Kaiserslautern
Frauenarztpraxen sind massiv überlastet: „Wir werden überrannt“
Lange Warteschlangen auf dem Flur, weinende Patientinnen, die abgewiesen werden müssen, erboste Frauen, die die Angestellten am Empfang beschimpfen, erlebe sie tagtäglich, sagt Helb-Jäger. Am Empfang fallen Sätze wie: „Wenn ich Krebs bekomme, weil Sie mir keinen Vorsorgetermin geben, sind Sie schuld.“ Die Situation sei katastrophal, schlägt die Ärztin Alarm. „Dieser Ansturm ist nicht zu stemmen, wir werden überrannt.“ Auch für die Angestellten sei das sehr belastend. „Natürlich sind wir für immer für Notfälle da, aber wir können die Patientinnen dann nicht weiterbehandeln“. Seit Anfang Oktober reiße dieser Ansturm nicht ab, in Praxen von Kolleginnen sehe es genauso aus. „Es muss dringend etwas passieren“, fordert Helb-Jäger. Sie fühle sich von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) im Stich gelassen. Dorthin hat sie sich mit einer Überlastungsanklage gewandt, um Beschwerden von Patientinnen zuvor zu kommen.
Schon vor der Schließung des MVZ Gynäkologie in der Schneiderstraße seien sie am Rande der Belastungsgrenze gewesen, schildert Helb-Jäger. Von der Schließung des MVZ seien sie nicht informiert worden. Damit habe sich die Situation sehr zugespitzt. Da sei schließlich auch das eigene Seelenheil bedroht, man erlebe sich kurz vor dem Burn-out, sagt Helb-Jäger. Als sie sich persönlich an die KV gewandt habe, hieß es von deren Seite, Kaiserslautern sei zum gynäkologischen Brennpunkt erklärt worden. Man habe sich redlich bemüht, Ärzte für die Stadt zu gewinnen, doch ohne Erfolg. Helb-Jäger ist erbost. „Wir brennen für unseren Beruf und möchten unsere Patientinnen gut versorgen“, betont sie. „Das ist doch in unser aller Sinn.“ Auf der Suche nach einer dauerhaften gynäkologischen Versorgung müsse man weiter hinaus aus der Stadt. In Frankenthal sei die Situation schon eng, in Mainz und Ludwigshafen seien noch Termine zu bekommen.
Vorwurf: MVZ hat ohne Vorankündigung geschlossen
Auch Anne Schwiebus ist verärgert, dass das MVZ ohne Vorankündigung geschlossen hat. Ende September hätten sich die ersten Patientinnen vom MVZ wegen eines Termins bei ihr gemeldet. „Niemand hat die Kollegen informiert, bis heute nicht. Wir haben durch die Patientinnen von der Schließung erfahren.“ Schwiebus ist auch deshalb verärgert, weil sie mit etwas Vorlauf eine Notfallversorgung hätte organisieren können. Auch Arzthelferinnen des MVZ seien von der Schließung überrumpelt worden und hätten sich in Panik an sie gewandt. Diese Erfahrungen genauso wie die Verärgerung teilt Schwiebus mit weiteren Kolleginnen in Kaiserslautern. Einzig die Abteilung Gynäkologie im Westpfalz-Klinikum sei informiert gewesen. Das sei für Kassenpatientinnen aber keine Hilfe, denn für eine ambulante Kassen-Sprechstunde sei das Klinikum nicht zuständig.
Alle Terminanfragen von neuen Patientinnen muss Schwiebus ablehnen, informiert dazu auch auf ihrer Homepage im Internet. „Wir hatten massive Anfragen.“ Der Ansturm sei seither nicht abgeebbt. 50 bis 60 Anfragen pro Tag fallen nach ihren Worten an – „das Telefon war wochenlang blockiert.“ Schon für eine Routineuntersuchung wie die Krebsvorsorge brauche es jetzt einen Vorlauf von etwa fünf Monaten. Akutfälle müssen zwei bis drei Monate Wartezeit für einen Termin in Kauf nehmen.
Frauenärztin weist auf Hotline hin
Für einen dringenden Termin rät Schwiebus, sich telefonisch an die KV zu wenden und zwar unter der Patientennummer 116 117. Dort werden die kurzfristig freigewordenen Termine, etwa durch Absagen wegen Krankheit, in den Praxen weitervermittelt. Für eine langfristige Versorgung müsse man bis nach Ludwigshafen gehen.
Drei Kollegen sind im vergangenen Jahr ausgefallen, schildert Schwiebus. Zum Januar 2022 hat Andrea Mischler ihren Kassensitz zurückgegeben und behandelt nur noch Privatpatientinnen. Sie hatte die Kollegen bereits mehrere Monate vorher darüber informiert. Ende März sei Klaus Leidinger ausgeschieden, sein Kassensitz ist verfallen, weil sein Nachfolger Kyriakos Byrakis den eigenen Kassensitz nach Kaiserslautern verlegt habe. Andreas Dudko hat seine Praxis Ende 2022 geschlossen. Seine Nachfolge sei offiziell ausgeschrieben, so Schwiebus. So seien vier Kassensitze von Gynäkologen in Kaiserslautern aktuell unbesetzt. Auch Schwiebus sieht sich im Dilemma: „Ich bin glücklich in meinem Job. Aber die Lage jetzt ist schlimm – es ist krass, was jetzt passiert.“