Kaiserslautern
Ist die Neue Stadtmitte eine Fehlplanung, Herr Henninger?
Herr Henninger, an was denken Sie als Erstes, wenn Sie durch die Neue Stadtmitte laufen?
Lassen Sie mich anders anfangen. In meiner Stadtklima-Vorlesung zeige ich unseren Studenten das Bild eines Baumes, der in einer kargen Steinwüste steht. Ich frage: „Würdet ihr euch gerne hier aufhalten?“ Sie antworten: „Im Urlaub vielleicht. Ansonsten nicht.“ Dann zeige ich ihnen denselben Baum noch mal – nur auf einem Supermarktparkplatz, also in unserer ganz normalen Lebenswelt. Was ich damit sagen will, ist, dass die Neue Stadtmitte noch so schön gestaltet sein mag. Am Ende ist sie nicht mehr als eine große, versiegelte, sich aufheizende Fläche.
Als Kaiserslautern im Sommer eine Hitzewelle erreichte, machte eine Leserin gegenüber der RHEINPFALZ ihrem Unmut Luft. Sie sieht in dem Millionenprojekt „eine von vielen Fehlplanungen der Stadt“. Stimmen Sie ihr mit Blick auf die Neue Mitte zu?
Aus lokalklimatischer Sicht: Ja!
Warum?
Man könnte jetzt boshaft sein und sagen, dass der Klimawandel kein Kind der 2020er Jahre ist. Dass man im Rathaus bereits in der Planungsphase vor knapp zehn Jahren hätte wissen müssen, wie man so einen Bereich besser gestalten kann, ja, besser gestalten muss. Spätestens durch den Hitzesommer 2003 dürfte in der Politik angekommen sein, dass eine extreme Witterung töten kann. Damit lassen sich die Pläne nicht entschuldigen. Auch auf dem Schillerplatz wurde der Fehler gemacht, nicht klimaorientiert zu planen: Es gibt überall versiegelte Flächen und kaum kühlende Infrastruktur. Immerhin ist er schöner als zuvor – und natürlich 1000-mal besser als mit der dunklen Oberfläche. Die Farbe ist entscheidend: Ein heller Bodenbelag heizt sich im Vergleich zu einem dunklen nicht so stark auf. In der Oberflächentemperatur macht so eine Anpassung einen Unterschied von locker vier bis sechs Grad aus.
Auch Ihr Uni-Kollege, Städteplaner Detlef Kurth, hatte die Neue Stadtmitte zuletzt kritisiert. Er meinte: „Der Extrem-Hitze wird kaum begegnet.“ Mit dem Schillerplatz und der gerade fertiggestellten Fruchthallstraße, beide breit und üppig gepflastert, sei der Lautrer Kern „schon ziemlich steinern“ – und fürs Mikroklima ein Problem ...
Ja, weil es kaum Schatten gibt. Wie kann sich der Mensch selbst vor großer Hitze schützen? Klar, er zieht eine Kappe auf. Und wie schützt ein Stadtplaner den Menschen? Indem er ihm auch eine Mütze aufsetzt – zum Beispiel durch Bäume, die ihm Schatten spenden. Ansonsten hat er keine Chance, nicht exponiert in der Sonne zu stehen. Solche steinernen Wüsten sind maßgebliche Treiber für das Stadtklima.
Mal angenommen, wir gehen im Hochsommer mit einer Wärmebildkamera an der Fruchthalle vorbei, was zeigt die uns an?
Rot. Vier oder fünf Bäume an einem Ort reichen niemals aus, um eine Oberflächentemperatur von 45 bis 50 Grad zu regulieren. Zum Vergleich: Eine feuchte Grünfläche, die durchweg Wasser verdunstet, ist mit 20 bis 25 Grad deutlich kühler. Würde ein Wind durch die Innenstadt ziehen, wäre das alles halb so schlimm. Bei austauscharmem Wetter im Sommer ist das aber leider nicht der Fall.
Klingt nach heißen Monaten. Was bedeutet so eine Aufmachung, wie die der Neuen Mitte, dann für die Bürger Kaiserslauterns?
Sie werden sich selbst die Frage stellen: Ist die klimatische Aufenthaltsqualität dort gut oder schlecht? Und die meisten werden sagen, dass sie hier nicht die Qualität finden, die sie dazu veranlasst, sich länger auf dem Schillerplatz oder in der Neuen Mitte aufzuhalten. Die paar Bäumchen, die gesetzt worden sind, machen keinen großen Unterschied – da werden wir 20, 25 Jahre warten müssen, bis die Kronen richtig Schatten bringen. Heute ähnelt ihr Schattenwurf eher dem Zeiger einer Sonnenuhr. Am Stiftsplatz lassen sich die Auswirkungen ja jeden Sommer beobachten: Die Leute überqueren ihn nicht diagonal auf dem kürzesten Weg, sondern sie umrunden ihn. Vorbei am Rewe, unter den Bäumen hindurch, dann über den Zebrastreifen. Auf anderen Plätzen ist das ähnlich. Wer sich dort an heißen Tag aufhält, köchelt langsam vor sich hin und sucht Schatten.
In einem Statement an die RHEINPFALZ hat Bau- und Umweltdezernent Manuel Steinbrenner angekündigt, noch für kühlende Effekte sorgen zu wollen. Mit mobilem Grün, Stauden, ein paar Hecken. Mit Trinkwasserbrunnen. Ach ja, und die Stadt überlegt, Sonnensegel zu platzieren ...
