Kaiserslautern Goethe, Werther, Eisermann

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Ein Wormser als „Werther“. Die Spoken-Word-Performance zu Goethes Roman, die André Eisermann mit dem Pianisten Jakob Vinje bestreitet, ist der Klassiker dieses Sturm-und-Drang-Schauspielers aus Rheinhessen. Eine Rolle seines Lebens. Vereinzelt ist er damit immer wieder aufgetreten. Jetzt geht er mit „Werther reloaded“ erneut auf Goethe-Tour. Premiere ist am 8. April in Berlin. Zwei Tage später gastiert er in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen, am Samstag am Staatstheater Karlsruhe. Es gibt noch Karten. Ein Treffen vorab.

Lieber draußen. Für einen wie André Eisermann ist die Bar eines Mannheimer Viersterne-Hotels eine Nummer zu klein. Obwohl er selbst ja nicht gerade Gardemaß besitzt. Doch drinnen: zu wenig Resonanz für seine Theaterstimme. Kaum Platz für Körpereinsatz. Außerdem raucht der Schauspieler mit dem Naturburschengesicht wie ein Schlot. Die Vertreter-Typen in ihren Daniel-Hechter-Anzügen schauen leise genervt von ihren Laptops auf, als er erscheint wie auf Stichwort. Eisermann ist aus Düsseldorf angereist, seinem Wohnort neben Mallorca. Er stellt seinen Koffer ab. Jeans, Pullover, schwarze Jacke, Turnschuhe, seine Kleidung steht in Kontrast zu seiner sonstigen Verhaltensauffälligkeit. Die Terrasse soll es also sein. Er blickt sich um. Kaum Publikum. „Eine Tasse Kaffee“, bestellt er. Die wird umstandslos gebracht. Zu der Bedienung, er, Eisermann: „Haben Sie Feuer?“. Sie: „Nein“. Sie tritt ab. Kurz danach kommt die junge Frau mit Streichhölzern wieder. Sie schaut neutral. Er zündet sich eine an. Es ist offensichtlich: Die Kellnerin kennt André Eisermann nicht. Kennt ihn einfach nicht. Den Kino-„Kaspar Hauser“, Deutschen Filmpreisträger. Er scheint unirritiert darüber zu sein. Alles gut. Jemand, der – früher – und das erzählt er selbst, schon neben Tom Cruise gepinkelt hat, im doppelten Wortsinn. Der mit Jodie Foster Filmprojekte besprach. Und jetzt wird er als exzentrischer Kaffeekunde angesehen. André Eisermann, die Eltern Schausteller mit Wurfbude und Hau-den-Lukas, war mit Joseph Vilsmaiers Film „Schlafes Bruder“ aus dem Jahr 1995, in dem der damals 26-Jährige die Titelrolle spielte, für den Golden Globe nominiert. In Los Angeles. Dann muss etwas schief gelaufen sein, weil sich inzwischen selbst in Mannheim kaum jemand nach ihm umdreht, wenn er vorübergeht. Sein nächster großer Filmauftritt jedenfalls ließ 18 Jahre auf sich warten. Den Karl Hesselschwert spielte er in Peter Sehrs Historienfilm „Ludwig II.“, eine Nebenfigur, 2012. Hat er Fehler gemacht? André Eisermann spricht ziemlich offen darüber. Aber alles, was er dazu sagt, steht so auch schon in den Artikeln im Archiv. Ein paar überdrehte Interviews zu viel vielleicht, habe er zu seiner Hoch-Zeit gegeben. Einmal, sagt er, habe er, statt gleich einzuschlagen, ein Rollenangebot von Theater-Legende Peter Zadek eine Nacht lang abgewogen. Am nächsten Tag galt es dann nicht mehr. Außerdem wollte er statt Fernsehrollen lieber in Kinofilmen spielen. Die aber wurden nie gedreht. Und wenn doch, wie „Das Parfüm“ nach Süskinds Roman, bekam er die Hauptrolle nicht, obwohl er sich darum „sehr bemüht“ habe. Was soll er auch sagen? Er ist jetzt 47 Jahre alt. Die Karriere ist nicht optimal verlaufen. Er aber meint, er sei ganz froh, nicht mehr so berühmt zu sein wie zu „Kaspar-Hauser“-Zeiten. Jetzt, wo jeder sein Mobiltelefon mit Foto-App zückt. Mit Facebook und Twitter quasi alle öffentlich leben und nerven. Die Lesereporter ausschwärmen. André Eisermann sagt, er habe immer gemacht, was er wollte, samt Nachtleben und uneindeutiger Liebespräferenz für das männliche Geschlecht. Auch nicht neu ist, dass er für den Termin auf der Terrasse selbst in der Redaktion angerufen hat. Er ruft immer selbst an. „Eisermann“, rauchiger Bariton-Sound, „kennen Sie mich noch?