Kaiserslautern
Hermann Hussong hat den Rundbau in Kaiserslautern vor 100 Jahren bauen lassen
„Er ist eine Besonderheit – ebenso wie das ganze Königsviertel“, sagt David Schleyer. Seine Begeisterung für das alte Gebäude zwischen König- und Albert-Schweitzer-Straße merkt man ihm direkt an. Als Hausmeister ist er mit einem der Kundenbetreuungsteams der Bau AG zuständig für rund 800 Wohnungen. Das Wohnen im Rundbau ist nach wie vor beliebt. Nur eine der 164 Wohnungen ist derzeit frei. In dem Querriegel zur Albert-Schweitzer-Straße hin wird diese Wohnung gerade saniert.
Und so wird heute noch deutlich, was sich der große Lauterer Stadtbaumeister Hermann Hussong vor genau 100 Jahren für den Gebäudekomplex hat einfallen lassen. Der Rundbau war damals nämlich nicht weniger als revolutionär. In einer Baulücke, nicht weit entfernt vom ehemaligen Pfaff-Werk, plante er etwas, das man in Kaiserslautern noch nicht gesehen hatte: ein Haus für die städtische Wohnungsbaugesellschaft (heute Bau AG) in ungewohnter Form und mit einem für die damalige Zeit außergewöhnlichen Luxus. Obwohl für die sogenannten kleinen Leute gedacht, hatte jede Zwei-Zimmer-Wohnung – die meisten 53, einige in den Eckhäusern rund 70 Quadratmeter groß – Küche und Bad sowie Speicher- und Kelleranteil. Die Küche war modern eingerichtet mit Gasherd und einem Speiseschrank unter dem Fenster, der nach außen zu entlüften war. Für die damalige Zeit ganz und gar ungewöhnlich waren die Bäder mit Badewanne und Wasserspülklosett.
Der Name des Hauses war schnell gefunden
Damals soll es eine heftige Diskussion um die Pläne Hussongs gegeben haben. Die Pfälzische Volkszeitung schrieb einen Wettbewerb aus, um einen Namen für das neue Bauwerk zu finden, das 1,2 Millionen Mark kostete. Doch der Name Rundbau hatte sich bereits durchgesetzt. Dabei ist es gar kein Rundbau, sondern eine halbe Ellipse. Ein Korbbogen mit fünf verschiedenen Radien von 54,40 bis 95,60 Meter. Dahinter liegt ein begrünter Hof mit Wasserbecken, ein gerader Bau zur Albert-Schweitzer-Straße hin schließt das Ensemble ab.
Die Grünanlage im Hof bietet im Winter zwar naturgemäß kein besonders schönes Bild, doch die uralten Bäume sind prächtig gewachsen und stehen unter Naturschutz. Der Brunnen dort hatte lange keinen Namen, wurde dann aber nach dem Kaiserslauterer Mundartdichter Eugen Damm benannt, der einst hier gewohnt hat. Auch Kunst darf nicht fehlen: „Die zwei Schwestern“ heißt eine Skulptur von Fritz Korter.
Gegliederte Fassade und Pultdach
Neue Sachlichkeit nennt sich der Baustil, in dem Hermann Hussong das Ensemble zwischen 1926 und 1928 errichten ließ. Außen gibt es keinerlei Schmuck, die Flächen sind ausgewogen proportioniert, Erker und vorspringende Bauteile, sogenannte Risalite, gliedern die Fassade. Besonders raffiniert: Weil die Pultdächer zum Hof hin abfallen, erscheint der Bau mit seinen vier Geschossen auf der Straßenseite optisch höher als innen.
Wie bei all seinen Bauten hat Hussong auch für den Rundbau ein Farbkonzept entworfen. Und zwar nicht nur für das Äußere, sondern auch für die Innenwände. „Manchmal kommt bei Renovierungen noch die ursprüngliche Farbe zum Vorschein“, weiß Hausmeister Schleyer. Gestrichen waren die Wohnungen in Leimfarbe. Wie früher üblich, wurde später in manchem Zimmer mit einer Strukturwalze ein Muster auf die Wand gebracht. Eine Besonderheit in den 164 Wohnungen sei auch, dass die Türzargen ohne Sturz gebaut wurden. Dass bedeutet, dass die massiven Eisenzargen nicht entfernt werden können, erläutert Schleyer.
