Stadtspaziergang
In der Fliegerstraße stören nur Flugzeuge die Ruhe
Der Kaiserslauterer Journalist Ralf Vester kennt das Gebiet wie seine Westentasche, hat er doch in seiner Jugend zuerst in der Ohlkasterhohl gewohnt, später in der Eugen-Hertel-Straße. „Der Anfang der Fliegerstraße war deutsch, dann kam der amerikanische Teil, dann war sie wieder deutsch“, erinnert sich der 52-Jährige an seine Jugendjahre. Die ehemalige Wohnsiedlung der Amerikaner sei für die Kinder damals faszinierend gewesen und das Miteinander sehr eng und ungezwungen. Er erinnert sich noch gut an spontane Grillfeste der Amerikaner – gerne auch mal im Winter mit kurzen Hosen und T-Shirts. Deutsche und amerikanische Jugendliche spielten zusammen Tennis und Basketball.
Los geht unser Rundgang am Studio des Südwestrundfunks (SWR) in der Fliegerstraße. Wir marschieren erst einmal ein paar Meter die Straße Auf dem Seß hinunter, wo Vester das sogenannte Ami-Wäldchen zeigt. Das kleine Gelände sei damals durch den dichten Bewuchs von außen nicht leicht einsehbar gewesen, viele Jugendliche seien zum Abhängen hingegangen oder um ihre ersten Zigaretten zu rauchen, erzählt er.
Das Kreiswehrersatzamt war bei jungen Männern gefürchtet
In der Esperantostraße wurden in den sechziger und siebziger Jahren schmucke Einfamilienhäuser gebaut. Von dort schweift der Blick zur Villa Ritter hinunter, wo sich jahrzehntelang das Kreiswehrersatzamt befand – gefürchtet bei den jungen Männern der Westpfalz, die damals noch zum Wehrdienst eingezogen und dort gemustert wurden.
Beim Gang zurück Richtung Fliegerstraße schwebt über unseren Köpfen gerade ein Flugzeug Richtung Air Base Ramstein ein – hier fliegen sie direkt über die Stadt, aber „die Bewohner gucken gar nicht mehr hoch“, sagt Vester, so hätten sie sich daran gewöhnt.
Jetzt tauchen wir in die frühere Amisiedlung ein. Denn genau gegenüber des SWR stand damals das Kontrollhäuschen für die Wachsoldaten. Vester hat noch alte Fotos mit dem Haus des Generals, auch ein großer alter Baumbestand ist zu erkennen. Während zuvor alles offen gewesen sei, sei nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hermetisch abgeriegelt worden: „Es galt die höchste Sicherheitsstufe.“
Lange Zeit ein unbeschwertes Miteinander
Zuvor, schildert er, hätten Deutsche und Amerikaner unbeschwert miteinander gelebt. „Für mich als Kind war es eine besondere Welt, allein schon durch die fremde Sprache. Da sind Freundschaften entstanden.“ Heute stehen an Stelle der ehemaligen Blocks auf der einen Seite der Fliegerstraße dreistöckige Gebäude, gegenüber kubusförmige Einfamilienhäuser dicht an dicht. Sie wurden ab 2010 von der Kaiserslauterer PRE GmbH gebaut. An die Zeiten der amerikanischen Siedlung und gleichzeitig an die Musik aus dem SWR-Studio erinnern neugebaute Straßen: Glenn-Miller- und Ella-Fitzgerald-Weg.
Auf der gleichen Seite wie das Rundfunkstudio, nur ein Stück weiter, befand sich früher ein Gelände der Amerikaner mit Tennisplätzen und Basketball-Feld, dahinter eine Halle, in der unter anderem Billardtische standen. „Hier war immer etwas los, es wurden Festchen gefeiert. Und erst die Weihnachtsbeleuchtung: Da war man im Ami-Wunderland“, erinnert der 52-Jährige.
Viele der alten Villen wurden modernisiert
Der zweite „deutsche“ Teil der Fliegerstraße, der an die US-Siedlung anschloss, begann an der Abzweigung zur Haspelstraße und reichte auch damals schon bis zum Gersweilerweg – schon lange lebt man hier in einer der begehrtesten Wohnlagen von Kaiserslautern. In den abzweigenden Straßen wie Almenweg oder Im Starennest stehen teils ältere Mehrfamilienhäuser, teils auch Villen – manche großzügig um- und ausgebaut sowie modernisiert.
Auf unserem Spaziergang biegen wir von der Haspel- in die Straße Am Blutacker ab. Auch hier stehen, wo früher Blocks für Amerikaner und Offiziershäuser waren, die modernen Häuser des PRE-Wohnparks. Bis zum Schluss 2008 hätten nur noch drei bis vier amerikanische Familien in der Siedlung gewohnt, schätzt Ralf Vester. Für die Offiziere habe es Doppelhäuser, Einzelstehende für Höherrangige gegeben. Auf dem Rasen und den Grünflächen hätten deutsche und amerikanische Kinder miteinander gespielt. Heute steht hier ein hochwertiges Gebäude neben dem anderen an der großzügig ausgebauten Straße. Da grüßt auch mal eine sitzende Skulptur von der Bank vor der Eingangstür.
