Kaiserslautern „Hilfloser Beobachter vom anderen Ende der Welt“

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Maria Schrader machte zunächst als Schauspielerin Karriere. Als Regisseurin etablierte sie sich mit der Adaption von „Liebesleben“ nach Zeruya Shalev. Für ihren neuen, künstlerisch innovativen Film „Vor der Morgenröte – Stefan Zweig in Amerika“ folgt die 50-Jährige dem Schriftsteller von 1936 bis 1942 über sechs Stationen. Für die Regie war Schrader für den Deutschen Filmpreis nominiert. Sie stellt den Film am 28. Juni beim Festival des deutschen Films vor, im Kino läuft er ab Donnerstag in Kaiserslautern.

Was faszinierte Sie an der Persönlichkeit und den letzten Jahren von Stefan Zweig?

Stefan Zweig hat seiner Arbeit oberste Priorität eingeräumt. Privatleben oder Nichtarbeiten kannte er nicht, eine Kategorie wie das private Glück war für ihn irrelevant. Er konnte nicht wertschätzen, dass er der Verfolgung entkommen war und mit seinem Aufenthaltsvisum für Brasilien in Sicherheit lebte, weil er sich nie von der Vorstellung verabschieden konnte, was gleichzeitig in Europa passierte. Er stand körperlich unter Palmen, aber im Geist war er woanders. Wie sind Sie zu diesen Schlüssen gekommen? Es ist aus seinen Briefen, seinen Tagebüchern zu ersehen, letztendlich ist es sicherlich einer der Gründe gewesen, warum er sich 1942 das Leben nahm. Exil oder Exodus, die schon immer Teil der Menschheitsgeschichte waren, durchlebte Zweig ungeschützter als andere. Er träumte von einem vereinten und friedlichen Europa, dafür hatte er gearbeitet und geschrieben. Der Untergang seiner geistigen Heimat nahm ihm die Lebenskraft. Das physische Überleben zählte nicht mehr viel. Er betrachtete sich selbst als einen hilflosen Beobachter vom anderen Ende der Welt. Ihr Film wirkt wie ein Kommentar zur Debatte um die Menschen, die vor der Gewalt im Nahen und Mittleren Osten fliehen. Sie haben aber sicher sehr viel früher begonnen? Wir haben 2011 angefangen und nicht damit gerechnet, dass uns die Aktualität unmittelbar nach Beendigung der Dreharbeiten im Herbst 2015 einholt. Die Katastrophen, die Millionen von Menschen zwingen, aus ihrer Heimat zu flüchten, scheinen in grausamer Regelmäßigkeit einzutreten. Es ist ja erst 70, 80 Jahre her, dass die Flüchtlinge aus Europa zu Tausenden an den Mittelmeerhäfen standen, um auf die Boote zu kommen. Jetzt bewegen sich Menschen in die umgekehrte Richtung, jetzt ist Europa ein Ort der Hoffnung. Und gerade, weil die europäische Geschichte mit Flucht und Vertreibung verbunden ist, ist es erschreckend, mit welcher Abwehr Europäer auf die Flüchtenden reagieren. Insofern ist die Geschichte von Stefan Zweig, eines Europäers auf der Flucht, eine plötzlich sehr aktuelle Erzählung. Warum deuten Sie vieles wie die Ursache für die Kritik der brasilianischen Linken an Zweigs „Land der Zukunft“ nur an? Diese Frage haben wir lange diskutiert. Zweig wurde vorgeworfen, sich mit seinem Lob auf Brasilien seine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung erkauft zu haben. Nach unserer Recherche ist das falsch. Er besuchte 1936 das erste Mal Brasilien, er sah Menschen unterschiedlichster Hautfarben auf den Straßen, er sah Schwarze selbst in hohen Ämtern. Das beeindruckte ihn zutiefst. Das Land erschien ihm fortschrittlich und beispielhaft zu sein – vor allem, wenn man bedenkt, was zur gleichen Zeit in Europa passierte. Die Bücherverbrennung war erst drei Jahre her. Er hatte Österreich verlassen. Dann kann man das gut nachvollziehen. Zweig selbst räumte später ein, er habe die Dinge zu positiv gesehen. Warum überlassen Sie die Deutung für die Ursachen seines Entschlusses zum Suizid dem Zuschauer? Der Film gibt genug Anhaltspunkte, um sich das Leben vorstellen zu können, das Zweig mit seiner Frau Lotte in den letzten Monaten führte. Ein Selbstmord hat wohl immer eine Anzahl von Gründen, und am Ende bleibt doch ein Rätsel. Grundsätzlich glaube ich, dass man weder einen Suizid, noch ein Leben oder gar eine Persönlichkeit wirklich erklären kann. Daher haben wir die Form gewählt, in nur wenige Situationen oder Momentaufnahmen seines Lebens zu blicken, die man möglichst genau und realistisch miterlebt. Daraus können sich die Zuschauer und Zuschauerin selbst ein Bild machen. Es hält sich die These, dass Zweig Suizid begangen habe, nachdem ein brasilianisches Schiff beschossen wurde und er Angst hatte, nicht länger sicher zu sein. Warum lassen Sie dies weg? Hier sprechen Sie einen Punkt an, der erklärt, warum wir keine lineare Erzählstruktur verwendet haben. Wenn wir im Film nacheinander erzählen würden, bekämen die Ereignisse einen zwangsläufig kausalen Zusammenhang. Wir würden die These bestätigen, dass Zweig sich aus Angst, der Krieg könne ihn auch physisch bis nach Brasilien verfolgen, das Leben nahm. Diese Angst mag vielleicht zu seinem Entschluss beigetragen haben, alleinige Ursache für seine Selbsttötung war sie mit Sicherheit nicht. Um diese Art von Erklärung und Simplifizierung zu vermeiden, erzählen wir sechs verschiedene Situationen in „Echtzeit“. Jeweils 20 miterlebbare Minuten aus dem Leben Zweigs in den Tropen, im New Yorker Winter, zu seinem 60. Geburtstag, auf einem Kongress – in der Einsamkeit und unter Menschen. Termine —„Vor der Morgenröte – Stefan Zweig in Amerika“ läuft beim Festival des deutschen Films am 28. und 29. Juni sowie am 2. und 3. Juli. —Details unter www.fflu.de —Lesen Sie Weiteres zum Festival im RHEINPFALZ-Blog: bewegtebilder.rheinpfalz.de | Interview: Katharina Dockhorn

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