Fragen und Antworten
Herpesvirus trifft den Reitsport hart
Was passiert da gerade?
Im spanischen Valencia treffen bei einem großen Turnier 700 Pferde aus aller Welt aufeinander, stehen dort auf beengtem Raum. Das aggressive Herpesvirus bricht aus. Pferde verenden, andere tragen die Infektion in ihre Heimatländer. Nun muss man wissen, Herpes ist, genau wie bei den Menschen auch, in der Pferdepopulation ohnehin weit verbreitet.
„Der Equine Herpesvirus ist bei etwa 80 Prozent der Pferde vorhanden, liegt zurückgezogen in den Zellen“, sagt dazu der Kaiserslauterer Tierarzt Wolfgang Schmidt, selbst Pferdezüchter und Turnierreiter. Stress kann nun, genau wie beim Menschen auch, das Virus dazu veranlassen, die Zelle zu verlassen, es kommt zum Krankheitsausbruch. Die vorherrschende Jahreszeit spielt dem Virus zudem in die Karten.
Das Geschehen in Valencia ist somit nicht wirklich exotisch, auch in Deutschland ist das Equine Herpesvirus (EHV) in den vergangenen Jahren immer mal wieder ausgebrochen. Betroffen waren häufig Stallungen mit hoher Fluktuation, Zucht- und Handelsställen – eben dort, wo große Pferdeansammlungen mit wechselnden Tieren sind.
Sind geimpfte Pferde sicher?
„Eine Impfung kann das Pferd nicht wirklich vor einer Infektion schützen, aber es mildert den Verlauf ab und es hilft, den Herpes im Griff zu behalten“, ordnet Tierarzt Schmidt das Ganze ein. Die Herpesimpfung sei nun mal kein Schutz des einzelnen Pferdes. Erst ein komplett geimpfter Bestand schütze gegen das Virus. Die Reaktion der Deutschen Reiterlichen Vereinigung und auch des Internationalen Verbandes auf den aktuellen Ausbruch in Valencia sei gut gewesen, begrüßt Schmidt, dass sofort reagiert wurde und alle Turniere erst einmal abgesagt wurden. Das helfe, den Pferdeverkehr zu begrenzen.
In seiner Tierarztpraxis glühen derzeit die Drähte, wie er sich ausdrückt. Die Nachfrage nach einer umgehenden Impfung gegen Herpes sei momentan sehr hoch, und das sei offensichtlich in ganz Europa so, weshalb es schwierig sei, genügend Impfstoff zu bekommen.
Was ist mit einer Impfpflicht?
„Die Tierärzteschaft fordert seit über 30 Jahren eine Impfpflicht für alle Pferde, die an öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen, also für Turnierpferde genauso wie für Pferde, die an Zuchtveranstaltungen oder Breitensportveranstaltungen teilnehmen“, lässt Schmidt erkennen, dass die Tierärzte seit Jahrzehnten mit ihrer Forderung nach einer verpflichtenden Impfung gegen Herpes nicht wirklich weitergekommen sind. Im Gegensatz zur Pferdeinfluenza, für die bei Turnierpferden eine Impfpflicht besteht, gibt es beim EHV nicht mal eine Melde- oder Anzeigepflicht.
In den Reihen der Deutschen Vollblutzüchter besteht dagegen schon sehr lange eine Impfpflicht. Der Dachverband Deutscher Galopp hat nun sogar mit einer Impfpflicht für alle Pferde reagiert, heißt, ohne Impfschutz wird kein Pferd mehr für die Rennen zugelassen. Unter den Vollblutrennpferden ist allerdings bislang weltweit noch kein Infektionsfall bekannt. Das deutet schon auf eine große Durchimpfung hin.
Das sieht bei den Besitzern der Warm-, Kalt- und sonstiger Pferderassen noch anders aus. Zwar lassen viele der hiesigen Turnierreiter ihre Pferde regelmäßig gegen das Virus impfen, das reiche laut Schmidt aber halt noch nicht. „Der beste Schutz gegen Herpes ist eine insgesamt geimpfte Pferdepopulation“, ist der Tierarzt ganz froh, dass durch die aktuelle Öffentlichkeit Bewegung in das Thema gekommen und eine generelle Impfpflicht greifbar scheint.
„Jedes Pferd, das an Herpes verendet, ist eins zu viel!“, sagt er.
Und wie sieht es in den Reitställen aus?
Mit rund 100 Pferden zählt der Reitstall auf dem Fröhnerhof zu den großen. Turnierreiter, Freizeitreiter, Schulpferdereiter treffen sich hier. „Ich habe direkt eine Bestands-Impfpflicht eingeführt. 44 Pferde wurden direkt mit Herpes geimpft“, ist von Eva Labes, Inhaberin der Reitanlage zu hören. Einsteller, die sich gegen eine Impfung aussprechen, könnten nicht mehr auf der Anlage bleiben. Ansonsten gilt auf dem Fröhnerhof nun bis in den April, bis alle der nachgeimpften Pferde ihre Zweitimpfung haben: Es geht keiner raus und keiner rein in den Stall. Das durch Corona ausgebremste und gerade wieder anlaufende Turniergeschehen wurde von der Reiterlichen Vereinigung ohnehin ausgesetzt. „Es fährt aber auch keiner zu Lehrgängen oder in Springstunden oder kommt dafür zu uns“, deutet Labes an, dass die Schotten der Anlage erst einmal dicht sind. Tierärzte und Hufschmiede müssten sich – wie auch schon wegen Corona – die Hände desinfizieren. „Hier setze ich schon voraus, dass sie sich umziehen, wenn sie aus anderen Stallungen kommen“, legt Labes Wert auf Sicherheit. Die Schulpferde stehen laut Labes ohnehin in einem eigenen Trakt und hätten auch in der Halle keinen Kontakt zu anderen Pferden.
Die Profireiterin Melanie Bischoff hat auf ihrer Anlage in Miesau ebenfalls direkt alle Impfpässe der auf ihrer Anlage stehenden Pferde eingesammelt, und auch dort wird nun, wo es fehlt, geimpft. „Es ist gar nicht so leicht, an Impfstoff zu kommen, weil ja in vier Wochen alle Pferde dann noch eine zweite Dosis brauchen“, bestätigt sie die aktuelle Knappheit. Ansonsten hat sie selbst mal wieder Zwangspause. Als Profi hatte sie es in der Coronazeit zwar schon etwas leichter, was die Turniere angeht, aber nun findet ja rein gar nichts mehr statt. „Schön ist es, dass wenigstens unsere Reitschüler wieder ein paar Lockerungen haben und wir draußen in kleinen Gruppen Unterricht machen dürfen“, freut sich die Springreiterin auf ihre Reitschüler. Hier hat sie allerdings kommuniziert, dass derzeit nur Schüler auf die Anlage kommen dürfen, die ausschließlich auf ihrem Reitbetrieb am Schulbetrieb teilnehmen. Jeder Übertragungsweg des Virus solle ausgeschlossen werden. Melanie Bischoff blickt optimistisch nach vorne in den April. „Dann gehen die Turniere bestimmt wieder los!“