Kulturzentrum Kammgarn
Festival der Kulturen: Ein außergewöhnliches Erlebnis
Leider aber vor einer überschaubaren Besucherkulisse und nur musikalisch etwas getrübt durch einen Pseudosolisten, der eigentlich ein Teamplayer sein sollte.
Eigentlich haben wir selbst im Kulturzentrum Kammgarn über Jahrzehnte (fast) alles irgendwann und irgendwie erlebt: So die verschiedensten internationalen Musikstile, Gattungen und Genres und dies sowohl authentisch wie auch in skurrilen Mischformen und den verschiedensten Ausprägungen. Dennoch gibt es immer wieder faszinierende Formationen wie jetzt das namens „Kolinga“, das die stilistischen Grenzen überwindet und dabei etwas Unvergleichliches, Eigenständiges und zugleich Bodenständiges schafft: Das französisch-kongolesische Sextett namens „Kolinga“ ist mit seinem Namen zugleich Programm, der bedeutet „Verbinden“ – und in der Tat, das 2014 als Duo gegründete Ensemble verbindet Musikkulturen, Traditionen und Klangidiome zu einem einzigartigen Stil, der vieles adaptiert und doch auch zugleich in der Mixtur von Vokal- und Instrumentalmusik, von einschmeichelnder Melodik der Frontsängerin und „Geburtshelferin“ des damaligen Duos, Rebecca M’Boungou und eindringlicher Rhythmik in dieser Form einmalig ist.
Klangfarben, Musikstile, Sprachen
Es ist nicht leicht zu beschreiben, was dieses Sextett in seiner seltenen Kombination aus vielen Klangfarben, Musikstilen, Sprachen in der Vokalmusik wie französisch, englisch und Lingala (afrikanische Sprache) kreiert: Schwer fasslich und doch eingängig, noch nie gehört und doch eine Art Ursprache mit Elementen wie eine Art Urschrei und zugleich einlullend wie ein Wiegengesang: Es ist zunächst der unglaublichen Vielseitigkeit der Gründerin und Frontsängerin zu verdanken, dass dieser Auftritt mit jedem Musiktitel immer wieder neue Höhepunkte und Entdeckungen sowie Sensationen offenbarte: Sie singt im Rap-Stil oder staccatierten Sprechgesang, der bei einem Titel an die berühmte Sprechfuge von Ernst Toch erinnert. Danach klingt sie wie eine Chansonnière, dann wieder wie eine Soulsängerin, erinnert in der ekstatischen Intensität an Spirituals und mit der Innigkeit der Gestaltung an Popballaden.
Zudem spielt und begleitet sie sich auf den Tasten, Gitarre und mit Schlaginstrumenten und zeigt eine lebendige Bühnenpräsenz. Die Stimme hat Schmelz, Ausdruckstiefe und geschulte Klarheit sowie Reinheit. Mit den diese betörende Stimme umschmeichelnden Blasinstrumenten von Vianney Desplantes (Baritonhorn, Trompete) sowie der Querflöte von Jerome Poirier-Quinot (beide auch vokalistisch) hätte es eigentlich ein ganz großer Abend werden können, ja müssen: Zumal sich auch der Leadgitarrist Joel Riffard mit seinen brillanten Soli noch gut und nahtlos in diese Musik einfügte, sie bereicherte ohne aufdringlich zu wirken.
Dominantes Schlagzeug
Leider interpretierte aber der überaus dominante Schlagzeuger seinen Part nicht als Takt- und Impulsgeber, sondern verstand sich als permanenter Dauer-Solist, der mit ungewöhnlicher Kraftanstrengung und maßloser Übertreibung diese durchaus schöngeistige Musik zu forcieren und zu übertönen suchte, was ihm zu seinen Gunsten gelang, die Aufführungen aber nicht bereicherte. Der Basspart von Johary Rakotondramasy passte sich dem Schlagzeugpart an, zu bremsen vermochte er ihn auch nicht und auch er könnte seinen Part mehr stützend und auf den führenden Gesangspart abgestimmt begreifen.
Letztlich hat sich die Formation etwas von dem bezaubernden Charme der charismatischen Frontsängerin entfernt und versucht auf Biegen und Brechen alles umzukrempeln. Fazit: Dieses Ensemble hat eine schier überbordende Fülle an Qualitäten, an herausragenden Persönlichkeiten sowie an Spielwitz und die Arrangements, sind als eigene Form von Weltmusik überzeitlich und originell zugleich hochklassig in dieser Kombination: Man müsste sie besser aussteuern, aufeinander abstimmen und einen einheitlichen Klangstil finden.