Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Interview mit der Bluesrock-Legende Walter Trout

Walter Trout hat Janis Joplin beim Woodstock-Festival getroffen.
Walter Trout hat Janis Joplin beim Woodstock-Festival getroffen.

Walter Trout, einer der weltweit bekanntesten Bluesrocker, hält seit Jahrzehnten einen hektischen Tourneeplan ein. Seine Liveshows sind oft ein Höhepunkt auf Bluesfestivals, bei denen der 71-jährige US-Amerikaner sein Gitarrenspiel präsentiert. Am kommenden Samstag gastiert Trout beim Bluesfestival in der Kammgarn. Mit Olaf Neumann sprach Walter Trout über das harte Leben auf Tour, eine denkwürdige Begegnung mit Duke Ellington, seinen Mentor John Mayall und das legendäre Woodstock Festival

Mr. Trout, bereits als Kind sind Sie dem großen Duke Ellington begegnet. War das für Sie eine Art Initialzündung?
Meine Mutter nahm mich regelmäßig zu Konzerten von James Brown, Ray Charles, den Righteous Brothers, Harry Belafonte, Ella Fitzgerald oder Tony Bennett mit. Mit zehn Jahren durfte ich einen ganzen Tag mit Duke Ellington und seinem Orchester verbringen. Es war das Geburtstagsgeschenk meiner Mutter. Dukes Trompeter Cat Anderson zeigte mir ein paar Tricks. Ich diskutierte mit Legenden wie Johnny Hodges, Sam Woodyard, Paul Gonzalves über Musik. Mit Duke Ellington selbst saß ich auf einer weißen Couch und sprach mit ihm über das Leben und die Musik. Nebenan unterhielt sich meine Mutter mit Tony Bennett. Es war ein großartiger Tag!

Wussten Sie damals schon, dass Sie Musiker werden wollten?
Ich liebte Musik. Nachdem ich Duke Ellington begegnet war, sagte ich zu meiner Mutter: „Das ist der coolste, fantastischste Mann, den ich je in meinem Leben getroffen habe! Wenn Musiker zu sein bedeutet, dass man so wird wie Duke Ellington, dann möchte ich auch einer werden!“ Denn Ellington war freundlich, warmherzig und voller Charisma und Humor. Er behandelte mich, als wäre ich der tollste Mensch auf Erden. Er hat sich mit mir auf dieser Couch unter vier Augen unterhalten. Selbst wenn ich jetzt daran denke, bekomme ich eine Gänsehaut.

Sie sind heute selbst ein weltweit anerkannter Musiker. Wie kommen die Songs zu Ihnen?
Es gibt nicht wirklich eine Technik. Manchmal ist es zuerst die Musik, manchmal sind es die Worte. Beim Titelstück meines neuen Albums „Ride“ hatte ich zum Beispiel zuerst den Text, eigentlich ein Gedicht. Ich dachte an die Zeit, als ich ein Kind war. Damals lebte ich in einem Haus mit meinem Stiefvater, der gewalttätig war. Auf der anderen Straßenseite befand sich ein Bahngleis. Ich lag im Bett, der Zug fuhr vorbei, und ich dachte: Ich muss nur aus diesem Bett aufstehen und auf den Zug aufspringen, dann komme ich hier raus. Natürlich habe ich es nie getan, sondern bloß davon geträumt.

Schreiben Sie Ihre Ideen auf?
Nur die Texte. Musikalische Ideen nehme ich mit meinem Smartphone auf. Darauf sind momentan über 400 Songskizzen gespeichert. Ich hoffe also, dass ich noch ein paar Alben machen werde.

In der Ballade „Destiny“ erzählen Sie von Ihrer ersten Begegnung mit Ihrer heutigen Frau Marie bei einem dänischen Bluesfestival im Jahr 1990. War es Liebe auf den ersten Blick?
Ich habe mich in sie verliebt, noch bevor ich mit ihr gesprochen hatte. Und ich sagte ihr in dieser Nacht, dass wir heiraten, Kinder haben und zusammen alt werden wollen. Ich sah sie und wusste sofort: Die ist es! Meine Suche ist jetzt beendet.

