Wirtschaft
Handwerkskammer Pfalz: Erst Gartenschau, dann Berufsbildung
Dass ein Gelände, auf dem das Handwerk seine Zukunft sichern will, erst einmal einer Landesgartenschau dient, dürfte in Rheinland-Pfalz einmalig sein. Genau so wird es aber kommen. Denn jene drei Hektar, die die Handwerkskammer der Pfalz (HWK) in Neustadt erworben hat, werden zunächst von der Landesgartenschaugesellschaft Neustadt genutzt – erst als Lagerfläche wegen der notwendigen Baustellen und während der Großveranstaltung 2027 als „Überlauf-Parkplatz“.
Vereinbart wurde diese Zwischennutzung im Kaufvertrag, den Kammer und Stadt im vergangenen Mai abgeschlossen haben. Für 3,8 Millionen Euro aus Eigenmitteln wechselte das Gelände im Neustadter Osten seinen Besitzer, wie Kammerpräsident Dirk Fischer und Matthias Sopp, HWK-Geschäftsführer Zentrale Dienste, im Gespräch mit dieser Zeitung darlegen. Die Kammer plane langfristig, weshalb die Zwischennutzung kein Problem sei. Läuft alles ohne besondere Probleme, soll 2028/29 der symbolische Spatenstich für ihr neues Berufsbildungs- und Technologiezentrum (BTZ) gesetzt werden.
„Isoliertes Verfahren“
Je länger es dauert, desto mehr Geld kann die Kammer auch ansparen. Sopp zufolge handelt es sich bei dem Projekt „um ein isoliertes Verfahren“, das nicht aus dem laufenden Geschäft heraus bezahlt werde. Auch die jüngste Anhebung der Mitgliedsbeiträge habe nichts damit zu tun. Die Kammer rechnet mit Fördermitteln in Höhe von 65 Prozent von Bund und Land, der Rest soll aus Rücklagen sowie über Kredite finanziert werden. Aktuell beläuft sich die Kostenschätzung laut Sopp auf – alles inbegriffen – 93 Millionen Euro. Noch offen ist, wie hoch der Erlös aus dem Verkauf der Liegenschaften in Ludwigshafen und Landau sein wird, der den Eigenanteil der Kammer schmälern soll. Grob geschätzt, rechnet Sopp derzeit mit rund 30 Millionen Euro, die die Kammer am Ende selbst stemmen muss.
Für den Kammerpräsidenten, im Hauptberuf Tischlermeister mit eigener Firma in Neustadt, ist das geplante Zentrum eine wichtige Investition in die Zukunft. „Wir erhöhen unsere Nutzfläche nicht, sondern konsolidieren sie für die nächsten 50 Jahre, indem wir eine moderne Bildungsstätte errichten, die für junge Leute attraktiv ist“, so Fischer. Das sei auch ein Zeichen im Kampf gegen den Mangel an Nachwuchskräften.
Zwei Schließungen
Erhöht wird die Nutzfläche deshalb nicht, weil im Gegenzug die beiden sanierungsbedürftigen BTZ in Ludwigshafen und Landau geschlossen, die Liegenschaften verkauft werden. Moderner, da erst 2008 in Betrieb genommen, ist das BTZ in Kaiserslautern. Kritik an dem Neustadter Projekt kommt deshalb vor allem aus der Vorderpfalz. Dort befürchtet man unter anderem weitere Anfahrtswege oder auch, dass der Kammerbeitrag wegen des Projekts steigen könnte. Fischer verweist in diesem Zusammenhang auf die Einstimmigkeit, mit der die Vollversammlung hinter dem Vorhaben stehe – und dass die Pläne nicht blauäugig entworfen worden seien.
Damit bezieht sich der Kammerpräsident auf alles, was zuvor als Grundlage für öffentliche Fördermittel geschehen musste. Konkret handelt es sich um ein Gutachten durch das Bundesinstitut für Berufsbildung als Hauptfördergeber. Dieses bescheinigte der Kammer schon 2024, dass der Neubau eines Berufsbildungs- und Technologiezentrums am vorgesehenen Standort die wirtschaftlichste Variante und damit alternativlos sei. Im Umkehrschluss erteilte es der ersten Idee eine Absage, die Standorte Landau und Ludwigshafen zusammenzulegen, um Synergien zu schaffen und die Effizienz zu steigern. Eine Einschätzung der Situation, die der Landesrechnungshof im Februar 2025 mit den Worten „die richtige Lösung“ bestätigte.
