Kaiserslautern
Genie mit lustiger Frisur: Gedanken über Beethoven
Der neue Generalmusikdirektor des Pfalztheaters, Daniele Squeo, spricht von einer „sehr engen Beziehung“ zum genialischen Wiener aus dem Rheinland. „Als Jugendlicher habe ich im Chor die ,Missa solemnis’ gesungen“, berichtet er. Außerdem schätzt er Beethovens Kammermusik: „Er hat neue Formen und eine neue musikalische Sprache entwickelt, die er später auch in seinen Sinfonien verwendete.“ Anfang Oktober dirigierte der 35-Jährige bei seinem Lauterer Antrittskonzert Passagen aus Beethovens zweiter und fünfter Sinfonie. Squeo ist sicher, dass „ ihn jeder Mensch auf diesem Planeten kennt, sofern er sich für Kultur interessiert“. Sein Werk sei „ewig und universell“.
Das sieht die Pianistin Sachiko Furuhata nicht anders. Für sie ist der Meister mit der Mähne „der größte Komponist weltweit und für alle Zeit“. Immerhin sei sein Werk auf jenem Datenträger enthalten, der 1977 von der Nasa ins Weltall geschossen wurde, um Außerirdischen ein Zeugnis der menschlichen Kultur zu geben. „Insofern ist er der bedeutendste Komponist des Universums“, sagt die Klaviervirtuosin. Da er trotz Schwerhörigkeit weiter am Dirigentenpult stand, sei er ein Vorbild „für alle Musiker, denen sein Jubiläumsjahr eine so schwierige Krise gebracht“ hat. Eins seiner „unglaublich tollen Stücke“ will die 45-Jährige am kommenden Freitag in der Fruchthalle anstimmen.
Melancholie und Hoffnung
Rockmusiker Andy Kuntz findet es „bemerkenswert, dass er trotz seiner fortschreitenden Gehörlosigkeit so großartige Werke komponieren konnte“. Im Übrigen verbindet er mit Beethoven vor allem dessen neunte Sinfonie. „Ich bewundere die machtvolle und doch sehr lyrische Art dieser Komposition“, sagt der 1962 geborene „Vanden-Plas“-Sänger und Bühnenlibrettist. „Sie bildet auf ganz andere und natürlich virtuosere Weise auch ein bisschen die Seele unserer Kompositionen ab.“ Das Opus stecke „irgendwie voller Melancholie und doch auch so viel Mut und Hoffnung“, „als ob sie darum ringt, Chaos, Trauer und Verzweiflung immer etwas Positives abzugewinnen“.
„Beethoven hat trotz des Verlustes seines Gehörs Meisterwerke geschrieben und das hat mich immer inspiriert“, sagt die in Olsbrücken aufgewachsene Popsängerin Laura Kloos, die als Texterin und Komponistin mit der Goldenen Schallplatte ausgezeichnet wurde. „Wir können in unseren Köpfen wundervoll kreative Welten erschaffen, ohne dass wir unsere Sinne nutzen müssen“, findet das 30 Jahre alte Multitalent. „Das ist das Magische an der Kunst.“ Für sie können uns Beethoven-Klänge „in seine Welt entführen und uns das Gefühl geben, dass wir ihn kennen“. Er habe „Melodien komponiert, die ewig bleiben“, denn „er war ein absoluter Popstar der Klassik“.
„Ta-ta-ta-taa“
Rock- und Bluessänger Stephan Flesch beantwortet die RHEINPFALZ-Anfrage mit dem ersten Takt von Beethovens fünfter Sinfonie: „Ta-ta-ta-taa“, schmettert der 59-jährige ins Telefon - und ergänzt zwei Stichworte: „Taub, lustige Frisur.“ Sein Publikum dürfte die soulige Flesch-Version des Schlusschors aus der „Neunten“ im Ohr haben, also die viel strapazierte „Ode an die Freude“. „Die singe und spiele ich sehr gern bei meinen Akustikkonzerten“, sagt der stimmgewaltige Lokalmatador, der dieser Tage eine neue CD veröffentlicht. Auch er gibt demnächst ein „Livestream“-Konzert in der Fruchthalle.