Und was hat Marie dazu gesagt?
Sie sagte, dass ich verrückt sei. Aber eine Woche später kam sie nach Kalifornien. Wir sind jetzt seit 32 Jahren zusammen. Wir haben drei Kinder und lieben uns wahnsinnig.

Marie wurde dann sogar Ihre Managerin. Hat das alles für Sie verändert?
Ja. Sie ist jetzt seit 30 Jahren meine Managerin. Davor musste ich einmal fast damit aufhören, von der Musik zu leben, weil mein alter Manager mein Geld gestohlen hatte.

Ist es im Musikgeschäft schwer, vertrauenswürdige Menschen zu finden?
Ja, sie sind rar gesät. Ich dachte, dieser Manager sei einer meiner guten Freunde, aber ich hatte mich geirrt.

Sie sind 71 Jahre alt und gehen immer noch regelmäßig auf Tour. Wird Ihnen das nicht langsam zu anstrengend?
Ich merke, dass ich langsam müde werde. Ich bin in diesem Sommer viel geflogen, was schrecklich war. Die Flüge werden ständig gestrichen. Im Moment bin ich in Holland und soll in zwei Tagen in England spielen. Die Flüge dorthin sind alle gecancelt worden, also haben wir beschlossen, morgen früh mit dem Auto zu fahren. Das ist die einzige Möglichkeit, wie wir dorthin kommen können. Sowas passiert uns die ganze Zeit. Kürzlich mussten wir über Nacht von Holland nach Schweden fahren, wo wir mit Guns N’Roses spielen sollten. Je älter ich werde, desto weniger Lust habe ich aufs Fliegen. Aber ich liebe es, auf der Bühne zu stehen und in lächelnde Gesichter zu schauen.

Vor rund zehn Jahren wurden Sie so krank, dass Sie eine neue Leber brauchten. Kollegen und Freunde spendeten damals so viel Geld, dass Sie sich eine Transplantation leisten konnten. Wie lebt es sich mit dem neuen Organ?
Ich fühle mich großartig. Ich bin wirklich gut in Form, aber ich freue mich auch darauf, einige Tage in meinem Haus in Dänemark zu verbringen. Und zwar schlafend!

Ihr Mentor John Mayall wird kommendes Jahr 90 – und macht immer noch Musik.
Aber er geht nicht mehr auf Tour. Ich hatte Glück, denn im Dezember letzten Jahres konnte ich noch neun Konzerte mit John spielen. Ich hatte viel Zeit, um mit ihm abzuhängen. Er ist wie ein Vater für mich, er war der Beste. Ich habe von ihm so viel über Musik gelernt und darüber, wie man das ständige Touren mental überlebt. John liebte es, unterwegs zu sein. Er hat mir beigebracht, wie man spontan spielt. Auf der Bühne rief er oft eine Tonart aus und zählte bis vier. Und los ging's! Das ist eine besondere Technik. Ich habe von ihm auch gelernt, wie man auf großen Bühnen spielt.

Wie verkraftet man das alles psychisch?
Mit John gab es viel Humor und Lachen. Das hat alle bei Laune gehalten. Dergleichen versuche ich auch in meiner Band zu tun. Ich sage ihnen, dass wir hier ein Abenteuer erleben. Im Moment ist es hart, aber wenn wir es überstanden haben, werden wir uns richtig gut fühlen.

Und wie war es, mit John Lee Hooker zu arbeiten?
Es war eine Ausbildung, sagen wir es mal so. Es war nicht der größte Spaß, den ich je als Musiker hatte. Ich liebte die Arbeit mit Big Mama Thornton, Percy Mayfield, Lowell Fulson, Bobby Hatfield, Joe Tex, aber mit John Lee Hooker war okay.

John Lee Hooker hatte es aufgrund seiner Hautfarbe auch nicht leicht. Als er seine ersten Erfolge feierte, gab es in den USA noch die Rassentrennung.
Nun, ich war der einzige weiße Musiker in seiner Band. Und ich war auch der einzige Mann unter 60 Jahren. Ich passte also nicht wirklich zum Rest der Gruppe und fühlte mich deshalb nicht sehr wohl.

