Kaiserslautern
Gabriele Keiser schreibt über echte Serienmorde mit Verbindung zur Pfalz
Nun stellt sie in der Barbarossastadt ihren neuen Krimi vor, der in die alte Heimat führt und von einem echten Serienmörder erzählt. Von diesem berichtet sie demnächst auch im RHEINPFALZ-Podcast „Alles Böse“.
Warum? Das ist die große Frage, die sich Gabriele Keiser bei jeder ihrer Figuren stellt. So auch bei ihrem neuesten Roman, „Hast du Angst vor mir? Ein denkwürdiger Sommer“, in dem sich eine junge Frau unwissentlich in einen Serienmörder verliebt. Beruhend auf wahren familiären Begebenheiten erzählt die Autorin eine Geschichte aus Fakten, Fiktion und furchtbaren Traumata.
„Es war mir eine Herzensangelegenheit, etwas über meine Heimat zu schreiben“, sagt Gabriele Keiser – geboren im Februar 1953 als Gabriele Korn in Kaiserslautern und aufgewachsen in einem Dorf in der Westpfalz. Mit 19 Jahren zog sie aus ihrem Elternhaus aus, studierte in Marburg und Heidelberg und lebte einige Jahre in den USA, Frankreich und Österreich. Erst 1998 erschien ihr erster Kriminalroman, „Mördergrube“. Über die Jahre sollten viele weitere folgen. Die 72-Jährige ist inzwischen zweifache Großmutter, freie Schriftstellerin, Lektorin und Dozentin und hat sich in Andernach niedergelassen.
Männer waren rar gesät
Doch der Bezug zu Kaiserslautern ist ihr immer geblieben. „Ich stehe noch immer in engem Kontakt mit meiner ehemaligen Nachbarin, Elke, der ich diese Geschichte im Grunde verdanke“, sagt Keiser. Eine Geschichte, die in das ländliche Kaiserslautern der 1950er-Jahre führt – nur wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, dessen Wunden noch immer spürbar klafften. Die Männer, so Keiser, waren damals „rar gesät“. Besonders auf den Höfen. Viele Bauern starben im Krieg, gerieten in Gefangenschaft oder wurden vermisst. Die schwere Arbeit auf den Höfen übernahmen daheimgebliebene Frauen. „Da waren sie natürlich für jede helfende Hand dankbar“, weiß Keiser aus Erzählungen ihrer Mutter. Und wenn ein junger tüchtiger Mann seine Arbeitskraft gegen ein Zimmer im Haus und wenig Lohn anbot, „wurde der mit Kusshand aufgenommen“, erzählt die Autorin.
So ein junger Mann war auch Bernhard Prigan, der eines Tages als Knecht auf den Nachbarhof von Keisers Mutter zog. Ein Auto hatte er nicht, dafür aber ein Fahrrad, mit dem er kilometerlange Strecken zurücklegte. Strecken zwischen seinen Tatorten. Denn Bernhard Prigan war ein später verurteilter Serienmörder.
Der Duft des Rasierwassers
„Meine Nachbarin, Elke, war damals sieben Jahre alt, als sie mit diesem Mann unter einem Dach gewohnt hat“, berichtet Keiser. Nach ein paar Monaten sei Prigan wieder gegangen. Die Arbeit sei ihm zu schwer gewesen. „Aber Elke kann sich noch heute genau an den Duft seines Rasierwassers erinnern und an sein Aussehen“, erzählt Gabriele Keiser. Prigan nutze die Pfalz offensichtlich als Unterschlupf und hatte hier keine aktenkundigen Morde verübt. „Es hat niemand gewusst und niemand hätte ihm das zugetraut – bis eines Tages die Kripo auf dem Hof stand und verkündete, dass er drei junge Frauen umgebracht habe.“
Als Prigan im November 1952 nahe Schwetzingen gefasst wurde – überführt von einem Stück Brot in der Nähe seiner letzten Leiche – entwickelte sich ein Strafprozess, der selbst bei der internationalen Presse für Aufsehen sorgte. Denn er habe wohl mehr Morde begangen als die drei, für die er letztendlich 1953 zu lebenslanger Haft verurteilt worden war. Er verstarb 1976 nach einer Krankheit im Häftlingskrankenhaus. „Heutzutage kennt niemand mehr Prigans Namen, obwohl es damals ein Jahrhundert-Prozess war“, bemerkt Keiser.
