Kaiserslautern Frisch verstimmt für Stunden auf dem Bolzplatz
Die 1966 in Frankenthal geborenen Zwillinge Johannes und Friedemann Pardall bilden den Abschluss unserer kleinen Serie über Zwillinge im Kulturbetrieb. Doch wer weiß: Vielleicht kommen doch noch welche nach?
Die Pardall-Zwillinge bekamen musisches Erbgut in die Wiege gelegt: Der Vater war Lehrer, dann Ministerialrat im Kultusministerium und hat die Konzertreihe der Landesstiftung „Villa Musica“ mit einem konzertanten Zusammenwirken aus Dozenten und Studenten nach Kammermusikkursen mitbegründet. 40 Jahre sang er bei der berühmten Gächinger Kantorei unter Helmuth Rilling und ging auch in der Familie mit gutem Beispiel voran. So wurden die Zwillinge folgerichtig schon im Alter von acht Jahren bei der Kreismusikschule Ludwigshafen angemeldet. „Es lag Musik in der Luft“, war der Eindruck der Brüder in der Reflexion häuslicher Atmosphäre. Sie sollten nach väterlichem Plan eigentlich Klavier lernen, doch die Deputate der entsprechenden Lehrkräfte waren ausgeschöpft. Dagegen waren zwei Plätze, einer für Violine und einer für Cello, frei. Ohne zu wissen, was überhaupt ein Cello ist, entschied sich Friedemann gegen die Geige und für ein Abenteuer mit offenem Ausgang, und Johannes nahm die Geige. Neben dem Vater hinterließ auch ein Onkel prägende musikalische Eindrücke, weil er sich in den 1960er Jahren im Keller dem Free Jazz widmete; so kamen mannigfaltige Eindrücke zusammen. Die Brüder entwickelten sich schon in der Schulzeit fast parallel zu Nachwuchskünstlern mit Meriten beim Wettbewerb Jugend musiziert, der nach Ausführungen von Johannes Pardall damals noch Auslesecharakter und hohen Stellenwert im „Hürdenlauf“ hatte. Er schaffte den Sprung bis zum Landeswettbewerb, sein Bruder auf dem Cello dagegen in der Solowertung bis zur Bundesebene. Gemeinsam musizierten sie in einem Streichquartett und gewannen in der entsprechenden Kategorie beim Bundeswettbewerb den zweiten Preis. Nach dem Abitur 1985 begann für beide die Zeit bei der Bundeswehr, die ebenfalls musikalisch vom gemeinsamen Quartettspiel begleitete wurde. Dann trennten sich die Lebenswege: Friedemann studierte sein Instrument im Hauptfach in Basel, Johannes in Lübeck. Trotz gemeinsamer musikalischer Begegnungen und Ziele hatte allerdings jeder schon zuvor eine eigene Clique, versichert Johannes. „Wir haben aneinander gehangen und doch auch eigene Freiräume genutzt“, erklärt Johannes. Sein Bruder Friedemann verweist auf den Bolzplatz neben dem Elternhaus, der eifrig gemeinsam genutzt wurde, dafür wurden vorab eigens die Instrumente „frisch verstimmt“, um Zeit zu schinden. Auf den ersten Blick hat der Cellist mit den höheren Wettbewerbserfolgen und dem Ausgangspunkt als Solocellist des Jugendorchesters der Europäischen Gemeinschaft unter Claudio Abbado die steilere Karriere hingelegt. Mit Stationen in Hamburg beim NDR-Sinfonieorchester, Kiel und Bremen wurde aus dem Pfälzer ein Nordlicht, bis er in den „Ruhrpott“, als erster Solocellist der Duisburger Philharmoniker, wechselte. Der Lebensweg von Johannes scheint steiniger, aber auch erlebnisreicher: Bis 1992 studierte er Geige, um dann ein Jahr während einer Selbstfindungsphase in Belfast mit Behinderten zu arbeiten. Danach studierte er in Köln Musikwissenschaft und Romanistik und lernte parallel um auf die Bratsche. Ohne abgeschlossenes Bratschenstudium im Orchesterfach bekam er dennoch seine jetzige Stelle im Pfalztheater-Orchester, legte aber dann die Prüfungen am Mainzer Konservatorium ab. Obwohl Johannes Pardall in Mozarts Doppelkonzert für Violine und Bratsche zusammen mit Konzertmeister Monnier auch solistische Fähigkeiten nachwies, ist er ein „Mannschaftsspieler“, ein Kammermusiker par excellence und wirkt zusammen mit Ehefrau Mari Kitamoto in einigen Formationen mit, moderiert und betreut etwa die Kammerkonzerte des Pfalztheaters. Sein Faible für Kammermusik mit Streichern lebte er schon zu Studienzeiten in Frankfurt mit dem Buchberger Quartett aus oder in Salzburg unter Anregung vom kürzlich verstorbenen Spezialisten für Alte Musik, Nikolaus Harnoncourt. Einen interpretatorischen Kontrast dazu wählte er mit dem Ensemble Modern um Heinz Holliger. Noch immer gibt es – wenn auch seltener als früher – ein gemeinsames Musizieren: Jüngst im Mai bei den von Johannes Pardall organisierten Kammermusiken in einem Zellertaler Weingut zusammen mit Ehefrau Kitamoto, bei den Pfalztheater-Matineen wirkte der Duisburger Cellist auch mit und half auch mal im Orchester aus, was – in Unkenntnis des Sachverhalts – zur Annahme führte: Spielt der Pardall nach Geige und Bratsche jetzt auch noch Cello? Die Serie —Teil eins mit den Vanecek-Zwillingen erschien am 1. Juni, Teil zwei mit den Klimmer-Zwillingen am 30. Juni.