Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Gartenstadt Bahnheim existiert seit 110 Jahren

Das Zentrum des Bahnheims: der Carl-David-Hofmann-Platz im Jahr 1929.
Das Zentrum des Bahnheims: der Carl-David-Hofmann-Platz im Jahr 1929.

Die „Baugenossenschaft für das Verkehrspersonal Kaiserslautern“ wurde am 28. August 1910 gegründet. Das in „Baugenossenschaft Bahnheim eG“ umbenannte Unternehmen besitzt in der Straße „Bahnheim“ 76 Gebäude mit 367 Wohnungen. Der Gesamtbesitz besteht aus 904 Wohnungen, Streubesitz in der Stadt Kaiserslautern und Wohneinheiten in Rodenbach, Ramstein, Mainz und Wiesbaden.

Die 40 Gründungsmitglieder der 1910 gegründeten Genossenschaft sind bei der Reichsbahn beschäftigt. Der Erste Weltkrieg kommt dazwischen, Baubeginn des ersten Wohnhauses in der Nähe des damaligen Reichsbahn-Ausbesserungswerks (RAW) ist im Juli 1920, vor 100 Jahren. Die Bahn war in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts größter Arbeitgeber in Kaiserslautern. Das RAW war Hauptarbeitgeber der Genossenschaftsmitglieder. Das Siedlungsgebiet ist etwa acht Hektar groß. Auf der Nordseite der Pariser Straße entsteht nach und nach ein Wohnquartier „in halboffener Bauweise“, wie in der Planbeschreibung steht. Bis 1928 gibt es zwei weitere Bauabschnitte „in geschlossener Bauweise“.

Gute Anbindung

Nach dem Ersten Weltkrieg beginnt die umfangreiche Bautätigkeit im Bahnheimbereich, um den Arbeitern des neuen RAW Wohnungen in unmittelbarer Nähe des Arbeitsplatzes zu schaffen. Es sollte ihnen erspart bleiben, die damals schlechten öffentlichen Verkehrsverbindungen nutzen zu müssen, oder, was üblich war, mit dem Fahrrad über längere Strecken die Arbeitsstelle zu erreichen. Die aktuellen Verkehrsverbindungen des Bahnheims könnten nicht besser sein: Auf der Südseite des Bahnheims verläuft die Pariser Straße, die vom Öffentlichen Personennahverkehr bedient wird, und es sind gerade mal einhundert Meter vom Carl-David-Hofmann-Platz bis zur S-Bahn-Haltestelle Kennelgarten. Das ist die Linie 1 der S-Bahn Rhein-Neckar.

Im Zweiten Weltkrieg wurden 17 Häuser vollkommen zerstört und 109 Wohnungen wurden erheblich beschädigt. Der Wiederaufbau ist 1951 abgeschlossen. Die Nähe des wiederholt bombardierten Ausbesserungswerks verursachte die hohen Schäden. Nach dem Krieg, in den 1950er Jahren, kommen mit den Flüchtlings- und Vertriebenenwellen auch zahlreiche Eisenbahner „aus dem Osten“ nach Kaiserslautern. Die Bahnheimer engagieren sich bei der Eingliederung. Das war, wie aus der Jubiläumsbroschüre aus dem Jahr 2010 hervorgeht, Anlass für die Baugenossenschaft, das Siedlungsgebiet auszuweiten und Neubauten zu errichten. Nach Auskunft der Genossenschaft sind die Wohnungen heute in den freien Wohnungsmarkt integriert.

Areal steht unter Denkmalschutz

Das Bahnheim ist Denkmalzone. Die von 1920 bis 1928 gebaute und in den 1950er Jahren erweiterte Siedlung steht seit 1948 mit dem Namen „Bahnheim“ im Straßenverzeichnis. Im Sprachgebrauch gab es das Bahnheim schon seit Jahrzehnten. Auch „Kennelgarten“, nach der dortigen Flurbezeichnung, war in Gebrauch. Der Flurname Kennelgarten geht auf Peter Kennel zurück, ein Wolfsjäger aus dem 18. Jahrhundert, der dort einen Garten besaß. Die Bezeichnungen der Siedlung variierten. Auf dem Stadtplan von 1922 ist der heutige Siedlungsbereich Bahnheim als „Siedlung Belzappel“ verzeichnet. Dieser Name wird auch noch im Stadtplan von 1935 verwendet. Es gibt einen Stadtplan, den sich die Amerikaner (654 Engrs.) 1944 (!) – auf welche Art und zu welchem Zweck auch immer – beschafft haben. In diesem Plan sind die wichtigsten Gebäude der Stadt markiert und der heutige Bereich Bahnheim ist als „Kennelgarten“ eingetragen.

