Kaiserslautern „Ich les’ doch nur vor“

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Wie ein Draufgänger sieht Michael Wenzel nicht aus. Er fährt einen Viano Bus und findet das ganz praktisch, weil er da einfach sein Fahrrad reinwerfen kann. Er mag es, wenn der Lichtkegel seines Rennrads monoton einen weißen Streifen auf die Straße malt – „das hat was Meditatives“. Doch wenn er in einen Rennwagen steigt, dann schießt das Blut durch seine Adern und seine Augen fangen an zu leuchten.

„Ich wollte eigentlich schon aufhören, aber ich kann einfach nicht nein sagen“, erklärt er, und es klingt fast wie eine Entschuldigung dafür, dass er wieder mal ja gesagt hat, als ihn Rallyefahrer Christian Riedemann gefragt hat, ob er mit ihm bei der Rallye Monte Carlo startet. Riedemann will als 27-Jähriger die letzte Chance nutzen, um nochmal Junior-WM zu fahren, wünschte sich Wenzel als Beifahrer. „Und wir waren beide noch nie in Monte Carlo.“ Genau genommen war Wenzel schon mal da, 1992 und 1993, als Zuschauer. Und damals dachte er, „ich will schon mal mitfahren“. Dass es tatsächlich klappen würde, war damals nicht absehbar. Aber dass ihn das Rallyefieber gepackt hatte, das wusste der inzwischen 38-Jährige damals schon. Er ist in Kaiserslautern geboren, in Mehlingen aufgewachsen und hatte offensichtlich irgendwas von seinem Vater geerbt. Der war selbst im Motorsport aktiv, unterwegs am Trifels, in der Vorderpfalz und wie sein Sohn später Beifahrer. „Ich fand es immer interessant“, erzählt er. Mit 14 saß er selbst auf dem Beifahrersitz, startete bei Orientierungsfahrten mit seinem Vater zusammen und fand es gut, dass man größere Rallyes mit 16 Jahren fahren kann. „Man braucht keinen Führerschein. Ich wollte nicht warten, bis ich 18 bin.“ Dass er nicht selbst am Steuer sitzen will, war ihm von Anfang an klar. „Ich glaube nicht, dass ich Autofahren kann. Mir ist das zu stressig“, sagt er. Wenzel liebt den Platz nebendran, auch wenn er da nichts von der Landschaft sieht, weil er so tief sitzt und weil er ganz andere Dinge im Blick hat. Das Ringbuch mit den Notizen zum Beispiel, mit Abkürzungen, mit denen oft nur der Fahrer und er was anfangen können. 200 R5, 30L4+, 150L5+ steht da mit Bleistift. Eine Art Code, die ihm der Fahrer beim ersten Abfahren der Route diktiert hat. „Ich mach’ nichts, ich les’ nur vor“, sagt Wenzel, der weiß, wie wichtig es ist, dass die Chemie zwischen Fahrer und Beifahrer stimmt. Er kennt den Mann hinterm Lenkrad seit 2005. Damals hatte Christian Riedemann noch keinen Führerschein, war bei der Besichtigung zur DM für die Stempelkontrolle bei der Wertungsprüfung zuständig. „Er hat seinen Kuli bei einem Auto in den Lüftungsschlitz geworfen und hat mich bei der Kontrolle gefragt, ob ich einen Kuli habe.“ Wenzel lieh ihm das Schreibgerät, bekam es in der zweiten Runde zurück, und als Riedemann den Führerschein hatte und Nachwuchscup fuhr, saß der elf Jahre Ältere an seiner Seite. „Ich war sowas wie ein Vorbild für ihn.“ 2011 starteten sie als Team bei der Nachwuchs-WM. 65 Tage waren sie zusammen unterwegs. Für Michael Wenzel, der in Wuppertal arbeitet und in Solingen wohnt, kein einfaches Unterfangen. Er arbeitet als Konstrukteur in der Automobilbranche, bei Fisher Dynamics, hat eine 50-Stunden-Woche, pendelt am Wochenende nach Mehlingen und holt sich die Freiräume über Gleitzeit und Urlaub. Seit zwei, drei Jahren will er sich eigentlich auf seine zweite große Leidenschaft, das Radfahren, konzentrieren, trainiert meist im Dunkeln, hat den Fernseher abgeschafft, um mehr Zeit zu haben. Doch dann sind da noch die Erinnerungen an Erfolge wie den Deutschen Meistertitel 2004 mit Sven Haaf im Citroën und 2005 mit Markus Farmer im Corsa und an die zwei Einsätze mit Volkswagen, die Zusammenarbeit mit dem Ingenieur, der inzwischen zwei Weltmeistertitel feiern durfte. Riedemann hat inzwischen mit einer Beifahrerin gearbeitet und etwas geändert, was Wenzel damals bemängelt hatte. „Sein Aufschrieb war miserabel.“ Inzwischen hat der Rallyefahrer das französische System eingedeutscht und seinen eigenen Code entwickelt, eine Mischung aus dynamischer und statischer Beschreibung der Kurve. „Sehr komplex, nicht jeder Fahrer kann das verarbeiten“, sagt Wenzel, der beobachten konnte, wie sich die Zeiten damit verbesserten. Auch wenn er zwischendrin „eigentlich nicht mehr wollte“, haben sich beide nie aus den Augen verloren und Wenzel ist immer wieder eingesprungen. Seine Augen leuchten, wenn er von seinem Job erzählt, der eigentlich nur ein Hobby ist. Er weiß, was den perfekten Beifahrer ausmacht: „Er muss vorlesen, das Timing draufhaben, braucht eine saubere Aussprache.“ Und dann sind da noch die körperlichen Voraussetzungen. Mit denen kann der Mehlinger, der eine Bahncard hat, punkten: 1,68 Meter groß, 55 Kilo leicht. Perfekt für schnelle Kurvenfahrten.

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