Kaiserslautern
Fußball erobert die Herzen amerikanischer Kinder
Auf den ganz großen Durchbruch wartet Soccer in den Vereinigten Staaten seit Jahren vergeblich. Zwar feiern die US-Damen regelmäßig beachtliche Erfolge, doch im Vergleich zu Deutschland fristen die amerikanischen Fußballer eher ein Nischendasein. Randsportart trifft's wohl am ehesten, vielleicht mit Wasserball oder Feldhockey in Deutschland vergleichbar. Ein Sport also, der – wenn überhaupt – etwas für Mädels ist. Umso erstaunlicher war das, was sich auf dem Sportplatz in Schwedelbach ereignet hat. Mehr als 200 Kinder und Jugendliche absolvierten ein Schautraining. Zu Gast waren zwei hochrangige Vertreter des Amerikanischen Fußball-Verbandes.
Der Gedanke ist naheliegend: Mehr als 50.000 US-Amerikaner leben in der Region, überwiegend im westlichen Landkreis. Allein in Schwedelbach wohnen rund 600 Amerikaner Tür an Tür mit 1.100 „Einheimischen“, wie Ortsbürgermeister Henning Schaumlöffel stolz erläutert. In der größten US-Gemeinde außerhalb der Staaten müsste eigentlich genügend fußballerisches Talent vorhanden sein, dachten sich einige unerschrockene Optimisten, als sie 2016 den Verein US Youth Soccer Europe gründeten.
Größter Trainingsstützpunkt in Europa
Gerade mal drei Jahre später nehmen 17 Jugendmannschaften sowie jeweils ein Frauen- und ein Männerteam am offiziellen Spielbetrieb teil, wie Raimund Sell, zweiter Vorsitzender der SpVgg ESP Erzenhausen-Schwedelbach-Pörrbach, berichtet. Der amerikanische Club zählt rund 250 Sportlerinnen und Sportler und ist damit der größte Trainingsstützpunkt in Europa. Grund genug also für den Amerikanischen Fußballverband, die Anlage und die Trainingsbedingungen genauer unter die Lupe zu nehmen. Chris Moore, Geschäftsführer des Amerikanischen Jugendfußball-Verbandes mit rund vier Millionen Mitgliedern weltweit, war die Begeisterung ins Gesicht geschrieben: „Das ist eine wunderbare Trainingsanlage mit zwei tollen Rasenplätzen, die Anzahl an Kindern und Jugendlichen ist sehr beeindruckend.“
Hochprofessionelles Konzept
Der Erfolg basiert auf einem ausgeklügelten und hochprofessionellen Konzept. Honorartrainer der in Landstuhl ansässigen Firma ProSoc leiten die Übungseinheiten, Talente werden gezielt gefördert. „Alles beginnt mit guten Trainern“, weiß Chris Duke vom Olympischen Entwicklungsprogramm, das weltweit die Ausbildungsziele vorgibt. Stolz erzählt Duke, dass sämtliche Frauen, die im Sommer den WM-Titel holten, das Programm durchlaufen hätten. Das System trägt Früchte. Dagegen wirkt die jüngste Meisterschaft der C-Juniorinnen auf den ersten Blick eher bescheiden, doch auch die Jungs holen mächtig auf. In allen Altersklassen belegten die US Youth Soccer einen Platz unter den ersten drei.
Profunde Ausbildung
Doch neben der profunden Ausbildung ist auch geduldige Kärrnerarbeit gefragt. ESP-Jugendleiter Marcel Braun, neben Sell das Bindeglied zum amerikanischen „Untermieter“, weiß um die Fluktuation innerhalb der Teams. Soldaten werden an andere Standorte verlegt, neue Militärangehörige ziehen zu. Wo immer er kann, wirbt Braun für die Schwedelbacher Fußball-Akademie, betreibt aktiv Akquise und versucht, den mit Baseball, American Football und Basketball sozialisierten US-Nachwuchs von der Faszination des Soccers zu begeistern.
