Kaiserslautern Jeder kann reagieren
Die Sommerausstellung in der riesigen Glasbläserhalle im lothringischen Meisenthal gestaltet das spanisch-britische Designerduo „El Ultimo Grito“, zu deutsch „Der letzte Schrei“, als aufblasbare Kapitalismuskritik – und als Auseinandersetzung mit dem Thema Flucht und der Angst vor den Neuankömmlingen.
Bedrohlich sehen die fünf Gestalten aus, die durch das permanente Aufblasen immer in Bewegung erscheinen. Ungelenk und monsterhaft erscheinen diese Flüchtlinge, die in der Halle in Richtung eines monolithisch aufragenden Blocks wanken. Einer hat es nicht mehr geschafft und ist bleich am Boden liegend zurückgeblieben. Fremdartige Muster prägen ihre Oberfläche. Beim Näherkommen erzählen die Tattoos auf den Körpern jedoch die Geschichten der Geflohenen – es geht um Familien, gesprengte Ketten, lange Flüchtlingswege, Haie und die Hoffnungen auf Glück in Europa, etwa als Fußballer. „Never going back“ verkündet eine der Gestalten, dass sie lieber sterben, als in die Hölle in ihrer Heimat zurückwolle. Das Ziel der Gruppe ist ein ebenfalls aufgeblasener Monolith im hinteren Teil der 3000 Quadratmeter großen Halle, auf den schier zahllose Fenster von Hochhausfassaden aufgedruckt wurden. Eine gigantische Wohnmaschinerie türmt sich da auf, die in der Realität bestimmt auch allzu oft die Zukunft der Flüchtlingsmasse darstellen dürfte. Die Idee mit den zigfach neben- und übereinander kopierten Hochhausfassaden ist nicht wirklich neu. Die Fotokunst Andreas Gurskys lässt grüßen. Als mindestens sieben Meter hoher Monolith macht das Objekt aber dennoch etwas her. Wie mag es sich in solch einer Megacity wohl leben? Welche Gesellschaft würde sich in solch einem Moloch wohl bilden, mag sich der Betrachter vielleicht fragen. Die üblichen Fragen zur Flüchtlingsthematik stellt „El Ultimo Grito“ nicht mit der Ausstellung, die den Titel „Horizons deferred / horizons différés“ trägt, was so viel wie „Verschobene Horizonte“ bedeutet. Die Installation soll als Kapitalismuskritik gesehen werden. Dazu passend sind an der Seite zwei natürlich ebenfalls aufgeblasene Sprechblasen installiert: Sie verkünden, dass der Kapitalismus langweilt. Und: „Ich liebe es“, in Anlehnung an einen Werbespruch einer Fast-Food-Kette. Das Künstlerduo sieht den Kapitalismus am Ende, aber gleichzeitig seien alle Teil des Systems, auch wenn sie es kritisierten. Auch „El Ultimo Grito“ selbst ergeht es so: Neben ihrer Kunst sind Rosario Hurtado und Roberto Feo als Designer für Lavazza, Marks & Spencer und British Airways tätig. Irgendwie muss ja schließlich das Geld verdient werden, mit dem selbst renommierte, aber nicht allzu üppig bezahlte Künstler wie die beiden Projekte finanzieren. Alle sind Teil des Systems, haben ihre Vorteile davon, kritisieren es auch gerne, doch kaum einer wagt den Schritt heraus. Das haben die Flüchtlinge aber getan, unter Lebensgefahr. Für sie ist aber zugleich der hier kritisierte Kapitalismus europäischer Machart die Verheißung. Jeder kann reagieren, will die Ausstellung letztlich mitteilen. Die Flüchtlinge zeigen, dass es möglich sei. Jeder könne Einfluss nehmen auf das System. Auch in der Ausstellung sollten die Plastiken auf die Besucher reagieren. Das tun sie aber derzeit nur in einem Fall, wenn ein Besucher an einen bestimmten Punkt läuft: Dann verlieren die Aufblas-Flüchtlinge ihre Luft und sacken zusammen, bevor sie wieder aufgeblasen werden. Die anderen Sensoren sind noch nicht aktiv. Die kapitalistisch produzierte Technik verweigerte den Dienst zur Kritik am System. Die Ausstellung „El Ultimo Grito: „Horizons deferred / horizons différés“ in der Halle Verrière in Meisenthal bis 4. September täglich außer dienstags von 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.