Stapelweise Zeitungsartikel
Zugang zu gerichtlichen Akten aus der damaligen Zeit bekam Keiser zwar nicht – „aus dem Grund, dass einige von Prigans Opfern teilweise noch minderjährig waren und heute noch leben könnten“. Dafür hat sie sich durch stapelweise Zeitungsartikel zu dem Fall und dem Prozess lesen dürfen. Doch mit die wichtigsten Recherche-Quellen waren private Erinnerungen und Berichte von Opfer-Angehörigen, die sich bei ihr gemeldet hatten: „Ich habe bei uns in Andernach in einem ganz kleinen Blättchen über mein Projekt zu Bernhard Prigan berichtet. Daraufhin hat sich die Tochter eines seiner Opfer aus Duisburg bei mir gemeldet. Ihre Mutter war 16 Jahre alt und Arzthelferin, als Prigan sie eines Nachts auf dem Heimweg überfallen und vergewaltigt hat. Das Tragische: Die junge Frau wurde nach der Tat von ihrem nahen Umfeld – Familie, Freunde und Arbeitgeber – gemieden, weil es ihr die Schuld für die Vergewaltigung gegeben hat.“ Die Mutter lebt heute noch, ist nun 93 Jahre alt. „Und die Tochter sagt, dass seitdem kein Tag vergangen sei, an dem diese Nacht nicht präsent gewesen wäre.“ Es sei also ein Trauma, „das ein Leben lang besteht und teilweise auf die nächste Generation übergeht“. Keisers Anliegen ist daher beim Schreiben auch, „dass den Opfern und ihren Familien genauso viel Aufmerksamkeit geschenkt wird wie den Tätern“.
Dass sowohl Keisers inzwischen verstorbene Mutter als auch die Mutter ihrer Nachbarin Elke in das Beuteschema des Mörders passten, weckte auch bei der sonst eher hartgesottenen Autorin ein Schaudern. Die 19-jährige Roman-Protagonistin Linde sei zu Beginn des Schreibprozesses zwar sehr von Keisers realer Mutter inspiriert worden, habe sich jedoch „mit der Zeit zu einer eigenständigen Figur entwickelt. Einiges, was ich Linde auf den Leib geschrieben habe, hat meine Mutter zwar so erlebt, aber nicht alles“, stellt die Autorin klar.
Fiktive Liebesgeschichte
Durch die fiktiv eingeflochtene Liebesgeschichte zwischen Linde und dem benachbarten Serienmörder – im Buch Jean Margan genannt – schafft Keiser den Sprung vom Kriminalroman zum literarischen Roman und eröffnet einen Einblick in den Menschen hinter dem Mörder. „Ich möchte in meinem Buch kein Klischee, keine Silhouette und keinen Scherenschnitt des ,Bösen’ abbilden“, sagt sie weiter. „Denn jeder Mensch hat positive und negative Anteile – je nachdem, welches Leben er geführt hat.“
So habe Prigan, Keisers Recherchen nach, eine traumatische Kindheit zwischen Alkoholsucht und Gewalt seitens des Vaters und Promiskuität und Vernachlässigung seitens der Mutter durchlebt. „lm Grunde war er ein ganz armer Mensch, mit Eltern, die eigentlich keine waren. Da hat ein Kind kaum eine Chance, ,gut’ zu werden“, erklärt Keiser. „Durch seine Kindheit hat er keine Empathiefähigkeit entwickeln können, konnte weder Kummer noch Leid nachvollziehen, suchte die Aufmerksamkeit und war immer auf seinen eigenen Vorteil aus. Es gibt einfach solche Menschen und mit denen müssen wir leben“, gibt sie zu bedenken und erklärt: „Solche psychologischen Entwicklungsprozesse hebe ich in meinen Büchern immer wieder hervor, denn es ist mir wichtig, dass die Leser nachvollziehen können, warum die Figuren handeln wie sie handeln“, auch wenn sie nicht entschuldigen wolle, was Prigan getan hat. „Ich versuche mich als Autorin in all meine Charaktere hineinzuversetzen, die guten und die bösen. Und ich verurteile und werte sie nicht.“
Psychologie statt Schemata
Bei Keiser geht es also mehr um Psychologie und weniger um „Wer war's“-Schemata. So weiß man im Buch von Anfang an, in was für einen Menschen Linde sich verliebt hat. Die Spannung baut sich eher durch die Frage auf: Tut er ihr etwas an oder nicht? „Ich habe nicht den Anspruch, einen normalen Krimi zu schreiben. Ich möchte über die Dinge schreiben, die mir auf der Seele brennen.“
Dass Krimiautoren eine gewisse Abgebrühtheit mitbringen müssen, um solche Geschichten schreiben und verarbeiten zu können, treffe bei Gabriele Keiser „definitiv zu“, wie sie selbst sagt. „Ich habe nun so viel über Morde und Serientäter gelesen und recherchiert, dass ich eine gewisse Widerstandsfähigkeit aufgebaut habe. Ich kann das trennen und weiß, dass es nichts mit mir zu tun hat. Aber ich möchte immer wissen, warum. Das ist die ganz große Frage hinter all meinen Büchern. Warum tut ein Mensch so etwas und was hat er durchlebt, dass er so wurde, wie er ist? Das ist das, was mich interessiert.“
Termin
Musikalische Lesung zu „Hast du Angst vor mir?“ mit Gabriele Keiser sowie Gitarrist Manfred Pohlmann, Pfalzbibliothek Kaiserslautern (Bismarckstr. 17), Samstag, 24. Januar, 11 Uhr. Und am 3. Februar wird Gabriele Keiser mit dem stellvertretenden RHEINPFALZ-Chefredakteur Uwe Renners eine Folge des RHEINPFALZ-True Crime-Podcasts „Alles Böse“ aufnehmen und ausführlich über den Fall Prigan sprechen.