Kaiserslautern Gerhard Richter: 26 "Neue Bilder" in Köln zu sehen

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Er lebt hier seit mehr als drei Jahrzehnten mit Frau und Kindern. Der Malerstar ist Ehrenbürger von Köln. Was nun würde man erwarten in dieser Stadt, wenn so einer wie Gerhard Richter 85 Jahre alt wird? Jubelfeiern oder Empfänge? Dazu vielleicht eine große Retrospektive, die im Blick über das vergangene halbe Jahrhundert einmal mehr die großen Malertaten würdigt? Nichts von dem trifft zu. Richter verdrückte sich lieber. Aber er hat etwas dagelassen: 26 Bilder. Keine alten bekannten, sondern ganz neue, nie gesehene, allesamt aus dem Jahr 2016. Aber wie Alterswerke wirken sie kaum, eher experimentell.

Bis vor Kurzem hingen die großen Leinwände und kleineren Holztafeln noch bei ihm daheim im Atelier in Kölns noblem Stadtteil Hahnwald. Zur Geburtstagsschau schickt der Künstler sie als Leihgaben in sein „Heimatmuseum“, wie er das Museum Ludwig gern nennt. Eine echte Überraschung, denn geplant war dort bloß eine kleine Schau mit Werken aus dem hauseigenen Bestand. Mit seinen Zugaben hat Richter den Rückblick in einen Ausblick verwandelt und noch dazu selbst das Arrangement vorgegeben – im Modell mit Mini-Reproduktionen. Die Stücke aus dem Museumsfundus rückt der Künstler-Kurator dabei in seitliche Kabinette und hält die zentrale Galerie frei für die Neuigkeiten mit den Nummern 939-7 bis 948 des in aller Sorgfalt durchorganisierten Werkverzeichnisses. Die Nummer reicht, einen Titel trägt keines dieser Werke. Auf der mit Akribie gepflegten Homepage des Künstlers sind sie schlicht der seit den späten 70er Jahren dominierenden Kategorie der „Abstrakten Bilder“ zugeordnet. Und tatsächlich, das Prinzip scheint vertraut: Jenes fast räumliche Drunter und Drüber der Farbschichten. In zehn, 20, manchmal über 30 Lagen legt der Künstler solche Gemälde an. Dabei arbeitet er immer an mehreren Bildern gleichzeitig. Benutzt Pinsel, Spachtel, Rakel, um Farbe in unterschiedlichster Konsistenz aufzutragen, zu verwischen, abzukratzen, zu durchfurchen. Seit Kurzem benutzt er beim Schaben gelegentlich auch ein kleines Küchenmesser. Und noch etwas ist neu: Die teils strahlende Vielfarbigkeit und der kleinteilige Detailreichtum. Alles verdichtet sich, was manchmal fast chaotisch wirkt. Wohin zuerst schauen? Nach oben ins blaue Wellenspiel? Oder ganz nach rechts auf die dicke Farbwulst am Ende der roten Rakelspur? In die Tiefe, wo dünnes Grau und Rosé verschwimmen? Oder auf den Vordergrund, den ein Netz aus sattem Grün und Gelb definiert? Jedes Bild ist anders, und keinem genügt die flüchtige Geste. Zufall? Der ist durchaus im Spiel, Richter spricht von einem „nie blinden, immer geplanten, immer überraschenden Zufall“. Er hält ihn im Zaum. Der Kopf behält das Regiment, wenn der Maler sich seine „Abstrakten Bilder“ Schicht für Schicht erarbeitet. Zwar leuchten die Farben, zeugen von Temperament, trotzdem wirken diese Bilder niemals wild, ungestüm oder expressiv. Alles bewegt sich im Rahmen, den Richter setzt und auch bei den „Neuen Bildern“ nicht sprengt. Im Museum Ludwig freut man sich natürlich über die Ehre der Premiere. Richter hätte seine aktuellen Produktionen schließlich auch anderswo präsentieren können. In Dresden etwa, wo er am 9. Februar 1932 zu Welt kam, oder in einer seiner Galerien, die stets auf frische Ware warten. Doch kann auch der Künstler froh sein – zum Beispiel darüber, dass seine Neuigkeiten hier im Kölner Haus nicht für sich stehen, sondern auf prominente Grundlagen bauen können. Der Fundus bietet echte Ikonen und deckt unterschiedliche Facetten des für seinen Stilpluralismus bekannten Œuvres ab. Vor allem dank des Museumsstifters Peter Ludwig, der sich sehr früh für Richter begeistert und ihm die berühmte „Ema (Akt auf der Treppe)“ quasi von der Staffelei herunter abgekauft hat – es ist das erste Gemälde nach einem Farbfoto. Ludwig sah wohl in Richters Kunst nach Fotos eine deutsche Antwort auf die von ihm so geliebte amerikanische Pop-Art. Auch die „48 Porträts“ von Dichtern und Denkern, mit denen Richter bei der Venedig-Biennale 1972 seinen Durchbruch erlebte, erwarb Ludwig vom Fleck weg. Beide Werke erinnern nun in Köln an Richters großen Coup mit der unscharfen Foto-Malerei. Es war 1962, und der Künstler, 30 Jahre alt, kam soeben aus Dresden nach Düsseldorf, wo er ein zweites Studium an der Kunstakademie aufgenommen hatte und sich konfrontiert sah mit dem allenthalben ausgerufenen „Ende der Malerei“. Nicht irgendein Stil war damit gemeint, sondern erstmals in der Kunstgeschichte galt der Abgesang für die Gattung als Ganze. Und Richter stimmte ein: Die Malerei habe er satt gehabt, so erinnert er sich später. „Und ein Foto abzumalen, erschien mir das Blödsinnigste und Unkünstlerischste, was man machen konnte.“ Indem er erst abmalte und dann mit einem Wisch durch die nasse Farbe die Kopie verunklärte, hatte er sein Thema gefunden und spielt es bis heute in wechselnden Stilen durch. Egal ob er Fotos verwischt, Farbtafeln reiht, spiegelnde Scheiben stapelt – immer geht es ihm um die Wirklichkeit und die Möglichkeit ihrer Darstellung. Oder vielleicht besser: um die Zweifel an ihrer Darstellbarkeit. Die Gültigkeit des Abbilds steht zur Diskussion – sei es im Foto, in der Malerei oder im Spiegel. Ironisch berührt fühlt man sich vor einem Spiegel, den Richter auf Augenhöhe an die Stirnwand eines kleinen, schummerig beleuchteten Zwischenraums platziert. Vis-à-vis hängt ein kleines silbernes Kreuz, und an den Seiten sind doppelt belichtete Schwarzweißfotos, die den jungen Maler geistergleich im Atelier zeigen. Aus allen Ecken dieser Inszenierung lässt Richter es ertönen, sein schelmisches memento mori. Die „Neuen Bilder“ des 85-Jährigen halten dagegen – lustvoll, leuchtend, lebendig, voll Optimismus. Die Ausstellung „Gerhard Richter. Neue Bilder“ im Museum Ludwig, Köln; bis 1. Mai 2017; www.museum-ludwig.de

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