Kaiserslautern Frankierte Schätze

Wenn ein Künstler zum Stift greift, kommt praktisch immer Kunst dabei raus. Erst recht, wenn er einen Brief schreibt oder gar zeichnet. „Arte postale“ nennt sich eine Ausstellung, die ab Sonntag in Pirmasens solche künstlerische Post zeigt. 300 Exponate aus dem Biedermeier bis heute hat die Berliner Akademie der Künste dafür aus ihren Depots geholt. Das Ergebnis ist eine beeindruckende Schau dessen, was sonst in Ausstellungen nur als Randnotiz zu sehen ist.
Das Pirmasenser Kulturzentrum „Forum Alte Post“ im 100-jährigen „Königlich Bayerischen Postamt“ ist für eine Ausstellung über künstlerische Post der passende Rahmen, auch wenn in dem Haus aber auch gar nichts mehr an das Postwesen erinnert. Die Ausstellung ist aber trotzdem nur eine Zweitverwertung. Im vergangenen Jahr war die umfangreichere Version von „Arte Postale“ in der Berliner Akademie der Künste zu sehen, wo sie der Pirmasenser Kulturamtschef sah und gleich für die Westpfalz orderte. Eine Idee, von der Akademie-Präsident Klaus Staeck so begeistert war, dass er am Sonntag die Ausstellung persönlich eröffnen will. Staeck ist schließlich selbst ein großer „Mail-Artist“, der mit seinen Postkarten-Editionen die Kunst massenfähig machte und seit Jahrzehnten Pinnwände mit seinen Grafiken beliefert. Das ist eine Seite der Künstlerpost. Die Pirmasenser Ausstellung beginnt natürlich mit dem Klassiker, dem geschriebenen und gezeichneten Brief eines 16-Jährigen, der es später als Theaterregisseur zu Ruhm bringen sollte. 1907 huldigte Erich Engel auf diese Art seiner Jugendliebe. Gerade der amourösen Post verdankt das Archiv der Akademie einen gigantischen Fundus. Nicht nur Künstler beflügelt die Liebe zu ungeahnten Leistungen. Der Grafiker Max Schwimmer schrieb seiner Liebsten etwa 500 Blätter mit aquarellierten Darstellungen der Angebeteten in allen möglichen Variationen und Texten, die auch den Ausstellungskuratoren zu deutlich wurden. Nur die harmloseren Briefe sind in der Pirmasenser Ausstellung zu sehen. Die versandte Kunst zur eigenen Kunstform entwickelten mehrere Künstler, und hier wird die „Mail-Art“ dann auch politisch. In der DDR wurden Mail-Art-Projekte als Mittel des künstlerischen Widerstands benutzt, sehr zur Verwirrung der Staatssicherheit, die in einigen in Pirmasens zu sehenden Akten ihr Unverständnis gegenüber dieser Art von Kunst ausdrücken. Andere Projekte aus südamerikanischen Diktaturen der 1970er und 80er Jahre lassen den Schrecken erahnen, der in diesen Ländern mit Folter und Tod drohte. Mehrere der künstlerischen Versender landeten wegen der Post denn auch im Gefängnis. Ob die künstlerische Post noch eine Zukunft hat, darüber darf der Besucher angesichts vieler wirklich ungewöhnlicher Sendungen ebenfalls spekulieren. Mit Sicherheit würden heute von der privatisierten Post mehrere der einst beförderten Werke einfach nicht mehr angenommen und zugestellt. Die Holzpostkartenblöcke von Joseph Beuys, von denen 28 in Pirmasens zu sehen sind, etwa. 1977 jedoch beförderte die Deutsche Post brav die korrekt frankierten Blöcke an Klaus Staeck. Selbst als Beuys die Adresse vergaß, wusste die Post, wohin die Reise gehen sollte. Und wenn in Pirmasens ein solches Projekt Station macht, darf natürlich auch der dort geborene Hugo Ball nicht fehlen. Das Hugo-Ball-Archiv der Stadt steuerte Briefe des Dada-Begründers bei, auf denen sich der Dramatiker jedoch „nur“ mit Text ausgedrückt hatte. Die Postdadaisten hingegen nutzten das Medium Post fleißig für die künstlerische Entwicklung auch mit visuell ansprechenden Kreationen. Die Berliner Ausstellung soll so umfangreich und vor allem gehaltvoll gewesen sein, dass viele Besucher mehrfach kamen, wie die Kuratorin Rosa von der Schulenburg erzählt. Ähnliches dürfte in Pirmasens passieren, wo selbst die abgespeckte Version so viel Substanz hat, dass es bei einem Besuch allein nicht zu fassen sein dürfte.