Kaiserslautern
Filmjob an den Nagel gehängt: Alex Müller radelt zum Nordkap
Einfach mal losradeln und alles hinter sich lassen. „Mit diesem Gedanken habe ich schon länger gespielt“, gibt Alex Müller zu, wenn er davon spricht, 4000 Kilometer mit dem Rad nach Norwegen radeln zu wollen. Dabei hatte es den Kaiserslauterer einiges an Herzblut gekostet, sich eine Karriere als Virtual Designer aufzubauen. „Deswegen halten mich meine Familie und Freunde für wahnsinnig“, erzählt der 33-Jährige. „Meine Eltern haben mir als Kind eingetrichtert, ich soll fleißig sein und etwas aus mir machen.“ Nachdem er das erreicht habe, stelle er genau diese Aussage für sich in Frage.
Harter Weg in die Filmbranche
Denn mittlerweile zieren Hollywood-Produktionen wie „Meg“ (2018), „Bumblebee“ (2018), „Stranger Things“ (2021) oder „Game of Thrones“ (2019) seinen Lebenslauf. „Ich mache sozusagen das, was sich beim Dreh nicht umsetzen lässt.“ Beispielsweise wenn im Film ein Flugzeug abstürzt, kommt er zum Einsatz. „Früher nannte man das Spezialeffekte.“
Der Weg dahin sei für den jungen Mann, der als Kind von Russland nach Deutschland übersiedelte, nicht immer einfach gewesen: „In der Schule lief’s nicht so gut.“ Später folgte eine abgebrochene Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann. Erst ein Wiedersehen mit einem ehemaligen Klassenkameraden, der bereits Virtual Design studierte, gab Müller einen Eindruck, „was beruflich noch drin war“. Es folgten Abitur, Studium und ein Traineeship in Düsseldorf. Ebenfalls keine leichte Zeit, erinnert sich Müller an Tage, an denen das Gehalt nur für Haferflocken mit Wasser reichte. „Wenn man aus der Werbebranche raus will, muss man hart arbeiten – die Chance habe ich genutzt.“
Nach einem Auslandsaufenthalt in Bangkok und einer kurzen Phase der Freiberuflichkeit unterbreitete ihm eine Rekrutierungsfirma die Mitarbeit an dem Hai-Horror-Streifen „Megalodon“ – „mein bislang größtes Projekt“. Seitdem ist Müller gut im Geschäft: „Ich habe nonstop gearbeitet – auch weil in der Pandemie die Streaming-Dienste produzieren wie verrückt.“ Für seine Arbeit war er in ganz Europa unterwegs, seit der Pandemie arbeitete er von Kaiserslautern aus.
Erfolg forderte Tribut
Das hatte auch seine Schattenseiten: Seine Beziehung zerbrach. Panikattacken setzten ihm zu. In einer Kurzschlussreaktion ließ er seinen Arbeitsvertrag auslaufen, kündigte die Wohnung und inserierte seine Möbel. „Ich hatte das Gefühl, sofort mit dem Fahrrad losfahren zu müssen.“ In wenigen Tagen organisierte Müller so seinen Ausstieg auf Zeit.
Sorgen um seine Vorbereitung macht sich der Hobby-Radler keine: Die von der PC-Arbeit verkürzte Beinmuskulatur habe er vorab behandeln lassen. Infos zu notwendigem Gepäck, wie ein Militärwinterschlafsack für die Wetterverhältnisse vor Ort habe er recherchiert. Dort schwankten die Temperaturen im Sommer schon auch mal zwischen 5 und 15 Grad. Ein Umstand, der ihn nicht abschreckt: „Ich liebe es, über meine Grenzen hinauszugehen und wenn die Knie mal nicht machen, nehme ich mir eine Pause.“ Skandinavien sei dafür besonders ideal, weil es offen und herzlich sei und das Jedermannsrecht erlaube, überall sein Zelt aufzuschlagen.
Radeln für den guten Zweck
Obwohl diese Reise in erster Linie dafür da sei „seinen Nullpol“ wieder zu finden, verspricht sich Müller damit auch im Nachhinein Gutes für andere zu bewirken: Eigens dafür habe er den Kanal „roofless.cat“ (etwa „wohnungslose Katze“) auf der Bilderplattform Instagram angelegt. Dort können Nutzer ähnlicher einer Schnitzeljagd seinen aktuellen Standort verfolgen.
„Ich hoffe, so Aufmerksamkeit für künftige Spendentouren generieren zu können.“ Zu dieser Idee angestoßen habe ihn der Dokumentationsfilm „Biking-Boarders“, der von der Spendenradtour zweier Männer erzählt. „Davon inspiriert dachte ich mir, wenn ich die Tour schon unternehme, kann ich sie mit etwas Gutem verbinden.“
Ob es nach seiner Nordkap-Reise für ihn erst mal wieder für einige Monate zurück in den Job geht, hält sich der 33-Jährige offen. „Mich machen Materielles und Geld nicht glücklich.“ Deshalb könne er sich gut vorstellen, dauerhaft Spendenfahrten zu unternehmen. Für ein konkretes Hilfsprojekt, für das der 33-Jährige später Gelder erradeln will, hat er sich noch nicht entschieden. Wichtig sei ihm jedoch, dass das Spendenkonto transparent sei und jeder Cent ankomme. Bis dahin glaubt er an sein Ziel: „Dafür müssen wir aber erst einmal viele sein, um Großes bewirken zu können.“