Kaiserslautern Jede Sekunde ein Knüller
Locker vom Hocker erzählte Sven Hieronymus, der „Rocker vom Hocker“ von RPR1, am Donnerstagabend im fast ausverkauften Cotton Club des Kulturzentrums Kammgarn aus seinem durchaus schrägen Leben. Weinen könnte man, wenn’s nicht zum Schreien lustig gewesen wäre.
Cindy aus Marzahn habe behauptet, reden mache dick, verrät der „Rocker“ zu Beginn. Wenn das stimmte, müsste Sven Hieronymus, Röhrenjeans, T-Shirt und hüftlanges, blondes Haar, dick und rund sein wie eine Tonne. Er ist ein Schnellredner, wie er im Buche steht. Er rattert und rattert und rattert in einem fort. Oft schneller als der Hörer die Gags überhaupt erfassen kann. Um seinen Führerschein müsste man bangen, wenn er auf seiner Harley so Gas gäbe. Ein Comedian mit dem typischen Rockergebaren. Und ein typischer Mainzer dazu. Das passt wie die Faust aufs Auge. „Rocker unter Strom“, heißt sein neues Programm. Hieronymus steht aber nicht nur unter Strom, es scheint, als habe er die Finger weit über zwei Stunden lang in der Steckdose und kriege sie nicht mehr raus. „Han mir aane druffgemacht“, gibt er an und nimmt dabei die unverkennbare Körperhaltung und Gestik an: Brust raus, Arm hoch. Sein Mund wird dabei so groß und rund wie das Schallstück einer Trompete. Wenn er sich erregt, könnte man eine halbe Torte reinschieben. Ganz schön schlagfertig ist er außerdem. Einem Zwischenrufer gibt er zur Antwort: „Da sitze nun zwaahundert Leut, un de aanziche Waldorfschüler sitzt ausgerechnet in de erste Reih.“ Natürlich war aus der Sicht des Altrockers früher alles besser. „Wir waren so naiv, dass wir unsere Katze noch Muschi genannt hawe.“ Eine Einladung für ihn sei verbunden gewesen mit der Bitte, einen Salat mitzubringen. „Salat!“, schreit er. „Ich! Salat!“, und bläht seinen Bauchansatz noch mehr auf. Und was erwartete den Rocker auf der Party? „Ofekartoffele. Zuchini. Zuchini! Han die Neantaler früher vielleicht Zuchini gegesse?!“ Jede Sekunde ein Knüller. Die Gags laufen wie am Fließband am Publikum vorbei. Aber eigentlich ist der „Langhaarige mit den großen Füßen“ ein armes Schwein. Seine Tochter, die ihn ständig während der Show anruft, mache den Führerschein und ramponiere dabei das Auto. Und, noch schlimmer: Sein Sohn dürfe alles, er zuhause leider gar nichts. Deswegen habe er im Mainzer Tageblatt eine Anzeige aufgegeben: „Frau abzugeben. Sonderausstattung. Mit Schmuck zugehängt wie ein Kettenkarussell. Generalüberholt.“ Die Revanche sei sofort gekommen: „Wir möchten uns verkleinern und bieten daher unseren Vati als Sonderangebot an. Sein Verstand befindet sich noch im Entwicklungsstadium. Er tropft ein wenig. Auspuffanlage wurde gerade heute generalüberholt. Besichtigung nach Terminabsprache. Probefahrt möglich.“ Es müsse immer noch einen geben, der blöder sei als man selbst, meint er. Er sei aber vergeblich auf der Suche. Egal, was er mache, er scheitere. „Weine könnt ich. Weine!“, ruft er verzweifelt. Die Zuhörer aber haben kein Mitleid. Sie ringeln sich vor Lachen. Allerdings zweieinhalb Stunden lang (mit Pause) dieser Quasselstrippe zuzuhören, geht langsam auf den Keks. Immer nur Witze hören, das wird auf Dauer langweilig. Ab und zu müsste der Comedian auch mal in die Tiefe gehen, die Emotion und den Verstand ansprechen. Hieronymus aber bleibt beständig auf Kneipen-Niveau, kommt dabei vom Hundertsten ins Tausendste, und man vermisst den Roten Faden. Was er bringt, ist Nonsens, infantiler Schwachsinn. Ist man in der richtigen Stimmung, kann man hemmungslos über diese anarchische Subkultur lachen. So eine Regression in die Kindheit kann durchaus entspannend sein, denn Kalauer erleichtern bekanntlich die Last des Denkens. Die Folge ist ähnlich wie beim Schüttelreim, denn „der Geist, den man beim Schütteln rief, wird leicht vom vielen Rütteln schief!“