Kaiserslautern „Ich verkörpere Dichtung in ihrer reinsten Form“

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,,Als ich das letzte Mal hier war, war ich 60, quasi wie ein Kind mit verrückten Träumen“, sagte der kanadische Rockpoet Leonard Cohen im vergangenen Jahr bei seinem Konzert in Mannheim. Da war er fast 79. Morgen nun feiert er seinen 80. Geburtstag in Los Angeles. Und bereits gestern veröffentlichte er mit „Popular Problems“ sein 13. Studio-Album. Mit Leonard Cohen sprach Christof Graf.

Ist es Zufall oder Kalkül, dass das Album und ihr 80. Geburtstag marketingtechnisch zusammenfallen?

Es ist eher Zufall und Glück. Wir wussten nur, dass wir das Album irgendwann im September fertig haben wollten. Werden Sie mit dem neuen Album nochmals auf Tournee gehen – Sie werden immerhin schon 80? Ich würde gerne, werde aber zuerst die Arbeiten am nächsten Album abschließen. Ich liebe es, auf Tournee zu gehen. Aber Konzerte, wie ich sie gebe, dauern mindestens dreieinhalb Stunden, was sehr viel Ausdauer erfordert. Ich weiß nicht, ob ich das noch einmal schaffe. Dennoch ist das Leben on the road um so vieles einfacher als das alltägliche Leben. Alle kümmern sich um einen – zu Hause muss man alles selbst tun. Wie würden Sie die Atmosphäre des neuen Albums beschreiben? Es geht nicht um Wertung, es geht vielmehr um die Wahrnehmung dessen, was um uns geschieht. Sie singen von „Born in Chains“. Haben Sie je das Gefühl gehabt, in Ketten geboren zu sein? Nein, ich bin jemand, der im Anzug geboren wurde. Ich darf mich nicht beklagen. Aber ich denke darüber nach, wie es ist oder wäre. Sie sind seit den 1960er Jahren im Musikgeschäft. Fühlen Sie sich da schon wie eine Institution? Nein. Ich lebe kein Leben in der Öffentlichkeit, ich lebe recht zurückgezogen und nehme natürlich wahr, was in der Welt passiert, kommentiere aber nicht alles, reflektiere es aber. Ich habe keine Ambition, eine Institution zu sein. Auf „Popular Problems“ scheinen jüdische Einflüsse erkennbar. Leben Sie nach der Tora? Ich bin in einem konservativen Haus aufgewachsen. Meine Vorfahren sind um 1860 aus Polen nach Kanada ausgewandert und haben in Montreal der jüdischen Gemeinde angehört. Mir wurden sehr früh jüdischer Familiensinn und religiöse Werte vermittelt, die ich heute noch lebe, auch wenn ich mich nicht zu den Strenggläubigen zähle. Welche Lösungen empfehlen Sie für „Popular Problems“? Ich habe noch nicht einmal Lösungen für mich selbst, wie kann ich da welche für die Welt haben? Sie haben einmal gesagt, dass Sie mit 80 wieder anfangen werden zu rauchen. Werden Sie sich diesen Wunsch erfüllen? Nun, ich habe 50 Jahre meines Lebens geraucht und es vor etwa zehn Jahren aufgegeben. Ich denke ständig daran und weiß, wie es sich anfühlt, auch wenn ich jetzt gerade nicht rauche. Ich sehne mich ständig danach. Ihnen werden oft Melancholie und Pessimismus vorgeworfen. Wie gehen Sie damit um? In Wahrheit verkörpere ich die Dichtung in ihrer reinsten Form. Die reinste Form ist das Unreine. Der Gedanke der reinen Poesie ist eine sehr romantische. Was man Poesie nennt, ist das, was genau von etwas spricht. Mein Stimmvolumen ist sehr beschränkt, ich gebe Text und Musik mit der Stimme lediglich die nötigen Graustufen. Sie umgibt die Aura des Frauenverstehers. Empfinden Sie das mit bald 80 Jahren noch immer so? Ich liebe Frauen, aber man sollte sich ihnen mit Vorsicht nähern. Und es ist wie mit allem: Egal in welcher Art und Form, es geht doch nur darum, Liebe und Glück zu finden, einen Zustand, in dem alles fließt, funktioniert, alle mit allem und jeder mit jedem glücklich und zufrieden ist. Darum geht es, um nichts mehr. Das ist, wonach wir alle streben.

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