KAISERSLAUTERN
Jazzfestival: Techno und andere Überraschungen
Formationen wie Shake Stew heben sich wohltuend von der klassischen Trio-Besetzung (Piano, Bass, Schlagzeug) ab: Lukas Kranzelbinder gründete 2016 diese Gruppe, die mit zwei Kontrabässen und zwei Schlagzeugern schon andeutet, dass hier der lebhafte pulsierende Rhythmus alles trägt und flügelt: Der Basspart ist somit noch mal unterteilt in Beat und Offbeat, der eine manchmal gestrichen, der andere im Nachschlag gezupft. Zudem sorgen die Bassisten nicht nur für die geerdeten Töne, sondern wagen sich im klassischen Daumenaufsatz-Spiel bis in höchste Lagen hinauf. Wer das Kontrabasskonzert von Dittersdorf, das Pflichtstück für Studenten des Fachs, kennt, der weiß um die hohen Flageoletttöne, die für Klangreize sorgen.
Im Doppelschlag und Polyrhythmus mit Echoeffekten, aber auch allein sorgen die Schlagzeuger für Wirbel. Über diesem tragenden Gerüst brilliert ein Bläsertrio aus Alt- und Tenorsaxofon und Trompete – bis in die Spitzentöne. Johannes Schleiermacher ist dabei die auffälligste Lichtgestalt auf der beleuchteten Kasinobühne und sorgt nicht nur auf dem Tenorsax, sonder auch auf der Querflöte für spektakuläre Klänge.
Eingängige Melodien
Eingängige Melodien wie „No More Silence“ (eine Anspielung auf Corona-Zwangspausen) und „Dancing in the Cage of a Soul“ wurden verarbeitet. Ansonsten hörte man eine skurrile, bisweilen schräge Mischung aus afroamerikanischen Klängen mit klassischem Groove und melodischen Riffs, wie man sie von Chicago oder Blood, Sweat and Tears kennt.
Hier entsteht bei Shake Stew eine raffinierte Bühnenshow mit Performance und hypnotisierenden Klangexzessen, wenn Bläsersoli über kurzen Riffs immer schneller wiederholt und in Sequenzen nach oben geschraubt werden. Es entsteht ein Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Wenn die ineinander fließenden Stücke Naturlaute imitieren, klingen sie wie Dschungelmusik, wenn hochgelegte Bläserakkorde dominieren, wie Sphärenmusik.
Rasante Wechsel
Dazu kommen rasante Wechsel: optisch durch Szenenwechsel von links nach rechts auf der Bühne, rhythmisch durch Akzentverschiebungen und klanglich durch ein Ausschöpfen von Kontrasten. Bei jeder Passage entsteht etwas unerwartet Neues. Das Ohr hat sich kaum an ein Idiom gewöhnt, da gehts schon wieder weiter. Und alles wird bis zur Trance gesteigert.
Auf diesen experimentellen Zug sprangen danach im Cotton Club die die kurzfristig eingesprungen Gäste aus München sofort auf. Das Leo Betzl Trio mit Leo Betzl am Piano, Maximilian Hirning am Kontrabass und Sebastian Wolfgruber spielt zwar in klassischer Besetzung. Aber die Musiker machen Techno! Alles ist akribisch auskomponiert, hat experimentelle Einschübe und improvisierte Passagen. Der Witz: Fahrradspeichen, Reifen oder Abwasserrohre werden ausgeklügelt genutzt, um Klänge zu erzeugen, die man so bislang nur digitalisiert kannte. Ergänzt durch die im Innern des Flügels angerissenen Saiten, was für zusätzliche Effekte sorgte.
Experimentelle Klänge
Alle drei haben Erfahrungen mit anderen Genres wie Klassik und Modern Jazz. Dies und Elemente der Minimal Music ergeben zusammen eine interessante Mixtur aus Klangflächen, Groove, melodischer Umspielung und experimentellen Sounds. Da geht es um das Ausloten neuer Techniken, Klangmittel und das Verschieben von Grenzen. Alles wurde von einem lebhaft pulsierenden und die Betonung wechselnden Rhythmus zusammengehalten, der seine Wirkung nicht verfehlte – nach den wiegenden Körpern der begeisterten Besucher zu urteilen.
Parallel dazu spielte in der Schreinerei das Sammy Vomacka Trio, bei dem der Namensgeber auf der Gitarre die Melodieführung übernimmt: sehr gekonnt im klassischen Fingerstyle oder Slide-Effekt mit gleitendem Bottleneck. Vomacka ist ein exzellenter Bluesgitarrist mit hoher Griffsicherheit und virtuosen Umspielungen, der zwar mit dem Trio klassischen Jazz kultiviert, aber dies in einer sehr gediegenen, soliden Weise. Die Begleitung dazu war absolut synchron und alles erklang wie aus einem Guss.