“. Immer wird er, noch so eine Konstante, auch selbst angerufen, wenn er ein Interview führt. Einen Agenten hatte er noch nie. Auch vor 16 Jahren nicht, als er erstmals für eine Tour warb, die er jetzt im Begriff ist, zu wiederholen. „Werther ist besser als jedes Scheiß-Drehbuch“, sagt Eisermann zum Reporter über eine seiner Rollen seines Lebens. „Geiler Stoff“, sagt er über den Briefroman, den er aus seiner Sicht und in Episoden auch schon einem New Yorker Publikum vorgespielt hat. Dann mimt er gleich wieder den Kulturkonservativen, der einen Sprachverfall beklagt, und, dass Leute dafür berühmt sind, dass sie berühmt sind. Eigentlich spielt André Eisermann im wahren Leben eine widersprüchliche Figur seiner selbst. Richtig an ihn ran kommt man als Reporter natürlich nicht. Er verschanzt sich hinter Will-Quadflieg-Ratschlägen wie „Schauspielern heißt denken und atmen“ und auch hinter mutmachenden Bibelzitaten. Er sagt, „Goethe schützt dich wie Mozart“, und pflegt die Privatmythologie seines Aufstiegs vom allein gelassenen Schaustellerkind, das sich frühzeitig ein anderes Publikum als seine beschäftigten Eltern suchte. Er habe Jesus schon mit zwölf erzählt, dass er den Kaspar Hauser spielen wolle. Auf das Rollenfach des leicht genialischen Außenseiters ist dieser Mann auf dem Sprung wie auf Teufel komm′ raus abonniert. Und wie jeder gute Schauspieler kann er die Welt und alles, was der Fall ist, durchgängig mit den Worten anderer erklären. Seine eigenen braucht er gar nicht. Die Münchner Otto-Falckenberg-Schauspielschule war die erste Schule, die André Eisermann beendete. Nicht einmal einen Hauptschulabschluss hat er. Aber der – im herkömmlichen Sinn – Bildungsversager ist zu jeder Zeit fähig, in höchsten Originaltönen Bildungskanon zu sprechen. Werther voller Inbrunst sogar, mit Empathie. „Was die in der Schule erzählen, hat mit dem Roman doch nichts zu tun“, sagt er, schaut fragend. Von einem auf den anderen Moment wird er Werther. Er probt beim Reden und zwischen zwei Schluck Kaffee. Es scheint so und soll so scheinen, als könnte er fühlen und fühlen lassen, was Goethe nur aufgeschrieben hat. Die Vertreter schauen den in scheinbar irren Zungen redenden Mann auf der Terrasse wie einen Wahnsinnigen an. Der Reporter dagegen denkt zurück, wie das gewesen ist mit Goethe, Werther, Eisermann. Ja, so. Groß nämlich. Fast peinlich, wie die Schulstoffdistanz auf einmal schrumpfte, während Eisermann an einem Tisch saß, vor sich Papier, und als Werther um die Gunst einer Frau warb, die schon vergeben ist. Wie nah einem der tödlich liebeskranke Werther, der sich in gelben Hosen erschoss, doch damals ging. Dabei trug Eisermann bei seinem Auftritt Frack. Aufrecht stand das Publikum am Ende im Mannheimer Capitol. In Aufruhr recht eigentlich. Tobend wie bei einem Popkonzert. Die Hände wund. Schüler neben Lehrerin. Kann es wieder so werden, wenn Eisermann jetzt als mittelalter Mann den selbstzerstörerischen Furor spielt, den Goethe als junger Dichter erfunden hat? Eisermann sagt, der Text biete alles, was ein Schauspieler brauche und ihn begeistere. Ihn aufzuführen sei, wie eine Partitur zu lesen. Das Publikum sei selbst der Regisseur, bei jeder Aufführung neu. Er reagiere auf Reaktionen. Einiges von Werther – und von Goethe – verstehe auch er manchmal erst hinterher. Obwohl er sich seit Jahrzehnten mit dem Werk beschäftige, in dem einer nur glaubt, was er will, bis ihm die Realität dazwischenfährt. Und natürlich, ja doch, habe sich auch seine Sichtweise auf die Figur verändert während des eigenen realen Lebens. Er raucht. Sicher, denkt der Reporter, sind auch ihm, dem Träumerischen, Illusionen abhanden gekommen. Er sagt, Werther sei ja ein verlorener Fall. Das „im Gegensatz zu mir“, muss man sich mitdenken. „Nicht gut“ finde er zum Beispiel inzwischen, dass Werther sich zum Schluss des Romans einfach umbringt. „Nicht gut“, sagt Eisermann mit moralischem Unterton. Er habe lange darüber nachgedacht, was denn diese Selbsttötung für ihn, den Schauspieler, bedeute. Und während der Performance habe es sich dann für ihn herauskristallisiert. „Früher“, sagt er und haucht Rauch in die Luft, „habe ich Werther als Liebeskranken gespielt, heute als Sterbenskranken“. Dann muss er weg. Nach Worms. Noch kurz ausruhen. Die Mutter wartet. Er wird wie immer in seinem ehemaligen Kinderzimmer schlafen.

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