„Man redet miteinander, versteht sich und knüpft Freundschaften“, schildert Sell die Zusammenarbeit und ergänzt: „Wenn das auf der Welt doch überall so wäre.“ Der Fußball ist immer dann stark gewesen, wenn er unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Menschen vereint. Wie in Schwedelbach. Obwohl es sehr wohl auch hier die Unterschiede gibt: „Die Kinder und Jugendlichen duschen nach dem Training nicht“, verrät Braun. Und noch etwas ist anders: Bei den Heimspielen gibt es statt Bratwurst und Frikadellen Hotdogs und Burger. Nicht nur deshalb sind die US-Teams bei ihren Gegnern gern gesehene Gastgeber.
Große internationale Jugendturniere wie der World-Cup im Sommer oder der Indoor-Cup im Winter zeigen die Schlagkraft der amerikanischen Soccer-Gemeinde, die ihre Kids gerne auch auf Fußballreisen ins Ausland schickt. Die US Youth Soccer Europe sind längst angekommen. In Schwedelbach. Und in der „Region Kaiserslautern/Ramstein“, wie ProSoc den Stützpunkt gerne etwas großspuriger bezeichnet.
Auf diese Entwicklung ist Sell fast ein wenig neidisch, erlebt die SpVgg ESP doch am eigenen Leib, wie schwer es ist, Nachwuchs für den Fußball zu begeistern. Lediglich die untersten Altersklassen können besetzt werden, in Spielgemeinschaften mit anderen Vereinen. Der ganz normale Alltag in deutschen Dorfvereinen. Und doch ist das internationale Flair auch in Schwedelbach zu spüren, wenn beispielsweise der Platzwart von Eltern amerikanischer Fußballer wie selbstverständlich als „Mister Greenkeeper“ begrüßt wird.
Zusammenarbeit mit der SV Elversberg
Dass am Ende doch alles mit allem zusammenhängt, beweisen die Kontakte der ProSoc. Deren Geschäftsführer und Gründer Sebastian Korst war Junioren-Nationalspieler, Bundesliga-Profi und ist im Besitz der UEFA-Trainer-Lizenz. Seine Kontakte in die Staaten bestehen seit seinem Studium in New York. Wie engmaschig die Netzwerke sind, zeigt die im Frühjahr geschlossene Vereinbarung zwischen ProSoc und der Frauen-Abteilung der Sportvereinigung 07 Elversberg. Diese sieht eine Zusammenarbeit in mehreren Bereichen vor. Das Ziel ist es, „Fußballerinnen am Stützpunkt Ramstein/Kaiserslautern noch besser auszubilden“. Unter anderem unterstützt die SVE den Trainingsbetrieb in Schwedelbach mit diversen Maßnahmen, die ProSoc vermittelt im Gegenzug Toptalente an die SVE und stellt ihr Know-how bei der Vermittlung von Fußball-Stipendien in den USA zur Verfügung.
Nahezu zeitgleich hat auch das Heinrich-Heine-Gymnasium in Kaiserslautern mit der SV Elversberg eine Kooperationsvereinbarung im Mädchen- und Frauenfußball geschlossen. Die SVE ist seit diesem Schuljahr offizieller Partnerverein der Eliteschule des Fußballs und somit weibliches Pendant zum 1. FC Kaiserslautern für den männlichen Bereich.
„Win-Win“ nennen die Amerikaner Projekte, bei denen am Ende alle Beteiligten profitieren. Zumindest für die amerikanischen Jungen und Mädchen, die in Deutschland leben, ist Soccer längst mehr als eine Randsportart. Die konzeptionelle Ausbildung und das professionelle Umfeld müssten eigentlich der ideale Nährboden für zukünftige Nationalspieler sein. Die US-Damen haben es vorgemacht. Jetzt wären langsam mal die Jungs dran.