„Alles von Beethoven ist grandios“, stellt Maximilian Rajczyk fest. Der 28-jährige Kantor der katholischen Lauterer Marienkirche schätzt vor allem die späten Streichquartette und Messen: „Jeder einzelne Satz seiner Sinfonien hat eine ungeheuere Dramatik, die uns lehrt, Neues zu wagen und Krisen zu überwinden.“ Aus diesem Grund ragt für ihn kein einzelnes Werk aus Beethovens Schaffen heraus: „Ich habe keine spezielle Erinnerung, Beethoven war immer da und ist immer gegenwärtig.“
Seine Kollegin in der evangelischen Stiftskirche, Beate Stinski-Bergmann, sieht in dem Komponisten einen „großen Visionär und Wegbereiter einer neuen Epoche“ zwischen Klassik und Romantik. „Er war ein Genie, aber anders als Haydn oder Mozart“, sagt die 50 Jahre alte Kantorin. „Er hat sich mit jedem einzelnen Werk gequält, um jede Note, jeden Takt gerungen.“ Seine Kompositionen für Chöre seien „unfassbar schwere Werke“, deren Aufführung „in ihrer Expressivität und Komplexität die Sängerinnen an die Grenzen des Machbaren“ führten. Hinter dem Gesamtwerk stehe „ein sehr leidenschaftlicher Mensch, der selbst nie die große Liebe gefunden hat“.
Poster-Boy und Revoluzzer
Da hatte der umtriebige Chor-Impresario Andy Dodt mehr Glück. „Als ich meine Frau kennen gelernt habe, wohnte sie in der Beethovenstraße von Wehen im Taunus“, erinnert sich der 74-jährige Dirigent, Arrangeur, Instrumental- und Vokalmusiker. „Meine Mutter hat daheim immer ,Für Elise’ auf dem Klavier gespielt.“ Die aus der neunten Sinfonie entnommene Europa-Hymne ist ihm zeitlebens immer wieder begegnet, „weil sie bei Verschwisterungen von Musikschulen rauf und unter gespielt wird“. Dodt schätzt die „Eroica“-Sinfonie, im Übrigen war der Ton-Titan für ihn „ein Revoluzzer, der uns im Studium von der Wiener Klassik erlöst hat“.
Kirchenmusiker Helmut Freitag erwähnt zunächst Beethovens Image als Plakatmotiv. „Ich hatte als Jugendlicher ein Pop-Poster von ihm im Zimmer hängen“, erinnert sich der 60-jährige Pianist und Professor. Die Energie des Beethoven’schen Schaffens „lässt mich nicht mehr los“, seit er als Junge seiner Schwester beim Üben einer Sonate zuhörte. Dieses Opus 2 Nr. 1 in f-Moll wollte er „unbedingt gut nachmachen“ - und schätzt die „kleine Appassionata“ bis heute: „Im ersten Satz sind Akkorde zu hören, die gegen den Strich gebürstet sind und wie ein moderner Off-Beat klingen.“
Der Hornist und Universitätsprofessor Peter Arnold spielt die Werke des Klassik-Titanen ebenfalls seit den Anfängen seiner Karriere. Ein Septett für Klarinette, Fagott, Horn und Streichquartett habe ihn „mein Leben lang begleitet“, sagt der 1952 geborene Vollblutmusiker. Das Sextett für zwei Hörner und Streichquartett spielte er schon mit seinem nicht minder berühmten Vater Karl Arnold: „Das ist ein wunderbares Werk der Kammermusik, ein absolut traumhaftes Stück.“ Diese beiden Kompositionen hat er zudem auf CD eingespielt.
Der Leiter des Lauterer Kulturreferats, Christoph Dammann, hat während seiner Zeit als Intendant der Oper Köln den „Fidelio“ aufgeführt, Beethovens einzigen Beitrag zum Musiktheater. Regisseur der Inszenierung 2004 war Christian Stückl, der von den Oberammergauer Passionsspielen kommt und seither in München, Zürich, Wien und Salzburg inszeniert. In Kaiserslautern hat Dammann die Saison 2017/18 ganz auf Beethoven ausgerichtet. „Damals hatten wir in unseren Sinfonie- und Kammerkonzerten einen Beethoven-Schwerpunkt“, berichtet der 56-jährige Kulturmanager, der selbst eine Sängerlaufbahn durchlaufen hat. Unter anderem erklangen alle neun Sinfonien des Meisters in der Fruchthalle.