Kaiserslautern Ganz lacht

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Sonntagabend, der Platz vor dem Staatstheater ein bühnenreifes Pflaster. Abend. Da der Mond aufgehängt. Da steht der Dom. Scheinwerferlicht gleißt in den Himmel über Mainz. Nebel. Politiker-Limos parken demonstrativ. Der rote Teppich liegt aber schon auch für Hinz und Kunz aus. Vor allem für Ganz. Bruno Ganz, Großschauspieler, dieser kleine, große, sehr deutsche Schweizer Melancholiker mit den großen Augen, dem Stirnrelief, der Oberlippenfurche, dem unweichen Mund, Zauselresthaar, der jetzt – umringt – das Haus betritt. Der Preisträger, der in dieser kalten Nacht die Zuckmayer-Medaille erhält. Die Medaille hat der Trippstadter Otto Kallenbach kreiert. Die 30 Liter Wein stammen aus Nackenheim. Eine Landesauszeichnung, verliehen „für Verdienste um die deutsche Sprache und um das künstlerische Wort“. Und wie verdient, auch wenn Bruno Ganz mit Carl Zuckmayer als Schauspieler bisher so viel zu tun hatte wie sein Wohnsitz Venedig mit Mainz. Aber Sprache und was sie kann, drückt Ganz mit seiner Seelenfänger-Stimme und schweizerischem „A“ wie kaum ein Zweiter aus. Also warten 1000 Gäste, Ex-Geehrte wie der Filmregisseur Volker Schlöndorff, ein Chemie-Nobelpreisträger, Landes-Prominenz, Konsulatsdelegierte, um ihm, den ein fast durchsichtiger Flor der Einsamkeit umgibt, auch jetzt wieder, als er das Theater mit großen Schritten betritt, ihn, den vielfach Ausgezeichneten, zu feiern, ihm auch noch diese Ehre zu erweisen. Es läuft ein Zusammenschnitt seiner Filme auf der Großleinwand der Bühne, später noch ein ganz wunderbares Gesprächsporträt von ihm, wie ein Maskenbildner an ihm herumzupft und er, Ganz, über seine Rolle als Adolf Hitler in dem Film „Untergang“ philosophiert. Da steht Ministerpräsidentin Malu Dreyer, die, wie sich herausstellt, heute eher als Maria Luise gekommen ist, ernst und ernsthaft vorbereitet, dem Laureaten zugewandt. Manchmal lächelt sie leise. Es ist ja in der Vergangenheit so gewesen, dass ihr Vorgänger im Amt noch jede Verleihungszeremonie mit Willkommensgruß-Epen zum Unterbezirkstag sozialdemokratisierte. Malu Dreyer hält die Honneurs kurz und die Ansprache an Ganz genau im richtigen bürgerlichen Rahmen. Das kann sie. Das kann sie also auch. Der Name des französischen Filmregisseurs Eric Rohmer kommt ihr weltläufig über die Lippen. Kurz streift Malu Dreyer den Werdegang ihres Preisträgers. Wie sonst auch, Ganz, der Iffland-Preisträger, der beste, würdigste Schauspieler von allen, hat von Tasso bis Faust, von Hamlet bis Homburg, von Prometheus bis Ödipus noch jede wesentliche Bühnenfigur mit seinem meisterhaften Minimalismus und unsentimentalen Sentiment verkörpert. Außerdem hat er in über 100 Filmen mitgespielt. Und immer ein wenig so, als sei er im Theater. Fazit: Ganz, ganz großer Mann. Malu, „Maria Luise“, Dreyer legt den Anhängern von Pegida noch pflichtschuldig die Zuckmayer-Lektüre ans Herz. Auf tritt dann Klaus Völker, ein Dramaturg, Publizist, Ex-Professor, Bruno Ganz seit Jahr und Tag verbunden. Leider kann der Mann nicht aus seiner Theater-Historiker-Haut heraus. Durchgestanden und mit den Füßen weggewippt muss seine Vorlesung werden, über Iffland, Fritz Kortners Frau, eine Aufführung aus dem Jahr 1934, gemeinsame Bremer Jahre. Trotzdem dankt man stilsicher mit Applaus. Und was sagt Ganz, dieser stoische Komiker, als er jetzt die Bühne betritt: „Klaus, was für ein Theater-liebendes Archiv du doch bist.“ Ganz großer Ganz. Mehrmals muss der 1941 geborene Sohn eines Schweizer Industriearbeiters und einer Italienerin für uns und in sich hinein lachen während seiner kurzen Ansprache. Lachender Ganz. Er sei verwundert über sich, und darüber, was die Leute bei Anlässen wie diesem über ihn sagten. Vielleicht sei er doch ganz gut, in dem, was er tue, sagt er. Ganz Ganz in diesem Moment. Er sagt, er stehe, so als Geehrter, etwas neben sich. Was für ein hintergründiger Darsteller sogar seiner selbst er doch ist. Entweder hat er von diesem Abend das Schlimmste oder das Beste erwartet. Jedenfalls liest er, statt einer Rede, aus Franz Bernhards Buch „Meine Preise“ die Geschichte einer sehr lustig missratenen Preisverleihung vor. Und er kommt auf den Nackenheimer Wein zu sprechen, der doch auch ein heikles Geschenk darstellt für einen trockenen Alkoholiker wie ihn. Ganz lockerer Ganz. Lachen muss er, sagt, er werde daran riechen. Er habe Riesling, auch diesen – früher – sehr gemocht. Und sehr viel, zu viel davon getrunken. Dann geht er ab. Groß-Applaus brandet auf. Eine schöne Nacht, Mainz!

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