Bis an die Schmerzgrenze
Am Samstag hätte die Jazzrausch Bigband aus München im Kasino auf großer Bühne mehr optische und klangliche Entfaltungsmöglichkeiten gehabt. Sie hätte ihre vielen Klangfarben und stilistischen Wurzeln ausspielen können. Und sie könnte eine origineller Besetzung mit einem großen Instrumentarium bieten, wenn die Bühnenmusik entsprechend ausgesteuert und ausbalanciert wäre.
Doch alles war von einem übersteuerten, dröhnenden Bass übertönt. Der ging bis an die Schmerzgrenze. Die Musik setzt auf Turbulenz, auf den Widerspruch zwischen Kunst und Klamauk, auf eine Bühnenshow, die mehr erschlägt als animiert und mehr einlullt und von der Musik ablenkt als sie zu unterstützen. Schade. Denn die Kombination aus akustischer Technomusik, der Einbeziehung vielfältiger Quellen bis zurück zur deutschen Romantik Bruckners und Einflüssen von Hip-Hop und Soul könnte bei diesen Arrangements für dieses Festival eine große Bereicherung sein. Saxofone und Klarinetten bis zur tiefen Bass- und Kontrabass-Klarinette sowie eine Bass-Posaune und eine Vokalstimme in Vokalisen – da könnte man aus dem Vollen schöpfen und mehr als diesen Klangbrei generieren.
Tausendsassa: Bassist Alishai Cohen
Das Trio mit Klavier, Bass und Schlagzeug ist eine der häufigsten Jazzbesetzungen. Es steht für eine ehrliche, grundsolide Machart, da kann man sich nicht verstecken. So hatte auch der dritte Abend des Festivals wieder zwei Trio-Ensembles. Dass international renommierte Pianisten wie der Norweger Helge Lien überzeugen, war zu erwarten, wurde aber phasenweise noch übertroffen. Die eigentliche Entdeckung war der Kontrabassist Avishai Cohen: Er löste sich von ostinaten Bassfiguren zur Stütze von Rhythmus und Harmonie und schwang sich in die Tenorlage im höchsten Daumenaufsatz. Er wechselte von gezupft zu gestrichen sogar mitten im Stück. Er durchlief nicht nur die ganze Skala über vier Oktaven, sondern übernahm eine Gegenstimme zum Piano und spielte synchron zum Schlagwerk – eine Sisyphusarbeit. Mittlerweile sind solche Bassisten sogar die eigentliche Attraktion von Jazztrios.
Cohens Musik basiert auf nahöstlichen, osteuropäischen und afroamerikanischen Traditionslinien. Von hebräischen bis zu ladinischen Volksliedern, gängigen Jazzstandards und Elementen des Modern Jazz reicht die Quelle der Inspiration dieses Ausnahmekünstlers. Ihm zur Seite stehen weitere Entdeckungen wie Schlagzeugerin Roni Kaspi und Pianist Elchin Shirinov. Cohen verrät, dass er klassische Studien hinter sich hat, wenn er bei einer Kostprobe Anklänge an spätromantische und zeitgenössische Kontrabasswerke von Bottesini bis Hindemith in einer Kostprobe mit Klavierbegleitung aufführt.
Einfühlsame Schlagwerkerin: Roni Kaspi
Er erweitert aber auch die Spieltechniken, wenn er den Kontrabass stellenweise wie eine Harfe einsetzt. Nicht minder faszinierte die spielerische Leichtigkeit, die Eleganz und die Brillanz des Pianisten und am meisten die jugendliche Schlagzeugerin. Roni Kaspi agiert mit ungewöhnlich seismographischem Gespür, handhabt das Schlagwerk dezent, einfühlsam, immer am Pulsschlag der Musik und erzeugt viele rhythmische Varianten, Überleitungen und Soli. Dabei spielt sie mit bescheidener Attitüde, viel mit Besen und geschlagen nur mit Feingefühl. Eine Neudefinition des Schlagzeugs zum Mitempfinden auf Augenhöhe.
Das zweite Trio um Helge Lien verarbeitete in der Schreinerei skandinavische und internationale Lieder im Volkston zu Jazzballaden, die sehr kunstvoll gehalten sind und in dem sehr routinierten und dennoch emphatischen und beseelten Vortrag die ganze Klasse des Ausnahmepianisten wiedergeben. Bei diesen balladesken Aufführungen bilden Kontrabass und Schlagwerk dagegen nur eine im Klanghintergrund bleibende und dezente Unterstützung.