Kaiserslautern
GEMA-Gebühren: Belastung für Veranstalter
Wir erinnern uns: Der Wurstmarkt fand 2023 erstmals ohne die Stimmungskanonen der „Mackenbacher“ statt, die in Quintettbesetzung dort traditionell zur Unterhaltung aufspielen. Der Grund: Bad Dürkheim erhielt zuvor für die neue GEMA-Berechnung eine Rechnung von über 55.000 Euro, weil nicht mehr nur der bespielte Platz, sondern das ganze Areal flächenmäßig zur Berechnung herangezogen wurde.
Eine Entscheidung mit weitreichenden wirtschaftlichen Konsequenzen und doch nach unserer Umfrage noch nicht überall angekommen. Matthias Thomas von der Pressestelle der Stadt Kaiserslautern antwortet auf Anfrage, dass man hinsichtlich Altstadtfest oder Weihnachtsmarkt (mit Musik zur Einspielung von Trägern und Live) noch auf nähere Informationen warte. Landstuhls Stadtbürgermeister Ralf Hersina antwortet, dass man keine Änderungen geplant habe und auch keine gravierenden Änderungen (auch bei der Reihe „Summer in the city“) erwarte.
Neue Berechnungsmethode
Unter den kontaktierten Verantwortlichen für die Organisation von Musik- oder Konzertveranstaltungen erwies sich vor allem Andreas Guhmann als Geschäftsführer des Congress Centers Ramstein als gut informierter, kompetenter Ansprechpartner. Für die Innenveranstaltungen gebe es keine Änderungen in der Berechnung der GEMA-Gebühren, außen bei den inzwischen klassischen Ramsteiner Sommernächten auch keine: Weil ohnehin bislang der komplette Platz vorm Congress Center als Veranstaltungsfläche angegeben wurde – und sei auch so beim Ordnungsamt beantragt. Wer allerdings bislang nur das Areal um die Bühne herum angegeben hatte und jetzt nach dem ganzen Platz (mit Sicht auf die Bühne und entsprechender Beschallung) bewertet wird, kann unter Umständen – so Guhmann – erhebliche Mehrkosten in Rechnung gestellt bekommen. Da sind Guhmann Fälle von Vereinen bekannt, die deswegen Veranstaltungen mit Live-Musik oder Musikbeschallung von Tonträgern absagten.
„Es sind eigentlich keine neuen Tarife, sondern eine andere, erweiterte Art der Platzberechnung und vor allem verstärkte Kontrollen“, berichtet Guhmann. Die Auswirkungen sieht er gravierend bei Weihnachtsmarkt, Dürkheimer Wurstmarkt und Dorffesten mit Live-Musik, wenn jetzt größere Areale zur GEMA-Berechnung herangezogen werden. Er nennt Beispiele von rund 1000 Euro täglich an Kosten bei Weihnachtsmärkten und fragt sich, ob dies für die Künstler dann förderlich ist, wenn auf Live-Musik zum Teil verzichtet wird. Gleichwohl werde auch unterschieden zwischen Musiknutzung im Sinne von Beschallung durch Lautsprecher und Live-Musik, etwa bei Weihnachtsmärkten.
„Nach der Corona-Delle nun das“, so kommentiert der Vorsitzende des Kreismusikverbandes Westpfalz, Beisitzer im Präsidium des Landesmusikverbandes Rheinland-Pfalz und in Personalunion Vorsitzende und Vizedirigent des Kolpingblasorchesters Kaiserslautern, Andreas Vicinus, die neuesten GEMA-Verordnungen. Die Coronadelle bezieht sich auf die Einbrüche bei den landesweiten Zahlen der Aktiven zwischen 10 und 18 Jahren infolge der Pandemie. Vicinus weiß um die existenzielle Notwendigkeit von werbenden Veranstaltungen, die pädagogische, öffentlichkeitswirksame und auch wirtschaftliche Aspekte bei Kulturträgern verfolgen. Vicinus appelliert, nicht gleich die „Flinte ins Korn zu werfen!“ Man solle über die Portale und den Landesmusikverband den Dialog suchen und die Situation des Vereins und die lokalen Gegebenheiten berücksichtigen, um einen Konsens zu erzielen. Es betreffe auch die 42 Vereine im Kreisverband nur, wenn sie selbst Veranstalter sind. Allerdings seien die Kirchen nicht mehr – wie zuvor – über eine Pauschalregelung entlastet, sondern ebenfalls für jede außergottesdienstliche Veranstaltung nun GEMA-pfichtig, gibt der Vorsitzende zu bedenken. Insgesamt ist dort, wie auch bei den Vereinen, wieder ehrenamtliches Engagement zusätzlich belastet. Bei Konzerten des Kolpingblasorchesters in geschlossenen Räumen fallen je nach Programm etwa 80 Euro Gebühren an, bei Außenveranstaltungen eventuell hohe Gebühren: Etwa, wenn bei Volksparkkonzerten nicht das bestuhlte Areal um die Bühne, sondern weite Flächen herangezogen werden.
