Kaiserslautern Galante Melodien und dramatische Momente

Das letzte Ensemblekonzert der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern (DRP) dieser Veranstaltungssaison war einer Bläsergattung, einer kurzen Zeitspanne (zwischen 1773 und 1807) und auch noch einer einzigen Tonart gewidmet. Klingt minimalistisch und verlief doch spannend, weil sich die Kammermusik um 1800 zwischen Mannheimer Schule, Wiener Klassik und der Aufbruchstimmung der Frühromantik stilistisch wie kompositorisch rasch wandelte.
Zur Aufführung gelangten am Sonntagnachmittag im SWR-Studio Bläserquartette in der Besetzung aus Oboe (Veit Stolzenberger), Klarinette (Stefan Zillmann) sowie Waldhorn (Benoit Gausse) und Fagott (Zeynep Köylüoglu), teilweise durch Klavier (Randolf Stöck) verstärkt. Das Quartett von Carl Stamitz aus der zweiten Generation der Mannheimer Schule griff vieles an stilistischen Strömungen seiner zwischen Spätbarock und Klassik stehenden Zeit auf – galante, sangliche Melodik sowie den heiter unbeschwerten Serenadenton der Ecksätze. Als bekennender Virtuose quer durch Europa auf verschiedenen Streichinstrumenten wie Violine, Viola und Viola d’ amore ließ Stamitz auch entsprechende Spielfreude im ausklingenden Rondo durchschimmern. Ebenfalls in Es-Dur stehen die Kompositionen von Mozart und Friedrich Witt, wobei in der Musikgeschichte Musiktheoretiker und Komponisten zu den Tonarten unterschiedliche Auffassungen entwickelten: Für die Befürworter stehen sie in einer bestimmten Tradition, die bei Es-Dur mit Mozarts 39. und Beethovens 3. Sinfonie und dem Hornkonzert von Strauss assoziiert wird und die für musikdramatische Wirkungen außergewöhnlicher Art steht. Es sei nicht verschwiegen, dass Skeptiker die im Transponieren durch alle Dur- und Molltonarten lediglich semantisch und harmonisch im Durchlauf des Quintenzirkels von theoretischer Bedeutung sehen. In jedem Fall betonte es am Sonntag im SWR-Studio die Gemeinsamkeit der drei Kompositionen – mit und ohne Klavier. Dennoch wurde mit dem Quintett von Friedrich Witt die eigentliche Wiederentdeckung präsentiert. Im gleichen Jahr wie Beethoven geboren, verstärkt sein Quintett neben der verwendeten Tonart auch die geistige Verwandtschaft in einer ungewöhnlich farbigen, dramatisch bewegten und stürmisch drängenden Tonsprache. Übrigens hat auch Beethovens 5. Klavierkonzert, in Es-Dur, diese energischen Züge. Zufall oder doch Seelen-Verwandtschaft? Auch bei Witt ist es kein gefälliger Konversationston mehr, vielmehr ein Dualismus aus lyrischer Kantabilität und nach virtuosen Überleitungen aus dramatischen Aufschwüngen. Für alle aufgeführten Sätze ist typisch, dass sie nicht die Führung einer Stimme überlassen, sondern (fast) gleichberechtigt sind und jeder bei Bedarf Primus inter Pares sein muss. Dementsprechend wirkten die Aufführungen sehr ausgeglichen, subtil ausbalanciert, und die Motivik durchlief ohne Nahtstellen die Stimmen. Spielerische Reinkultur in Vollendung und sensibles gegenseitiges Einhören mit genauester Übereinstimmung in Artikulation, Dynamik und Agogik waren dabei kaum zu übertreffen. Obwohl also bei einem Fazit alle durch lupenreine Spieltechnik aufwarteten, sollte dennoch der Hornist Benoit Gausse gesondert hervorgehoben werden: In Holzbläser-Ensembles wirkt das Waldhorn oft wie ein Fremdkörper, und Hornisten kämpfen zudem im sinfonischen Orchester auch oftmals mit den Tücken ihres heiklen Instruments von nahezu vier Metern Länge – allerdings in Windungen „gelegt.“Und natürlich gegen Vorurteile und Anekdoten - rund um die „Glücksspirale.“ Benoit Gausse kultiviert dagegen das Hornspiel in feinsten Nuancen, wirkt absolut sicher und flexibel in der Tongebung, die er sehr schlank und elegant gestaltet. Eine weitere Entdeckung in der von Gabi Szarvas wieder gekonnt und gewandt moderierten Veranstaltung.