Land steht dahinter
Dazwischen hatte das Großprojekt auch den rheinland-pfälzischen Landtag beschäftigt: Die CDU-Fraktion wollte Näheres wissen und wurde umfassend informiert. Unter anderem darüber, dass es für die Landesregierung angesichts von 55.000 Handwerksbetrieben, 266.000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von zuletzt 36 Milliarden Euro „von größter Bedeutung“ sei, dass die überbetrieblichen Berufsbildungsstätten „auf modernstem Stand sind“.
Voraussichtlich im ersten Quartal 2026 wird die Handwerkskammer Bietergespräche führen. Mehrere EU-weite Vergabeverfahren wurden zwischenzeitlich auf den Weg gebracht und nach Auswertung der eingereichten Teilnahmeunterlagen verschiedene Büros aufgefordert, ein Angebot abzugeben. Das betrifft die Projektsteuerung, die Architektenleistung, die Tragwerksplanung sowie die technische Ausrüstung.
Weitere Förderchance?
Bei den Ausschreibungen sei der Kammer nachhaltiges Bauen wichtig gewesen, sagt Präsident Fischer. Zum einen, weil das Handwerk mit gutem Beispiel vorangehen und eine Visitenkarte für sich abgeben müsse, Beispiel Energiewende. Zum anderen, weil Nachhaltigkeit nicht nur ökologisch sinnvoll sei, sondern eben auch die künftigen Betriebskosten im Zaum halten solle. Ein Problem ist aus seiner Sicht, dass der Gesetzgeber derzeit nur bauliche Standards fördere. Allerdings habe das Land nach ersten Gesprächen signalisiert, die Förderung einer nachhaltigen Bauweise „wohlwollend zu prüfen“. Vorstellen kann sich der Kammerpräsident beispielsweise eine alternative Planung, bei der vor allem auf Holz als CO2-Speicher gesetzt wird.
Inhaltlich soll sich das künftige Berufsbildungs- und Technologiezentrum wenig von seinen Vorgängern unterscheiden, das Rad also nicht neu erfunden werden. „Es ergänzt den Alltag im Betrieb durch theoretisches und praktisches Wissen in modernem Format, vermittelt also das volle Berufsbild.“ Auch Berufsorientierung werde weiterhin angeboten.
Kompetenzzentrum Holz
Neu sei hingegen das geplante Holzkompetenzzentrum, in dem alle Tischler und Zimmerer aus der Pfalz gemeinsam ausgebildet würden. Darüber hinaus soll es eine wichtige Rolle beim Wissenstransfer und der Qualifizierung der Aus- und Weiterbildung spielen. Dazu gehört, dass bereits bestehende Kooperationen fortgesetzt werden, wie mit dem Fachgebiet Tragwerk und Material an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern, wo kreislaufeffektive Holzbauweisen erforscht werden. Für das Holzkompetenzzentrum sprechen laut Fischer außerdem „stabile Ausbildungszahlen“.
Komplett neu ausgestattet wird das künftige BTZ indes nicht. Alles, was weiter genutzt werden kann, zum Beispiel Maschinen, wechselt nur den Standort. Gleiches gilt für die rund 60 Mitarbeitenden, die in Neustadt weiterbeschäftigt werden. Wie in Ludwigshafen und Landau soll es auch am Standort Neustadt eine Mensa geben, „am liebsten verpachtet“, so der Kammerpräsident. Offen sei hingegen, ob die Kammer selbst Übernachtungsmöglichkeiten schafft, die ab einer gewissen Anfahrtsweite notwendig sind. Das müsse man abwarten, so Fischer, vielleicht sei da auch etwas zusammen mit dem Weincampus des nahen Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum Rheinpfalz und der Stadt Neustadt möglich.