Alles Ideen, die wir seit Jahren propagieren. Aber auch das sind Dinge, um aus einer suboptimalen Situation noch das Beste rauszuholen, wie zum Beispiel künstlich Schatten aufs Pflaster zu zaubern. Da bin ich ehrlich: Von einigen in der Stadt habe ich mir mehr versprochen – dass das Thema Umwelt stärker angegangen, mit uns auch einmal Kontakt aufgenommen wird. Den Versuch aber hat es nie gegeben. Dabei haben wir an mehreren Lehrstühlen die entsprechende Fachexpertise, es könnte so einfach sein. Wir hätten geschaut: Welche Anpassungsmaßnahmen passen nach Kaiserslautern? Und was sind gute Ideen, um das Areal zu kühlen? Wären in der Planung keine Fehler gemacht worden, müsste man jetzt nicht mit Behelfsmaßnahmen nachbessern. Dadurch werden die wahren Verfehlungen ja erst deutlich – nämlich wenn die nächsten Bauarbeiten beginnen, etwa um die Sonnensegel zu installieren. Das lässt sich den Bürgern dann schwer vermitteln.
Bleiben wir mal bei den Pflanzen. Auf den Vorwurf, die Stadt denke im Zentrum nicht an ausreichend Grün, reagierte sie im Juli mit den Worten: „Eher das Gegenteil ist der Fall“. Nach dem Ende aller Arbeiten dürften sich die Bürger sogar über eine „wesentlich verbesserte Grünbilanz“ freuen. Die elf alten Platanen am Schillerplatz wurden abgeholzt, da ihre Wurzeln die neuen Pläne sprengten – dafür werden 24 Bäume gesetzt, vor allem Ahorn. Was halten Sie von solchen Aussagen?
Im Ernst, das ist doch reine Zahlenspielerei. Ich fälle elf gestandene Schattenbäume, die Wasser verdunsten, die positiv fürs Mikroklima sind – und pflanze 24 Bäumchen, die vielleicht irgendwann mal, in ferner Zukunft, ein schattiges Plätzchen bieten? Damit vergleicht die Stadt Äpfel mit Birnen. Man kann sich heute keine Bilanz schönreden, wenn es eine Generation dauert, bis der Plan aufgeht. Und dabei ist die Frage noch nicht geklärt: Kommen die jungen Bäume, die viel Wasser benötigen, mit den heutigen und zukünftigen Bedingungen zurecht? Mit höheren Temperaturen, mit der kleinen Fläche, auf der Regen versickern kann? Wenn ich aufs Papier schaue, stehen dort jetzt 24 Bäume. Die müssen aber erstmal groß werden – und dürfen bis dahin nicht kaputtgehen.
Nach Angaben der Verwaltung verhindern unterirdische Leitungen, Gastro-Sondernutzungen oder ein intensiver ÖPNV das Setzen weiterer Bäume in der Neuen Mitte. Plausible Gründe – oder faule Ausreden?
In einer Stadt wie Kaiserslautern ist so eine Abwägung immer ein zweischneidiges Schwert. Sie muss zwischen verschiedenen Interessen den goldenen Mittelweg finden – zwischen Gesellschaft, also den Bürgern, der Ökonomie und der Ökologie, sprich: Klimaschutz und -anpassung. Da hat sie zum Teil schon Recht. Wer an einem Rädchen dreht, darf das andere nicht zurückdrehen.
Aber?
Von Anfang an hätte die Stadt den Schillerplatz, die Neue Mitte mit mehr Rücksicht auf die Wurzeln planen und die Bestandsbäume besser mitdenken können. Hier hat später, nach Baubeginn, die Ökonomie die Ökologie geschlagen – weil eine Neuplanung zum Schutz der Wurzeln viel Geld gekostet hätte. Und wir alle wissen, wie leer die Kassen sind. Aber was im Nachgang nun mit einer Verschattung versucht wird, hätte man gestalterisch sofort besser lösen müssen. Dann wäre das Geschrei jetzt nicht so groß. Stattdessen muss man eben schauen, dass das Kind, das im Brunnen ist, nicht ertrinkt.
Sie selbst, Herr Henninger, haben die Kaiserslauterer Klimapolitik auch mal gelobt – für eine neue Grünflächensatzung, die Schottergärten verbietet. Einerseits das Dekret für die Bürger, andererseits pflastert die Stadt ihr Zentrum zu. Passt das für Sie zusammen?
Da muss man unterscheiden, hier liegen ja völlig verschiedene Nutzungen zugrunde. Man darf die Stadt auch in Schutz nehmen: Ein Areal wie die Neue Stadtmitte muss multifunktional sein – geeignet für Feste, den Verkehr, den Aufenthalt der Menschen. Nur bitte nicht so extrem versiegelt! Es geht dabei nicht allein ums Klima, und dass 100 Prozent Grünfläche nicht machbar sind, versteht sich von selbst. Wenn Schottergärten hingegen verboten werden, bedeutet das nicht gleich eine Gängelung – eher ist die Vorschrift letztlich auch als Schutz des eigenen Zuhauses zu verstehen. Als Vorkehrung, dass die Wohnung nicht zum überhitzten Rückzugsort wird, sich keine Steinwüste bis zur Haustür ausbreitet, wegen der man nicht mal abends durchlüften kann. Und zusätzlich wird damit die Artengemeinschaft geschützt. In der Neuen Mitte aber muss die Verwaltung noch mehr Interessen gerecht werden.
Zur Person
Sascha Henninger, 47, ist seit 2009 Professor an der Technischen Universität in Kaiserslautern, heute RPTU. Als Stadtklimatologe lehrt und erforscht der gebürtige Rheinländer die naturwissenschaftlichen Grundlagen in Siedlungsräumen. Unter anderem geht Henninger der Frage nach: „Wie sinnvoll ist eine Maßnahme der Klimaanpassung an welchem Ort?“ Er ist auch Mitglied des Beirats für Naturschutz der Stadt Kaiserslautern.