Ausführende brechen weg
Bei der Jahreshauptversammlung des Kreismusikverbandes und auch beim Landesmusikverband wurde es bereits thematisiert, weil zu befürchten sei, so Vicinus, dass bei weniger Veranstaltungen die Musikausführenden aller Genres wegbrechen und somit weder den Musikproduzierenden noch der GEMA ein Gefallen getan ist. Um diese Gefahr der Verteuerung zu umgehen, hat das Kolpingblasorchester beim Weihnachtsmarkt Kaiserslautern zuletzt nur selbst arrangierte und GEMA-freie Weihnachtslieder gespielt, was in der Sichtung und Bearbeitung mit erhöhtem Aufwand verbunden war.
Wir fragten auch bei Bernd Jörg, Dirigent der Kolpingkapelle Kindsbach und ehemaliger Kreisdirigent sowie Leiter von vielen regionalen Formationen wie Blech pur, nach. Demnach haben aufgrund der unklaren neuen Rechtslage mit erweiterter Platzberechnung von Außenveranstaltungen die Verantwortlichen und Organisatoren des Kindsbacher Weihnachtsmarktes im letzten Jahr auf eine Bespielung mit Weihnachtsmusik aus Tonträgern verzichtet.
Wird genau nach den Noten gespielt?
Bei der Veranstaltung der „Kindsbacher Wies’n“ wurde erstmals Eintritt verlangt, um die Kosten zu decken. Dadurch habe sich dann die GEMA-Gebühr erhöht, berichtet Jörg erbost. Dagegen sei dann eine Lösung mit Eintritt und Verzehrbon wieder begünstigter. „Man kann die Regelungen nicht immer nachvollziehen“, beklagt er weiter und sieht auch Grenzbereiche für die GEMA-Pflicht. Werke von Komponisten, die vor mehr als 70 Jahren verstorben sind, werden nicht berücksichtigt. Allerdings wieder dann, wenn deren Herausgeber oder Arrangeur noch lebt. Jörg gibt zu bedenken, dass in Genres wie Jazz und Pop aber kaum jemand genau nach diesen Noten spielt und spontan kreativ eigene Fassungen verwendet oder frei gestaltet. „Wo sind die Grenzen und vor allem: Wo bleibt da die künstlerische Freiheit des Interpreten? Und: Wer von den Kontrolleuren ist kompetent genug, diese wechselnden Fassungen zu unterscheiden?“ Hinsichtlich Planungssicherheit bedauert Jörg, dass früher Gebühren vorab bekannt waren und somit die Ausgaben für die kostendeckenden Einnahmen herangezogen werden konnten. Das sei jetzt nicht mehr der Fall und so käme manchmal nach Veranstaltungen das „böse Erwachen“. Ein weiteres Problem sieht er in der Umstellung auf digitale Dateneingabe und Erfassung, was nicht jeder ehrenamtliche Vereinsvorsitzende leisten könne.
Patrick Schwehm, engagierter Musiker bei der NATO, den örtlichen Vereinen und in vielen Bands macht für seine Heimatgemeinde Rodenbach nach seinem Kenntnisstand bewusst, dass der Gesangverein und Musikverein auf die Einnahmen von Wasserhauser Kerwe und Waldfest angewiesen sind. Mit Mitgliederbeiträgen und Konzerteinnahmen allein seien die Dirigenten nicht mehr zu finanzieren. Daher sei geplant in dieser existenziellen Frage den Ortsbürgermeister zu kontaktieren.
Info:
In der GEMA- (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte) haben sich Komponisten und Dichter sowie Verleger zusammengeschlossen. Die Gesellschaft vertritt die Urheberrechte und die Rechte der Mitglieder auf Vergütung für den Fall, dass deren Werke öffentlich genutzt oder vervielfältigt werden.