Pfalztheater Kaiserslautern
Frankenstein: Der doppelte Schöpfungsprozess
Premiere ist am 14. März im Großen Haus. Im Pfalztheater-„Frankenstein“ erzählen Tänzer und Schauspieler die Geschichte von der Kreatur und ihrer Schöpferin Mary Shelley. Stephan Beer inszeniert, die Choreografie übernimmt der international renommierte Bryan Arias.
Schauspieldirektor Stephan Beer und Tanzdirektorin Luisa Sancho Escanero bringen in ihrem Theaterabend verschiedene Ebenen zusammen. Sie erzählen nicht nur die Geschichte des Studenten Viktor Frankenstein und der von ihm geschaffenen Kreatur, sondern auch die Geschichte der Autorin Mary Shelley. Es geht also um einen doppelten Schöpfungsprozess in einer Rahmenkonstellation, wie man sie aus Novellen des 19. Jahrhunderts kennt. Aber eben auf der Bühne, mit den Ausdrucksmitteln des Theaters.
Schauergeschichten gegen die Langeweile
Mary Shelley, Tochter der Autorin und Feministin Mary Wollstonecraft und des Sozialphilosophen William Godwin, war auf Reisen, als sie die Geschichte von Frankenstein und der Kreatur geschrieben hat. Die erst 18-Jährige, die damals noch Mary Godwin hieß, war mit ihrem Geliebten, dem noch verheirateten Dichter Percy Bysshe Shelley, von England nach Europa durchgebrannt und verbrachte den düsteren Sommer 1816 in der Schweiz. Außergewöhnlich heftige Gewitter zwangen sie, die Zeit in einem Chalet am Genfersee zu verbringen. Um der Langeweile zu entfliehen, schlägt Gastgeber Lord Byron vor, sich Schauergeschichten auszudenken.
„Das ist ein Stoff, der sehr über Körper beschreibt. Es geht um eine Figur, die zusammengesetzt wird und gehen lernen muss. Philosophisch-intellektuell passiert das über das Schauspiel, körperlich über den Tanz“, sagt Luisa Sancho Escanero zur Romagrundlage der Kaiserslauterer Inszenierung. „Bryan Arias ist einer der berühmtesten Choreografen im zeitgenössischen Tanz und er arbeitet auch gut mit Handlung, auf eine ganz organische Art. Deshalb habe ich ihn gefragt, ob er ,Frankenstein' übernehmen will“, erzählt sie weiter.
Faust-ähnliche Fragen
Der Choreograf stellte sich zunächst die Frage nach der Relevanz eines „Monsters“ in unserer Zeit. „Mit diesem Begriff verbinde ich Furcht und Isolation, aber auch Verantwortung. Diese neue Story ist für mich eine starke Metapher dafür, dass man immer eine Wahl im Leben hat“, meint Bryan Arias.
Gerade in Zeiten von Künstlicher Intelligenz (KI) könnte das Monster auch die sozialen Netzwerke sein, die sich verselbstständigen, oder die Genetik. „Wie weit dürfen wir als Menschen gehen im Drang nach Wissen? Wo sind die realen wie die ethischen Grenzen unseres Handelns? Das ist eine Fragestellung wie bei Goethes ,Faust': Sollte man alles, was möglich ist, in die Tat umsetzen?“, betont auch Regisseur Stephan Beer.
Schauspiel und Tanz
Einsamkeit und Isolation waren für Mary Shelley ebenso ein Thema wie für die Kreatur, die von allen abgelehnt wird, und für Viktor Frankenstein, der seine Geliebte Elisabeth für die Rückkehr zum Studium in Ingolstadt verlässt und das mordende Monster geschaffen hat. Mary Shelley selbst verlor vier von ihren fünf Kindern, im Alter von 25 Jahren starb ihr Mann bei einem Unfall.
Auf der Bühne kommen für diese Geschichte Schauspieler und Tänzer zusammen, die zunächst ganz unterschiedliche Bedürfnisse haben, um sich ausdrücken zu können. „Sie müssen sich erst einmal kennen lernen“, betont Choreograf Bryan Arias. „Es ist eines meiner Ziele, bei der gemeinsamen Arbeit Neues zu entdecken, Gewohnheiten zu durchbrechen und über die eigenen Grenzen hinauszugehen. Das ist der Weg, wie man etwas schaffen kann, das uns bewegt. Sonst wären wir Maschinen. Und die Schauspielkollegen gaben sich der Bewegung auf den Proben genauso hin wie die Tänzer, wenn auch anders.“
Tanz als eigene Kunstform
Das sei wichtig, denn Bryan Arias versteht den Tanz als eine universale Sprache. „Tanz ist ein Weg zu sagen, was man durch Worte nicht ausdrücken kann. Und man muss den Platz finden, an dem das stattfinden kann. In einer gemeinsamen Produktion mit Schauspielern ist das ein Prozess des Suchens, der den ganzen Schaffensprozess durchzieht.“
„Tanz hat eine Superpower, ist aber auch unbequem, denn der Tanz bringt uns aus unserer Komfortzone heraus“, stellt Luisa Sancho Escanero fest. „Wir generieren keine Partitur und keinen Text, Tanz ist immateriell.“ Die eine Kunstform müsse die andere ergänzen und vergrößern, ist Bryan Arias überzeugt.
Fließende Ortswechsel auf der Bühne
Das passiert in Kaiserslautern im Bühnenbild von Georg Burger. „Bei ,Frankenstein' gab es verschiedene Herausforderungen durch die verschiedenen Handlungsebenen; außerdem muss man Platz für die Bewegungsbedürfnisse der Tänzer schaffen“; sagt er. „Für mich hat sich damit die Frage gestellt: Wie strukturiert man das auf der Bühne?“ Aus dem Orchestergraben führt nun eine Treppe hoch in eine Villa. „Wir haben uns am Roman orientiert, das heißt wir haben viele fließende Ortswechsel. Das geht fast filmisch ineinander über, Orte werden im Bühnenbild symbolisch angedeutet, Podien fahren, darauf steht unsere Band“, erläutert er. „Ich habe mich dabei auch von Horrorfilmen inspirieren lassen; Frankensteins Labor gibt es auch, mit historischen Anspielungen und vielen Lichteffekten“, erzählt Georg Burger. „Jeder kann für sich selbst ergänzen: Was ist das für ein Raum?“ Außerdem ist die Bühne mit einem Tanzboden ausgelegt.
Und noch eine dritte Komponente kommt in der Kaiserslauterer Produktion dazu: die Musik. „Ich freue mich sehr, dass das Theater eine Band auf die Bühne stellt“, sagt der Musiker, Sounddesigner und Komponist Jan Beyer. „Ich nehme akustische Instrumente, die ich durch Elektrizität zu neuem Leben erwecke. Ich ziehe dann viele Kabel und Knöpfe auf der Bühne, auch ein Klavier wird da sein. Für die Musik lasse ich mich von dem inspirieren, was auf den Proben passiert; ich bin ein sehr intuitiver Mensch.“
Termin
„Frankenstein“, Pfalztheater Kaiserslautern, Großes Haus, Uraufführung 14. März, 19.30 Uhr, Großes Haus, weitere Vorstellungen am 19. und 22. März, am 11., 16. und 26. April sowie im Mai und Juni, Infos und Karten: www.pfalztheater.de.