Grundschule als Kontrast zur Wohnbebauung
Am oberen Ende der Haspelstraße ist die Theodor-Heuss-Grundschule vom Blutacker aus hinter Bäumen zu sehen. Und ein echter Kontrast zu den neuen Gebäuden Am Blutacker sind die mehrstöckigen Mietshäuser der Bau-AG in der dahinter liegenden Alex-Müller-Straße.
Auch eine Kindertagesstätte befindet sich hier: Die mehr als ein halbes Jahrhundert bestehende protestantische Einrichtung auf dem Seß wurde vor ein paar Jahren umgebaut und präsentiert sich in fröhlichen Farben. Das Studio des Südwestrundfunks ist vielen Kaiserslauterern auch durch seine Konzerte und Veranstaltungen bekannt. An Emmerich Smola, den früheren Studioleiter und Chefdirigenten des ehemaligen Rundfunkorchesters Kaiserslautern, erinnert nicht nur der gleichnamige Konzertsaal. Nach ihm wurde 2012 auch der Platz Ecke Fliegerstraße/Auf dem Seß benannt.
Keine Einkaufsmöglichkeit in dem Gebiet
Gegenüber des Studios, weiß Ralf Vester, sollte mal ein Einkaufsmarkt entstehen – doch es kam nicht dazu. So gibt es in diesem Gebiet keine Einkaufsmöglichkeit, was vor allem die älteren Bewohner bedauern. Viele von ihnen wohnen am Eingang der Fliegerstraße, von der Morlauterer Straße her kommend – im ersten, dem zu allen Zeiten „deutschen“ Teil. Hier finden sich Ein- und Zweifamilienhäuser, auch mal in Reihenbebauung. Die Gärten sind liebevoll gestaltet.
Wir biegen links in die Esperantostraße ab, die einmal rund führt, um in die Straße Auf dem Seß zu münden. Hier ist es sehr ruhig, es gibt keinerlei Durchgangsverkehr, auch die Autobahn ist nicht zu hören. Hinter einem Zaun liegt der Sportplatz der Meisterschule. Der Blick schweift über die Stadt und bis zum Rathaus. Und es wird noch einmal deutlich, warum das Wohngebiet hier seit vielen Jahren so beliebt und begehrt ist: still und beschaulich, aber nur ein paar Minuten von der Innenstadt und der Fußgängerzone entfernt.
Als der „Gelbe Hund“ auf dem Blutacker gelandet ist
Die Fliegerstraße erhielt 1929 ihren Namen nach einem berühmten Flieger beziehungsweise Flugzeug. Laut Gerhard Westenburger, einem Kenner der Lautrer Geschichte, war nämlich 1912 im Bereich der heutigen Straßen Am Blutacker und Auf dem Seß der im ganzen Kaiserreich bekannte „Gelbe Hund“ notgelandet. Und zwar auf freiem Feld, dem Blutacker eben. Der gelbe Doppeldecker war das erste Flugzeug, das bis zu 50 Kilogramm Luftpost transportieren konnte. Obwohl es in Kaiserslautern notlanden musste – entweder wegen Benzinmangels oder eines technischen Defekts –, wurde über den kurzen Zwischenstopp groß berichtet, dieser wurde laut des langjährigen Pressesprechers der Stadt Kaiserslautern sogar als Zeichen für das Aufstreben der Garnisonsstadt angesehen.
Im Norden Kaiserslauterns entstand eine beliebte Wohngegend mit großen Villen, aber auch kleineren Ein- bis Zweifamilienhäusern oder solchen in Blockbauweise. 1950/51 wurde in der Fliegerstraße am nördlichen Rand des Ritterschen Parks eine Wohnsiedlung gebaut, die zunächst für französische Offiziersfamilien gedacht war, aber schon 1952 an die amerikanische Armee übergeben wurde. Die Besonderheit: Die Siedlung lag mitten im deutschen Wohngebiet und war auch nicht eingezäunt. 1956 wurden im parallel verlaufenden Blutacker weitere Einfamilien- und Doppelhäuser errichtet sowie eine Generalsvilla in der Fliegerstraße. Vor dem Heim des kommandierenden Generals der US-Army war Wachpersonal stationiert.
PRE GmbH hat das Areal erworben
Das ungezwungene Miteinander von Deutschen und Amerikanern änderte sich im Laufe der Jahre, vor allem nach den Anschlägen vom 11. September 2001. 2007 waren nur noch acht der 80 Wohnungen und Häuser vermietet, 2009 wurden sie an die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben übergeben.
Von dieser kaufte die Kaiserslauterer PRE GmbH das 50.000 Quadratmeter große Areal. In dem Konversionsprojekt namens PRE-Wohnpark wurden ab 2010 die maroden alten Bauten abgerissen und neue Einfamilienhäuser sowie mehrstöckige Gebäude gebaut. Die Nettobaufläche beträgt nach Angaben von PRE 60.000 Quadratmeter, das Investitionsvolumen 95 Millionen Euro. Vier Jahre dauerte es vom Bebauungsplan bis zur Vermarktung der Grundstücke.
Von der ehemaligen US-Siedlung ist kaum etwas übrig geblieben. Bei einer letzten Begehung 2011 wurden lediglich das ehemalige Wachhäuschen, ein Briefkasten sowie ein Teil des rosa Telefons aus der Generalsvilla gerettet. Sie sind heute im Docu Center Ramstein ausgestellt.