinblick auf den kommenden Intendanten Johannes Beckmann, der erklärtermaßen ab der nächsten Saison neue Spielstätten außerhalb des Musentempels erschließen will. Doch nun zum Inhalt.

Jelinek-Texte machen es den Regieteams bekanntlich nicht gerade leicht. Und so ist auch „Das Licht im Kasten“ als Fließtext geschrieben, als langer, mäandernder Gedankenstrom, den ein Kollege auch schon mal humorig als „Textwurst“ bezeichnete. Ohne Zäsuren, ohne Rollen gilt es, dieses Textgebirge aufzubrechen, es für die Theaterbühne erst einmal einzurichten. Am Lauterer Musentempel oder besser: im Musenzelt hat sich Yvonne Kespohl dieser Herausforderung gestellt. Einen weiteren starken Talentbeweis liefert das „Eigengewächs“ des Pfalztheaters – Kespohl war lange Jahre Regieassistentin und für das Jugendtheater verantwortlich – mit dieser Inszenierung ab. Denn zu einem kurzweiligen zweieinhalbstündigen Abend (mit Pause) formt sie das Jelineksche Textmassiv, destilliert dessen Humor genauso heraus wie seine Tiefen, ja seine Tragik. Von beidem hat Jelinek immens viel in ihr Stück gepackt.

Die Abgründe der Modewelt

Die Modewelt hat sich Jelinek in „Das Licht im Kasten“ vorgenommen. Und das in wirklich all ihren Facetten. Von der Oberflächlichkeit und Arroganz des Modezirkus – hier ergibt sich eine treffliche Analogie zur Aufführungsstätte – bis hin zu den zumeist unethischen und häufig unmenschlichen Produktionsbedingungen. Auch der Konsument bekommt als Motor der Industrie sein Fett ab, insbesondere wo Jelinek sein unreflektiertes Kaufverhalten und die Manipulierbarkeit durch Werbe-Ikonen und Hochglanzmagazine geißelt. Unzählige Motive (etwa des Einsturzes einer Textilfabrik in Bangladesch) und Aspekte (von Ökonomie bis Ökologie) verwebt die Literatur-Nobelpreisträgerin zu einem hochkomprimierten Text zwischen Drama und Komödie. Eine Mammutaufgabe auch für die Schauspieler.

Hat es die Regisseurin geschafft, die vielen Monologe und die selteneren Dialoge sinnfällig auf ihre neun Akteure zu verteilen, so setzen diese ihre Passagen mit äußerster Konzentration und großer Eindringlichkeit um. Um das Texttableau aufzulockern, erscheinen sie neben einigen durchgängigen Figuren, etwa Pfalztheater-Urgestein Hannelore Bähr als alternde Diva, in verschiedenen Rollen. Auch hier ist Kreativität Trumpf: Beispielsweise sorgen Jesus und der Gottvater beim Plausch an der Bar, Kaiserin Sissi, ein Maulwurf oder gar Miss Piggy aus der Muppet-Show für Lacher und sogar Szenenapplaus.

Große Ensembleleistung

Ihr komödiantisches Talent entfalten dabei vor allem Stefan Kiefer, Jan Henning Kraus und Oliver Burkia. Nicht minder präsent bringen Helena Gossmann, Jelena Kunz, Philipp Adam, Lukas Jakob Huber und Henning Kohne den mit Assoziationen und Anspielungen nur so gespickten Text rüber. Für weitere Auflockerung sorgen die Einwürfe eines Sprechchors nach dem Vorbild der griechischen Tragödie, der aus den Reihen des Jungen Theaters am Pfalztheater besetzt ist. Insgesamt eine großartige Ensembleleistung.

Von den überaus vielen, treffenden Einfällen der Ausstattung (Bühne und Kostüme: Miriam Haas und Lydia Huller) seien stellvertretend die der Modewelt abgelauschten Gewänder der Akteure, die im blauen Look eines Paketdienstes gehaltene Bühne und Details wie die Verballhornung einer großen Designerin als „Chill Sander“ auf diversen Einkaufstaschen genannt. Alles in allem also ein bunter, schillernder Theaterabend, der ganz vortrefflich in ein Zirkuszelt passt. Prädikat: sehenswert.

Termine

Am 11. April, 13., 17. Mai, 1. Juni; Karten unter 0631 3675-209 und www.pfalztheater.de.

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