Einfach Laminat auf die Dielen geklebt
Die ursprünglichen Holzdielen seien bei früheren Renovierungen nicht einfach abgeschliffen worden, sondern man habe Laminat darauf verlegt, bedauert er. Erhalten geblieben ist aber noch der Rollladenkasten, auch die Klappen, mit denen der Speiseschrank nach außen entlüftet wurde, sind noch in der Fassade zu erkennen. Nachdem wohl in den 1980er-Jahren Alu-Haustüren eingebaut worden waren, seien diese später wieder durch massive Holztüren ersetzt worden.
Wie in vielen Lauterer Gebäuden wurden in den Kellern im Zweiten Weltkrieg Durchbrüche geschaffen, damit die Schutzsuchenden bei eventuellen Bombentreffern schnell ins Nachbarhaus flüchten konnten. Jede Wohnung hat nach wie vor einen Kelleranteil, Mansarden schufen zusätzlichen Wohnraum. Die Möglichkeit, Wäsche auf dem Speicher zu trocknen, nutzten nur noch die Bewohner der oberen Stockwerke, weiß Schleyer. Erhalten geblieben sind die Treppenhäuser.
Sehr beliebte Wohnungen
Die Wohnungen im Rundbau sind sehr begehrt. In den Erdgeschossen leben vor allem ältere Leute, aber auch viele Mitarbeiter des nahe gelegenen Westpfalz-Klinikums wohnen dort, wie der Hausmeister erzählt. „Die Größe ist optimal für eine oder zwei Personen“, sagt Schleyer. Er berichtet stolz, dass er auch schon eine Gruppe von Architekturstudenten durch das ungewöhnliche Gebäude geführt habe. „Die Nachfrage nach all unseren Wohnungen ist groß“, ergänzt Thomas Bauer, Vorstand der Bau AG. Der Rundbau sei besonders beliebt, weil die Wohnungen klein, bezahlbar und ideal für Einzelpersonen seien.
Außerdem sei die Lage unschlagbar: nahe an der Innenstadt, mit einer hervorragenden Busanbindung und Ärzten, verschiedenen Geschäften sowie dem Wochenmarkt in der Nähe. Bauer weist auch auf den Vorteil des geschlossenen Innenhofs mit viel Grün hin – „nicht selbstverständlich in der Innenstadt“. Die Bau AG versuche, in allen Gebäuden einen gesunden Mix zwischen Jung und Alt sowie eine komplette soziale Durchmischung zu erreichen. Dafür sei der Rundbau „wunderbar geeignet“.
Solide Bausubstanz
Auf die Frage, ob denn ein solch altes Gebäude nicht eine besondere Herausforderung für die Bau AG sei, betont Bauer, dass alle ihre Wohnanlagen innen und außen modernisiert würden. Und bei vielen so alten Häusern sei die Bausubstanz besser als bei manchem Nachkriegsgebäude. Natürlich sei eine energetische Sanierung bei einem Gebäude, das unter Denkmalschutz steht, schwierig, aber der Innenausbau gestalte sich auch nicht anders als bei neueren.
Vor einiger Zeit wurde der Rundbau neu gestrichen. „Die Farbe sollte dem Original so nah wie möglich sein“, verdeutlicht Thomas Bauer. Deswegen habe man gemeinsam mit der Denkmalschutzbehörde aufwendig geforscht, um das heutige Gelb zu finden, das manche vielleicht als zu grell empfinden. Aber der Bau-AG-Chef gibt zu bedenken, dass der Rundbau vor 100 Jahren noch ganz alleine gestanden habe – „da war der Effekt ein ganz anderer“.
Hermann Hussong soll ein großer Verehrer von Albrecht Dürer gewesen sein. Darum habe er den Rundbau in Form eines D und den Grünen Block, der 1926 in der Mannheimer Straße gebaut wurde, in Form eines A geplant, berichtet David Schleyer. Auch Thomas Bauer hat davon gehört und in alten Schriften gelesen, dass der Lauterer Stadtbaumeister so die Initialen seines großen Vorbilds verewigen wollte. Ob dem so ist, das weiß man nicht.
Die Serie
Es gibt sie noch, die schönen alten Häuser in Kaiserslautern. Sie haben nicht nur teils mehrere Kriege überstanden, sondern werden auch heute noch genutzt – sei als Wohnhäuser oder öffentlich zugängliche Gebäude. In unserer Serie „Neues Leben in alten Mauern“ haben wir uns die Türen öffnen lassen und werfen einen Blick in eine verwunschene, zum Teil geheimnisvolle Welt.