Kulturkritiker behaupten, Gitarrenrock sei tot. Wie denken Sie darüber?
Es gibt großartige Musik da draußen, man muss sie nur suchen. Man hört sie sicherlich nicht mehr im Mainstream-Radio. Als ich ein Teenager war, konnte ich den Rundfunk einschalten und Elvis Presley, Little Richard, Chuck Berry, die Beatles, die Rolling Stones, Jimi Hendrix und Bob Dylan hören. Das war sehr aufregend! Heutzutage hört man im Radio nur noch einen Haufen kommerziellen Mist! Kennen Sie zum Beispiel Fantastic Negrito? Er ist spektakulär! Alle drei meiner Söhne sind großartige Musiker und empfehlen mir ständig Neues.

Haben Sie Jimi Hendrix noch live erlebt?
Ich habe Jimi Hendrix zwei Mal live gesehen: einmal in Philadelphia in der Electric Factory und einmal im JFK-Stadion, wo Jahre später Live Aid stattfand. Ich war 18 Jahre alt, stand in der ersten Reihe und war auf LSD. Und es war unglaublich.

War LSD damals Ihre Kreativdroge?
Nein, meine kreative Droge war schon immer mein künstlerischer Antrieb. Aber in der Nacht, als ich Jimi Hendrix sah, war ich mit meinem Freund Richard auf LSD. Jimi war unglaublich! Er war nur einen Meter von mir entfernt. Seine Verstärker bliesen mir direkt ins Gesicht. Ich war übrigens auch in Woodstock.

Wie haben Sie das legendäre Woodstock-Festival erlebt?
In jenem Sommer arbeitete ich als Müllmann in einem Müllwagen in New Jersey. Woodstock war etwa vier Stunden entfernt. Freunde erzählten mir, dass sie zu einem Rockfestival fahren würden und baten mich, sie zu begleiten. Ich hatte einen guten Job auf dem Müllwagen, habe sie aber gefragt, wer dort so spielt. Sie sagten: Jimi Hendrix. Janis Joplin. CCR. The Band. Mountain. Canned Heat. The Who. „Was soll's!“, sagte ich, sprang in ihren Van und los ging's. Zehn Jahre später wurde ich der Leadgitarrist von Canned Heat.

Haben Sie in Woodstock sämtliche Bands gesehen?
Die meisten, ja. Canned Heat waren großartig, aber nicht, weil ich mich ihnen später angeschlossen habe. Ich liebte Mountain mit Leslie West und Janis Joplins Auftritt. Nach dem Konzert bin ich hinter die Bühne gegangen, weil es keine Security und keine Zäune gab. Wieder einmal war ich auf LSD – wie der ganze Rest des Publikums. Backstage lernte ich Janis Joplin persönlich kennen. Ich fand sie unglaublich. CCR waren auch großartig. Es gab eine Menge Leute, die nicht im Woodstock-Film zu sehen sind, wie die Keef Hartley Band mit Miller Anderson an der Gitarre. Wenn ich ihn treffe, sage ich ihm immer, dass er mich bei Woodstock gekickt hat. Dann bekommt er ein breites Grinsen.

Worüber haben Sie mit Janis Joplin gesprochen?
Wir haben nicht lang miteinander geredet, aber sie war sehr nett zu mir. Ich glaube, sie hat gemerkt, dass ich wirklich high war. An vieles kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nicht, wo ich auf dem Festival gegessen oder ob ich geschlafen habe. Ich habe mir drei Tage lang das Hirn zugedröhnt.

War es damals leicht, in der Musikwelt Fuß zu fassen?
Schwer zu sagen, denn ich bin seit etwa 1970 Berufsmusiker. Ich weiß nicht, wie es heute ist. Es war nicht wirklich einfach für mich, aber ich habe halt hart gearbeitet. Die meisten Nächte der letzten 50 Jahre stand ich irgendwo auf einer Bühne.

Konzert

Walter Trout kommt am Samstag, 15. Oktober, 20 Uhr, zum Internationalen Bluesfestival in die Kammgarn.

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