Brunnen stammt aus dem Jahr 1930

Der Carl-David-Hofmann-Platz ist eine Freifläche mit Bänken und einem Springbrunnen mit Umwälzpumpe. Die Baugenossenschaft Bahnheim hat den Brunnen im Jahr 1930 aus Anlass des 20-jährigen Bestehens der Genossenschaft gestiftet. Die Siedlung fügt sich sichelförmig um diesen Platz. Auf dem „Lageplan der Wohnungskolonie Bahnheim Kaiserslautern“ aus dem Jahr 1915 ist der Platz bereits eingezeichnet und möglicherweise als Kommunikationszentrum gedacht. Carl David Hofmann war von 1922 bis 1934 Geschäftsführer und 1. Vorstand der Genossenschaft. Carl-David-Hofmann-Platz ist kein offizieller Name. Der Platz steht nicht im aktuellen Straßenverzeichnis.

Die Siedlung Bahnheim ist nach der Gartenstadt-Idee gebaut, wie aus der Broschüre „Kaiserslauterns Gartenstadt Bahnheim“ hervorgeht. Neben den Mietergärten gibt es großflächige Grünanlagen zwischen der Bahnlinie und der Pariser Straße. Die Gartenstadtbewegung ist in den 1920er Jahren eine städtebauliche Reformbewegung, ein Versuch, der Industrialisierung etwas entgegenzusetzen. In Eigenhilfe und Solidargemeinschaft bauen die Lauterer Eisenbahner ihre Siedlung. Die Finanzierung übernehmen die Reichsbahn, die Stadt und die Baugenossenschaft Bahnheim. Die Siedleridee im Bahnheim ist nicht mit dem Ziel der teilweisen Selbstversorgung entstanden wie beispielsweise die Siedlungen Grübentälchen und Lothringer Dell. Im Bahnheim zählt in den 1920er Jahren nur der Wohnungsbau in der Nähe des Arbeitsplatzes. Die großzügigen Garten- und Grünflächen sind von der Planung her nicht für Kleinviehhaltung vorgesehen. Aber welcher Eisenbahner hätte damals nicht Hühner, Ziegen oder Hasen gehalten?

Das Wohngebiet Bahnheim muss am 18. April 1923 auf Anordnung der französischen Besatzung innerhalb von 24 Stunden geräumt werden. Die Eisenbahner hatten wegen allzu starker Einflussnahme der Franzosen auf den Eisenbahnbetrieb und wegen der Lohnpolitik die Arbeit niedergelegt. Der Eisenbahnverkehr bricht völlig zusammen. Der größte Teil der Familien wird in Schulsälen der Kottenschule untergebracht. In einem emotionalen Beitrag berichtet die Pfälzische Presse am 19. April 1923 wie die Bahnheimer in einer „kleinen Völkerwanderung“ mit Hab und Gut auf Handkarren, mit Hühnern und Ziegen, „ins Asyl“ in die Kottenschule gezogen sind. Nachdem es im Umfeld der Schule kaum Möglichkeiten gab, Futter für die Tiere zu bekommen und sie artgerecht zu halten, seien die Eisenbahner gezwungen gewesen, die Kleintiere und „bedauernswerterweise auch die Ziegen“ zu veräußern. „Und als die letzten Schatten sich niedersenkten, war es in der Eisenbahner-Siedlung still und einsam geworden“, schließt der Zeitungsbeitrag. Reichskanzler Gustav Stresemann beendet am 26. September 1923 den passiven Widerstand, die Bahnheimer können wieder in ihre Siedlung.

Der Carl-David-Hofmann-Platz mit dem Brunnen aus dem Jahr 1930 heute.
Der Carl-David-Hofmann-Platz mit dem Brunnen aus dem Jahr 1930 heute.
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